S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Es lebe der Netz-Kapitalismus!

Von Jan Fleischhauer

Das Internet ist eine Erfolgsgeschichte der Globalisierung - und ein Kind des Kapitalismus, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen. Die Netzgemeinschaft träumt bis heute von einer Art frühsozialistischer Gegenwelt. Einen Preis zahlt allerdings auch sie.

Der Kapitalismus steht nicht überall in hohem Ansehen, wie man weiß, Zeit also, ein gutes Wort für ihn einzulegen. Was gibt es für eine bessere Gelegenheit als den 20. Jahrestag des World Wide Web? Kaum eine andere technische Revolution zeigt so eindrucksvoll, zu welchen Leistungen die freie Marktwirtschaft in der Lage ist, wenn Innovationskraft und Kapital zusammenkommen. Was im Sommer 1991 mit der Freigabe des WWW für eine breitere Öffentlichkeit begann, ist eine Erfolgsgeschichte der Globalisierung, von der man umstandslos sagen kann, dass sie das Leben von Millionen Menschen nicht nur leichter, sondern auch produktiver gemacht hat.

Aber so einfach liegen die Dinge natürlich nicht, jedenfalls nicht, wenn man der Netzgemeinde angehört, die das Interpretationsmonopol beansprucht, wie die Entwicklung des Internets in Wahrheit zu sehen und zu bewerten ist. Hier steht man dem System grundsätzlich kritisch gegenüber, was bedeutet, dass man höhere Dinge im Blick hat, allen voran die Überwindung der bürgerlichen Wirtschaftsordnung, der das Netz seine Entstehung verdankt.

Es ist eigenartig: Kaum eine Erfindung des Kapitalismus hat solche Vermögen hervorgebracht (und auch vernichtet) wie das Internet, aber bis heute hält sich die romantische Vorstellung vom Netz als einer Art frühsozialistischer Urkommune, in der alle Unterschiede eingeebnet und die traditionellen Besitzverhältnisse aufgehoben sind. Wer die zahllosen Verlautbarungen und Manifeste zum Siegeszug des Internets ansieht, findet statt eines Lobs der Risikofreude, die aus der Profitgier erwächst, sämtliche Topoi der Kapitalismuskritik wieder. Da ist die Rede von einer Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Medien, das Loblied des herrschaftsfreien Diskurses, in der alle irgendwie gleich sind, die Klage über die Monopole, die uneinsichtig an ihrer alten Marktmacht festzuhalten suchen.

In der Netz-Utopie spielt Geld keine Rolle mehr

Das große Wort führen auch hier vor allem Leute, deren wesentlicher Beitrag zur digitalen Revolution der Kauf eines Modems und ein Vertrag mit der Telekom sind. Das hält die Netzaktivisten selbstredend nicht davon ab, mit großer Verve für die Vergesellschaftung zumindest jener Güter einzutreten, die sich auf elektronischem Wege verschicken lassen. Tatsächlich durchzieht viele Proklamationen zum Internet ein merkwürdiger Egalitarismus, dem das Beharren auf Eigentumsrechte grundsätzlich verdächtig ist. In der Netz-Utopie spielt Geld keine bestimmende Rolle mehr; in dieser schönen neuen Welt nimmt sich jeder gemäß seinen Bedürfnissen und bezahlt dafür nach seinen Fähigkeiten, wenn überhaupt.

Jeder Versuch, der bürgerlichen Eigentumsordnung auch im Internet Gültigkeit zu verschaffen, wird von den Netzenthusiasten als Einschränkung ihrer Freiheitsrechte verstanden. Schon die Abschaltung einer Web-Seite zum illegalen kostenlosen Genuss von Kinofilmen kann ihren Protest hervorrufen, dann ist sofort von Zensur die Rede, beziehungsweise von einem Angriff auf die "Freiheit des Internets". Aber wie sollte es auch anders sein, wenn bereits das von Urheberrechten befreite Kopieren als unveräußerliches Menschenrecht gilt?

Sobald es um die "gesellschaftliche Teilhabe" der Bürger geht, müssen andere Interessen zurückstehen, allen voran kommerzielle. "Die Schaffung von künstlichem Mangel aus rein wirtschaftlichen Interessen erscheint uns unmoralisch", heißt es im Forderungskatalog der Piratenpartei, die sich als politischer Arm der Bewegung versteht: "Wir sind der Überzeugung, dass die nichtkommerzielle Vervielfältigung und Nutzung von Werken als natürlich betrachtet werden sollte." Dass die Piratenpartei ihr Programm um die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen erweiterte, ist da nur folgerichtig. Wer sich einmal an den Gedanken gewöhnt, dass alles frei ist, will sich um den Lebensunterhalt keine Sorgen mehr machen müssen.

