S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Die Verachtung des Spießers

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Das eigentliche Problem an Christian Wulff ist für viele Vertreter der Meinungselite seine demonstrative Kleinbürgerlichkeit. Je länger die Affäre dauert, desto stärker treten die Vorbehalte hervor.

Was spricht gegen eine Klinkerfassade? Überhaupt nichts, wenn einem die Meinung des deutschen Feuilletons weitgehend egal ist. Oder eben sehr viel, wenn man zu den Menschen zählt, die sich auf ihre Weltläufigkeit viel einbilden.

Christian Wulff hat sich ein Haus mit Klinkerfassade gekauft. Möglicherweise ist das sein größter Fehler gewesen. Jeder hätte verstanden, wenn er sich eine Altbauetage in Hannover zugelegt hätte, dann auch mit einem Kredit von seinem Freund Maschmeyer. Aber 415.000 Euro für ein Fertighaus in Großburgwedel? Darüber kann man in den aufgeklärten Kreisen nur den Kopf schütteln.

Wohin sie blicken, können die professionellen Betrachter nur Mittelmaß erkennen, ein erschreckenden Mangel an "Zeitgenossenschaft und Gestaltungswillen", wie es unlängst in der "taz" hieß. "Unglaublich bieder" erscheint ihnen alles an dem Ensemble, das den Präsidenten verlässlich in den Schlagzeilen hält ("die Proportionen stimmen nicht, und die Fensterkreuze sind nur aufgeklebt"), "trostlos" ("Handelsblatt") auch das Ferienhaus. Die "FAZ" bemängelt gleich den ganzen Lebenszuschnitt der Bewohner und resümiert: "Es ist das Deprimierende an dieser Affäre, dass sie in jeder Situation immer wieder einen Mann zeigt, dessen Möglichkeiten mit den Ämtern wachsen, ohne dass sich die Verhältnisse seines Denkens ändern. Das geborgte Haus ist nur ein Klinkerhaus, der geschenkte Urlaub führt nicht auf eine Südseeinsel, die Piefigkeit ist immer wieder nur dieselbe Piefigkeit."

Mit anderen Worten: Einem flamboyanteren Mann hätte man seine Verfehlungen vielleicht verziehen, einem solchen Spießer auf keinen Fall.

Die Mehrheit wohnt wie die Wulffs

Wer nach einer Erklärung sucht, warum so viele Deutsche zu Wulff halten, findet sie auch in dieser herablassenden Betrachtung einer Welt, die für die meisten Normalität ist. Das Stichwort hier ist Piefigkeit, dabei ist die soziodemografische Wahrheit, dass die überwiegende Zahl der Deutschen nicht auf naturgewachsten Altbaudielen in verkehrsberuhigter Innenstadtlage lebt, selbst wenn manche Medien in Deutschland oft so tun (und in zunehmendem Maße auch die Volksvertreter in den Parteien). Die Mehrheit wohnt wie die Wulffs, in einem Reihenhaus in Randlage, mit Buchsbaum und Begonien im Garten und einem halbhohen Zaun, der das Grundstück von Straße und Nachbarn trennt. Deshalb ist es alles andere als verwunderlich, dass sie sich in dem Mann wiedererkennen, der nun im Schloss Bellevue residiert - und, wenn man die Zeichen richtig deutet, auch in seiner Neigung, ganz genau darauf zu achten, wo sich noch etwas sparen lässt.

Die Wulff-Affäre ist endgültig auf der Ebene der Stilkritik angekommen. Aber dahin zielt sie im Grunde schon die ganze Zeit. Vielen erschien Wulff immer zu bieder für das Präsidentenamt, zu kleinbürgerlich in seinen Ansprüchen, ein Aufsteiger aus einem Milieu, das zu verachten in Deutschland Tradition hat, jedenfalls in den Schichten, die hierzulande den Ton angeben.

Die intellektuelle Klasse hat dem Kleinbürger nie Sympathien entgegengebracht, anders als dem Arbeiter oder auch dem Habenichts. Der Kleinbürger gilt ihr als Minusvariante des Bürgers, ein Mensch von beschränktem Format. Klein, eng, verstellt ist seine Welt, Hort des Betulichen und Beschränkten, wo man am Wochenende den Rasen mäht, Schnittblumen zum Muttertag schenkt und seinen Hund Momo nennt, alles Dinge, über die man in Hamburg-Eppendorf oder dem Prenzlauer Berg in Berlin nur die Nase rümpfen kann.

Von der Verachtung der Eliten hat schon Helmut Kohl profitiert. Ganze Generationen von Journalisten haben sich über seine Sprache lustig gemacht, die Münzsammlung auf dem Schreibtisch, die Vorliebe für einfache Hausmannskost. Sie konnten in ihm immer nur den Gimpel erkennen, den Trampel, den Tor. Nur übersahen sie dabei, dass sich die meisten Menschen in Deutschland im Spott über das Provinzielle mitverspottet sahen. So saß Kohl nach jeder Wahl einfach weiter neben seinem Aquarium, trank seinen Pfälzer Riesling und telefonierte sich durch die Welt, bis man sich am Ende gar nicht mehr an eine Zeit ohne ihn erinnern konnte.

Die Vorwürfe gegen Wulff werden immer kleiner. Man muss aufpassen, dass man so nicht selber zum Spießer wird. Wer zu kleinlich wird, macht sich auch selbst klein, das ist nahezu unvermeidbar.

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insgesamt 325 Beiträge
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1. Traurig, aber wahr!
Väterchen 16.01.2012
Zitat von sysopDas eigentliche Problem an Christian Wulff ist für viele Vertreter der Meinungselite seine demonstrative Kleinbürgerlichkeit. Je länger die Affäre dauert, desto stärker treten die Vorbehalte hervor. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,809351,00.html
Traurig, aber wahr!
2. Spießer oder Tölpel?
levitian 16.01.2012
Zitat von sysopDas eigentliche Problem an Christian Wulff ist für viele Vertreter der Meinungselite seine demonstrative Kleinbürgerlichkeit. Je länger die Affäre dauert, desto stärker treten die Vorbehalte hervor. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,809351,00.html
Grandiose Fehleinschätzung, werter Herr Fleischhauer. Es geht nicht darum, dass Wulff ein Spießer ist, sondern darum, dass er ein Tölpel ist. Und einen Tölpel als BP will niemand!
3. Lametta
mattotaupa 16.01.2012
Zitat von sysopDas eigentliche Problem an Christian Wulff ist für viele Vertreter der Meinungselite seine demonstrative Kleinbürgerlichkeit. Je länger die Affäre dauert, desto stärker treten die Vorbehalte hervor. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,809351,00.html
Wer soll denn das sein ?
4. Stimmt
pannen 16.01.2012
"Die Vorwürfe gegen Wulff werden immer kleiner. Wer zu kleinlich wird, macht sich auch selber klein, das ist nahezu unvermeidbar." Obwohl ich bei Herrn Fleischhauer meistens nur die Zielstrebigkeit bemerkenswert finde, stimme ich diesem Fazit voll und ganz zu.
5. .
allereber 16.01.2012
Zitat von VäterchenTraurig, aber wahr!
Wo sind seine anderen Häuser. War es überhaupt ein Kredit. Oder wurde nur Geld gewaschen ?
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