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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Grün glauben, schwarz sehen

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Der Kirchentag in Dresden hat gezeigt: Die evangelische Kirche ist da, wo die Grünen stehen - gegen Atomkraft, zu viel Wachstum, die Globalisierung. Für diese Selbstsäkularisierung zahlt die Kirche einen hohen Preis.

Wer noch immer nach einer Antwort für den anhaltenden Erfolg der Grünen sucht, musste sich in den vergangenen Tagen nur den Kirchentag in Dresden ansehen. Von allen Vorfeldorganisationen der Grünen ist die evangelische Kirche heute die einflussreichste. Alles, was auch die Anhänger der ökologischen Erweckungsbewegung umtreibt, kommt hier zur Sprache und findet Gehör.

Natürlich wurde in Dresden für den Frieden gebetet, gegen den Klimawandel und den "Zwang zum Wirtschaftswachstum", wobei man es selbstverständlich nicht beim Beten beließ. Die moderne Kirche will sich ja einmischen, ihren Auftrag versteht sie dezidiert politisch, also blüht auch bei ihr das Resolutionswesen.

  • Mit dem Antrag "Anders wachsen" forderte der Kirchentag die zehn größten Unternehmen des Landes auf, "Verzicht zu üben", beziehungsweise "Alternativen zum Wirtschaftswachstum zu entwickeln" (Resolution "T3/001").
  • An den Bundestag erging der Appell, die in der Bundesrepublik lebenden Roma von jeder Abschiebung auszunehmen: "Ihre Kinder sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, gehen hier zur Schule, machen Abitur oder eine Ausbildung", heißt es in dem Antragstext (Resolution "M3/ 001").
  • Die eigene Kirchenleitung wurde ermahnt, sich endlich des Schicksals "der als Hexen hingerichteten Bürger und Bürgerinnen" anzunehmen und die Opfer durch "Aufklärung und öffentliches Gedenken" zu rehabilitieren.
  • Und an die Bundeskanzlerin richtete sich der dringende Aufruf, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um dem "Recht auf ein Leben ohne Bedrohung durch atomare Strahlen" zum Durchbruch zu verhelfen.

Stolz auf das unbedarfte Denken

Überhaupt die Energiewende. Kein anderes Thema war auf dem Kirchentag so präsent, nicht nur bei der "Kirche mit Kindern gegen die Atomkraft", die sich gleich direkt an die Kanzlerin wandte. Was die grünen Protestler zu Tausenden auf die Straße treibt, muss auch den grünen Protestanten bewegen. So forderte der Kirchentag den Ausstieg aus der Atomkraft innerhalb der kommenden fünf Jahre, was sich so noch nicht einmal die Ökopartei traut - und, weil man so schön in Schwung war, auch gleich ein Verbot aller neuen Kohlekraftwerke.

Nun lässt sich einwenden, dass es auf Dauer schwierig sein dürfte, ein Industrieland ganz ohne verlässliche Energiequellen am Laufen zu halten, aber in einer Welt, wo man vor allem dem Gefühl vertraut, sind solche Überlegungen nachrangig. Mit dem Herzen zu denken beziehungsweise mit dem Kopf zu fühlen, wie es schon bei Konstantin Wecker hieß, gilt auf dieser Art von Veranstaltung als besondere Tugend. Mit der Aufklärung hat sich der Sentimentalismus nie wirklich anfreunden können, Rationalität muss seit langem mit dem Vorwurf leben, zynisch, kalt, ja irgendwie männlich zu sein. Der Stolz auf das unbedarfte Denken ist geradezu Signum der Gefühlstheologie: "Präreflektierte Unmittelbarkeit" sei doch "eigentlich ganz schön", verkündete Margot Käßmann zum Auftakt der grünen Tage in Dresden, womit sie zweifellos vielen Zuhörern aus dem - ja: Herzen - sprach.

Käßmann ist dabei nur die bekannteste Vertreterin einer Generation von Theologen, die den Auftrag schon immer weniger in der spirituellen Anleitung der Gläubigen, sondern vielmehr im weltlichen "Engagement" sahen, um einen Kernbegriff ihres Amtsverständnisses zu nutzen. Diese Generation, aufgewachsen und politisiert in den siebziger Jahren, fand im Protest gegen die Nachrüstung und den deutschen Atomstaat zusammen, ihre Erweckungsorte sind Mutlangen, Brokdorf und der Bonner Hofgarten.