Wo die Respektlosigkeit vor der Unverletzlichkeit des Eigentums zur Tugend wird, verlieren auch andere Bürgerrechte an Geltung, das kann nicht ausbleiben. Natürlich wäre es wünschenswert, Unternehmen wie Google oder Facebook würden ihre Kundendaten wie einen privaten Schatz hüten, anstatt sie der Verwertung zuzuführen, aber so lässt sich kaum ein Geschäft aufziehen. Damit ist die Enteignung in der Privatsphäre angekommen, auch wenn das mit "open access" natürlich nicht gemeint war.

Das Internet mag alles Mögliche revolutioniert haben, aber die Bedingungen kapitalistischer Warenproduktion, wo jeder Leistung eine Entlohnung gegenübersteht, hat das Netz nicht geändert. Der Kapitalismus war schon immer sehr einfallsreich, wenn es darum ging, seine Kunden zur Kasse zu bitten. Dieser Umbruch steht noch aus.

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insgesamt 345 Beiträge
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1. Gnothi Seauton
hinderschannes 25.07.2011
Für den Kapitalismus muß man kein gutes Wort einlegen. Auch die Ursprünge des Internet haben damit wenig zu tun. Der Kapitalismus ist genauso schädlich für den Menschen, wie der Kommunismus.
2. Erster ;-)
Superbeowulf 25.07.2011
Das ist ja nichts neues. Wird gegen den Kapitalismus polemisiert, so tun das die "Anti-Kapitalisten" bevorzugt mit den Technologien und Produkten just jenen diffamierten Kapitalismus. Die wenigsten dürften ihren PC im Dritte-Welt bzw. Fair-Trade-Laden gekauft haben.
3. Der Herr Fleischhauer...
Frau Wutz 25.07.2011
Zitat von sysopDas Internet ist eine Erfolgsgeschichte der Globalisierung - und ein Kind des Kapitalismus, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen.*Das Netz hat sagenhafte Vermögen hervorgebracht*und wieder vernichtet. Doch ein Umbruch fehlt noch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,776418,00.html
hat offenbar auch nach langem Überlegen keinen Weg gefunden, für sich und seine Positionen aus den Geschehnissen in Oslo Kapital schlagen zu können. Daher nun ein Aufsatz, der ohne Anlass daher kommt, merkwürdig gestrig wirkt und im Zusammenschustern zudem recht billig.
4. .
Rabban 25.07.2011
Zitat von sysopDas Internet ist eine Erfolgsgeschichte der Globalisierung - und ein Kind des Kapitalismus, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen.*Das Netz hat sagenhafte Vermögen hervorgebracht*und wieder vernichtet. Doch ein Umbruch fehlt noch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,776418,00.html
Soso Herr Fleischhauer, der bürgerlichen Eigentumsordnung soll im Netz Gültigkeit verschafft werden. Vielleicht machen Sie sich mal schlau, wie und zu welchem Zweck das Internet enstand, denn natürlich ist ob Ihrer falschen Prämisse der ganze Artikel überflüssig. So aber ist das wohl wenn Nullnummern über Themen referieren, von denen sie keine Ahnung haben.
5. So ein Quatsch!
Websingularität 25.07.2011
Zitat von sysopDas Internet ist eine Erfolgsgeschichte der Globalisierung - und ein Kind des Kapitalismus, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen.*Das Netz hat sagenhafte Vermögen hervorgebracht*und wieder vernichtet. Doch ein Umbruch fehlt noch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,776418,00.html
Natürlich gibt es eine offizielle Wahrheit, wie das Internet entstanden ist. Aber es zählen auch viele "unbeachtete" Faktoren dazu. Dass sich "JEDER" Internet ins Haus holt, hat mit der Preisentwicklung und dem Wettbewerb der aufkommenden Globalisierung zu tun. Kapitalistisch wegen Modem-Kauf? Wo werden denn die Modems produziert? Ach ja, in China. Haben Sie sich schonmal gefragt, warum das Internet und die Globalisierung erst nach dem Fall der Mauer so schnell gewachsen ist? Haben Sie sich schonmal gefragt, warum ausgerechnet China zu dieser Zeit zur Großmacht aufgestiegen ist? Kann es sein, dass die Öffnung der Märkte nach Osten hin das beschleunigt haben? Wo wird denn heute die Elektronik produziert? Die Chinesen und Russen überfluten das Internet mit Viren, der Westen verkauft Sicherheitssoftware. Aus Gegnern wurden Partner und das Internet verbindet. So gingen wir geeint ins neue Jahrtausend. Gemeinsam erreichen wir mehr!
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