S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Kirche des ökologischen Glaubens

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Wenn es um den Umweltschutz geht, macht den Deutschen niemand etwas vor. Kein anderes Volk trennt so hingebungsvoll seinen Müll und spart so fleißig am Wasser. Leider nützt nicht alles der Umwelt, was wir zu ihrer Rettung unternehmen - und manches schadet ihr sogar.

Die Deutschen sind ein tiefgläubiges Volk, da sollte man sich von der schwindenden Einschreibungsbereitschaft bei den beiden christlichen Glaubensgemeinschaften nicht täuschen lassen. Die eigentliche Staatsreligion in Deutschland ist der Ökologismus. Der Glaube an den Umweltschutz verbindet alle Schichten und Generationen, diese Kirche ist immer voll.

Kein anderes Volk auf Gottes Erden trennt so hingebungsvoll seinen Müll, spart so fleißig am Wasser und bemüht sich überhaupt so leidenschaftlich, ein ökologisch vorbildliches Leben zu führen. Nur in Deutschland können zwei Libellen bei der Eiablage den Ausbau eines Flughafens und einige Juchtenkäfer im Park den Neubau des Stuttgarter Bahnhofs verzögern. Wenn es um die Rettung der Umwelt geht, lassen wir uns von niemanden etwas vormachen. Oder wie es mein Kollege Alexander Neubacher in seinem wunderbaren Buch "Ökofimmel" schreibt, das dieser Tage erscheint: "Früher hat Deutschland seinen Nachbarn den Krieg erklärt, heute, wie sie aus der Atomkraft herauskommen."

Der Ökologismus hat alle Parteien erfasst, hier ist die Trennung von Staat und Kirche prinzipiell aufgehoben. Spätestens seit die Kanzlerin die Union zur Energiewende bekehrte, ist auch das bürgerliche Lager Teil der grünen Missionsbewegung. Aber wie soll es auch anders gehen? Der sicherste Weg nach oben in der Politik führt heute nicht mehr über das Finanz- oder Wirtschaftsministerium, sondern über das Amt des Umweltministers. Angela Merkel, Jürgen Trittin und Sigmar Gabriel - aus allen ist etwas geworden; an Martin Bangemann oder Werner Müller erinnern sich nur noch ein paar Fachredakteure.

Gegen den modernen Umweltglauben ist an sich nichts zu sagen, es sei denn, man ist überzeugter Atheist. Mir geht es wie dem Kollegen Neubacher. Auch ich möchte, dass meine Kinder in einer intakten Welt aufwachsen, also bringe ich brav mein Altglas zum Container, wasche meine Joghurtbecher, bevor ich sie zurücktrage, und achte beim Rasieren darauf, dass ich kein Wasser verschwende. Das Problem scheint nur zu sein: Vieles von dem, was wir zur Rettung der Umwelt unternehmen, hilft ihr gar nicht - manches bewirkt sogar das glatte Gegenteil.

Deutschland liegt nicht in der Sahelzone

Wenn man sich daran macht, den Dingen auf den Grund zu gehen, erlebt man seltsame Dinge. Dann erfährt man zum Beispiel, dass der Inhalt unser gut sortierten Wertstofftonnen im Verbrennungsofen des nächsten Zementwerks landet. Man lernt, dass ausgerechnet die Einführung des Dosenpfands der Einwegflasche zu einem unverhofften Siegeszug verholfen hat. Oder dass die Stadtwerke allerorten mit dem C-Schlauch das Wasser in die Kanalisation pumpen müssen, das jetzt fehlt, weil die Leute bei jedem Toilettengang die Spartaste drücken.

Unser Umgang mit dem Wasser ist ein gutes Beispiel, wie viel Wahrheit in dem Satz steckt, dass nicht alles, was gut gemeint ist, auch Gutes bewirkt. Deutschland liegt nicht in der Sahelzone, wie man spätestens dann merkt, wenn es wieder wie an Bindfäden schüttet. Dennoch sparen wir auf Teufel komm raus am Trinkwasser. Der Durchschnittsverbrauch ist in Deutschland seit 1990 um zwei volle Eimer am Tag gesunken, das ist eine beachtliche Leistung. Verglichen mit unseren europäischen Nachbarn verbrauchen wir sogar gut 80 Liter am Tag weniger.

Leider hat diese Selbstkasteiung nur kaum keinen Effekt auf die Wasserrechnung. Mehr als 80 Prozent der Ausgaben der Wasserwerke entfallen auf Wartung und Instandhaltung der Kanalisation, und der bekommt es gar nicht gut, dass wir immer weniger von oben einleiten. Die Experten sind sich einig, dass es besser wäre, die Deutschen würden wieder mehr statt weniger Wasser verbrauchen.