Verharmlosung der Religion

Die Folgen der Selbstsäkularisierung sind heute an vielen Gottesdiensten ablesbar. Kaum ein Pastor traut sich noch, ungeniert von Himmel und Hölle zu sprechen, und wenn, dann ist das nur allegorisch gemeint, wie er sich hinzuzufügen beeilt. Stattdessen findet sich in jeder guten Sonntagspredigt die Litanei über den Kriegstreiber Amerika, die Schrecken der Globalisierung, das Elend der Hartz-IV-Empfänger.

Diese Diesseitsfixierung hat einen für die Kirche unschönen Nebeneffekt: Mit der Verschiebung des Erlösungshorizonts, der sich ganz aufs Heute richtet, setzt sie sich der Konkurrenz zu weltlichen Glaubensorganisationen aus, die dem Bedürfnis nach entschiedenem Handeln sehr viel besser nachkommen können. Warum nicht gleich Mitglied bei Greenpeace, Peta oder Amnesty werden?

Eine Antwort war lange die spirituelle Autorität der Kirche und ihre Auskunftsfähigkeit über das Jenseits. Dieses Privileg aufgegeben zu haben, hat sich für sie als ziemlich kostspielig erwiesen, wie ein Blick auf die Zahl der Gläubigen zeigt. Es ist kein Zufall, dass sich der Katholizismus sehr viel besser behauptet, wohl auch, weil er weniger anschlussfähig ist für moderne Erlösungserwartungen.

Die evangelische Kirche scheint fest entschlossen, die Verharmlosung der Religion - nichts anderes bedeutet ja ihre Politisierung - weiterzutreiben. Wenn es ums Engagement geht, darf schließlich kein Preis zu hoch sein.

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insgesamt 389 Beiträge
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1. Austritt
Braunschweiger77, 06.06.2011
Gut beschrieben. Ich bin wegen dieser unsäglichen Vergutmenschlichung und Zeitgeistanbiederung aus der ev. Kirche ausgetreten.
2. Recht hat er....
der_ridcully 06.06.2011
Zitat von sysopDer Kirchentag in Dresden hat gezeigt: Die evangelische Kirche ist da, wo die Grünen stehen - gegen Atomkraft, zu viel Wachstum, die Globalisierung. Für diese Selbst-Säkularisierung zahlt die Kirche einen hohen Preis. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,766864,00.html
Wir regen uns auf, wenn Rom mal wieder so antiquierte Thesen einnimmt. Aber der Alte ist dennoch beliebt und wird weltweit gehört. Vielleicht weil er nicht die Moidernisierung des Diesseits vorantreiben will. Warscheinlich hat herr Fleischauer Diesmal recht....
3. Trennung von Staat und Kirche
Firewing6 06.06.2011
Das Vordringen der spirituellen Höhenflieger in die weltlichen Angelegenheiten ist brandgefährlich. Die Kirchen haben sich um das Diesseits und Jenseits zu sorgen und nicht um den deutschen Energiemix.
4. Kirche der Beliebigkeit
Silver Surfer, 06.06.2011
Die evangelische Kirche ist doch immer mehr diejenige der beliebigen Zeitströmung geworden. Egal was Trendy ist machen wir. Bloß kein Kontroverses Denken . Was der Mainstream will das machen wir. Gender Mainstreaming na klar !. Jesus eine Frau ja klar. Was kommt als nächstes ? Sterbehilfe von Pastor und Gott ist schwul. Das kotzt schon an. Und wer eine Käässmann als Monstranz vor sich her schiebt der erinnert mich mehr an das goldene Kalb als an einen Seelsorger. Wo bleibt der Glaube an Jesus Christus, wo die Hilfe der verfolgten Christen in der Welt. Wo das enschiedene Auftreten gegenüber dem Politischen Islam. Ne Ne das ist uns zu viel. Wir wollen Kirche mit Gutmenschenflair. Aber das ist kein Christentum sondern nur nachlaufen. Deswegen hat bei der evangelischen Kirche auch das Weglaufen eingesetzt
5. Egal
KarlFaktor48 06.06.2011
Zitat von sysopDer Kirchentag in Dresden hat gezeigt: Die evangelische Kirche ist da, wo die Grünen stehen - gegen Atomkraft, zu viel Wachstum, die Globalisierung. Für diese Selbst-Säkularisierung zahlt die Kirche einen hohen Preis. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,766864,00.html
Interessiert das überhaupt noch jemanden? Ich kenne viele Dresdner, die wie ich während des Kirchentages aus der Stadt geflüchtet sind. Ob die hier politisierenden oder normalen Religionszauber ausgeübt haben war eigentlich egal. Heute ist Montag und jeder geht wieder seinem Tagewerk nach.
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Jan Fleischhauer

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