Sauberer Diesel, schmutziges Elektro-Auto

Richtiggehend verhängnisvoll ist die Umstellung auf Biosprit. Der hoch subventionierte Maisanbau hat so um sich gegriffen, dass die Bundesrepublik 2011 zum ersten Mal seit 25 Jahren wieder Getreide importieren musste, um genug Brot zu backen. Überall auf der Welt haben Konzerne begonnen, Felder und Äcker aufzukaufen. Die Folge lässt sich an den Getreidebörsen sehen, wo die Preise kontinuierlich steigen, was wiederum all diejenigen hart trifft, die so arm sind, dass sie sich schon ein paar Cent mehr fürs Mehl nicht leisten können, also etwa 1,4 Milliarden Menschen.

Nicht einmal die Ökobilanz stimmt. Rapsdiesel ist selbst unter zertifizierten Bedingungen, also ohne Brandrodung, 4,5 Prozent schlechter als normaler Diesel, Sojadiesel ist fast zwölf Prozent schlechter und Palmöldiesel sogar etwa 15 Prozent.

Nicht einmal das gelobte Elektroauto hält, was es verspricht, wie ich bei Neubacher nachlesen musste. Weil auch ein Prius nicht mit Wind und Sonne fährt, ist die E-Mobilität längst nicht so grün, wie sie gerne wäre. Der ADAC hat ermittelt, dass ein Elektro-Smart, der mit Strom aus Kohlekraftwerken geladen wird, etwa 107 Gramm CO2 pro Kilometer ausstößt, das sind 21 Gramm mehr als der Diesel-Smart. Wird die Fertigung in die Rechnung einbezogen, fällt die Umweltbilanz noch schlechter aus. "Insbesondere die Produktion der Batterien verschlingt Unmengen Strom", schreibt Neubacher in seinem Führer durch die Ökowelt und ihr Absurditäten. "Für ein einziges Elektroauto wird insgesamt so viel zusätzliche Energie verbraucht, wie in 10.000 Litern Benzin steckt. Das ist etwa die Menge Sprit, die ein normaler Mittelklassewagen in seinem ganzen Leben vertankt."

Wer nun allerdings erwartet, solche Erkenntnisse wären ein Grund innezuhalten in dem rastlosen Bemühen, die Welt noch ökologischer zu gestalten, hat das Wesen religiösen Handelns nicht verstanden. Wer von Kind auf lernt, dass vom Wassersparen die Rettung abhängt, kann nicht einfach damit aufhören, nur weil ein paar gottlose Gesellen das Gegenteil behaupten. Gerade die kultische Handlung eröffnet einen Raum, in dem das Wünschen noch hilft.

Das nennt man dann magisches Denken.

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1.
Reziprozität 12.03.2012
Alles richtig, Herr Fleischhauer, trotzdem werden Sie nur auf taube Ohren treffen.
2. Religion
Liberalitärer 12.03.2012
Zitat von ReziprozitätAlles richtig, Herr Fleischhauer, trotzdem werden Sie nur auf taube Ohren treffen.
Ich habe in meinenm Leben noch keinen Liter Wasser verbraucht und habe das auch nicht vor. Ich pfege H2O Moleküle am Leben zu lassen. Ein sehr schöner Beitrag, aber das sind nur einige Beispiele.
3. Yes
slowmotion37 12.03.2012
Wir folgen halt alle der Sandale. Das ändert sich auch nicht wenn jemand "böswillig" behauptet "...das sei doch bloß eine Sandale...!"
4.
KnoKo 12.03.2012
Zitat von sysopWenn es um den Umweltschutz geht, macht den Deutschen niemand etwas vor. Kein anderes Volk trennt so hingebungsvoll seinen Müll und spart so fleißig am Wasser. Leider nützt nicht alles der Umwelt, was wir zu ihrer Rettung unternehmen - und manches schadet ihr sogar. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820751,00.html
Tja, das ist wie mit den Vitaminen. Viele, die jahrzehntelang konditioniert wurden, sind halt für stichhaltige Argumente nicht mehr empfänglich. Dazu gehört nämlich der Mumm, sich einzugestehen, dass man einem Irrglauben aufgesessen ist. Das Wasser sparen Unsinn ist, ist allerdings so ein alter Hut, dass ich kaum glauben kann, dass Einige das immer noch praktizieren.
5. Halbwahres Geschwätz
jj2005 12.03.2012
> Der sicherste Weg nach oben in der Politik führt heute nicht mehr über das Finanz- oder Wirtschaftsministerium, sondern über das Amt des Umweltministers. Angela Merkel, Jürgen Trittin und Sigmar Gabriel - aus allen ist etwas geworden So isses. Es liegt daran, dass das Thema Umwelt sehr komplex ist - wer sich im Umweltministerium behaupten kann, ist für "höhere" Aufgaben auch qualifiziert. Was man von Herrn Fleischhauer nicht behaupten kann - er plappert munter Propaganda und banale Halbwahrheiten herunter, versteht es allerdings gekonnt, zwischen den Zeilen die Falschen anzuschwärzen (die Grünen sind schon lange gegen Biosprit - der Bauernverband steht in Wahrheit dahinter; ähnlich für E-Autos...). Wenn es einen Preis für mässig unterhaltsame Wahrheitsverdrehung gäbe: ich hätte da einen Kandidaten...
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