S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Lichterkette für Guttenberg

Warum kritteln nur wieder alle an Guttenberg herum? Er ist zurückgetreten, jetzt hat er auch noch ausführlich um Entschuldigung gebeten. Nach den Regeln der Gefühlsdemokratie gebührt dem Mann deshalb nicht Verachtung, sondern Anerkennung.

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Machen wir einen kleinen Test zur aktuellen politischen Bußpraxis. Von wem stammt der folgende Satz: "Ich habe einen Riesenfehler gemacht. Und für Fehler muss der Mensch die Verantwortung übernehmen"?

Wer hat die Tage nach seinem Rücktritt so beschrieben: "Das Erste ist eine Schocksituation, die zu bewältigen ist. Danach fangen die Trauer und das Abschiednehmen an. Und ich musste natürlich von einem Tag auf den anderen Abschied nehmen, von meinem Amt, von meiner Lebenssituation hier, wo ich wohne"?

Wer zieht bis heute Trost aus seiner ungebrochenen Popularität? "Was mich berührt hat, war die liebevolle Reaktion von sehr vielen Menschen. Wir haben für die Briefe extra verschiedene Kisten aufgestellt: Die Positivkisten wurden immer voller, und die Negativkisten blieben sehr leer."

Wenn Sie jetzt denken, dass die Antwort auf der Hand liegt, weil Sie genau diese Sätze gerade in einem langen "Zeit"-Interview mit Karl-Theodor zu Guttenberg gelesen haben, dann liegen Sie leider daneben. Die Zitate sind nicht aus der "Zeit", sondern aus dem SPIEGEL, und sie stammen auch nicht von dem Freiherrn, wie man annehmen könnte, sondern aus einem Gespräch mit Margot Käßmann.

Zugegeben, das war nicht ganz fair. Man kann die zwei im Augenblick wirklich leicht verwechseln.

Seit fünf Tagen läuft die Entschuldigungskampagne des ehemaligen Bundesverteidigungsministers, nach dem Vorabdruck liegt nun ab morgen das Buch im Handel, und gemessen an Häufigkeit und Vehemenz der Selbstvorwürfe kann es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch Karl-Theodor zu Guttenberg von der Kulturstiftung Pro Europa der "Europäische Kulturpreis für Zivilcourage" angetragen wird beziehungsweise eine Gastprofessur für Sozialethik an der Ruhr-Universität Bochum. Von einem "ungeheuerlichen Fehler" ist bei ihm die Rede, ja einer "unglaublichen Dummheit", die er "auch von Herzen bedauere" und die er sich nur mit der Überforderung seiner "Doppelbelastung" als Familienvater und Politiker erklären könne.

Spätestens das ist das Stichwort, bei der selbst der ärgste Guttenberg-Kritiker die Waffen strecken muss. "Doppelbelastung" ist genial, darauf ist nicht einmal Margot Käßmann gekommen.

Die Regeln des politischen Bußrituals

Doch wie man sieht, sind nicht alle zur Spontan-Vergebung bereit. Ein "Blender" sei der aus dem Amt gedrängte Verteidigungsminister, konnte man in den vergangenen Tagen lesen, ein "Gaukler" und ein "wahrhaft gefährlicher Mann". An seinen Ein- und Auslassungen zur Politik im Allgemeinen und seiner Partei im Besonderen kann es nicht liegen, dass den Freiherrn nun zum zweiten Mal die volle mediale Verfolgungswut trifft. Dass er viele Politiker für ahnungslos und überfordert hält, dürften die meisten, die Guttenberg wieder den Prozess machen, ihm nicht wirklich vorhalten wollen. Sie fühlen sich genarrt durch die Virtuosität, mit der sich der Gestürzte der Entschuldigungsformeln bedient, die sie gerne für andere Kandidaten reserviert sähen.

Nach den Regeln des politischen Bußrituals gebühren dem Mann jetzt Anerkennung und Anteilnahme, dabei wünschen sich seine Kritiker nichts sehnlicher als ewige Verachtung und Verbannung. Zu den Höhepunkten im Vollzug moralischer Politik gehört die Bekundung von Schuld und Reue. Jemand hat einen Fehler begangen, er ist darauf hin tief gefallen, nun bittet er die Öffentlichkeit um Verzeihung. Manchmal fließen in diesen Augenblicken auch Tränen, sie gelten dann als sicherer Beweis, dass die Entschuldigung von Herzen kommt.

Unüberhörbar weisen diese öffentlichen Bitten um Vergebung in den religiösen Bereich zurück, das macht sie so mächtig. Mit der fortschreitenden Säkularisierung der Alltagswelt sind die moralische Energien, von denen der katholische Glaube und mehr noch der Protestantismus lebte, ja nicht einfach abgestorben, sie haben sich lediglich verschoben. An die Stelle des Pietisten ist der moderne Tugendmensch getreten, dessen Glaubenseifer in immer neuen Vorschriften Entlastung findet.

Guttenberg ist, wenn man so will, der Fehler im System; ein rechter Nutznießer des linken Versöhungsmechanismus.

Gegen das Sentimentale ist kein Kraut gewachsen

Nicht wenige nehmen jetzt Anstoß daran, dass ausgerechnet die "Zeit" dem gefallenen Hoffnungsträger bei seinem politischen Resozialisierungsversuch unter die Arme greift. Sie hatten sich von der Anstandsdame des deutschen Journalismus eine Verurteilung erwartet, nicht einfühlsame Begleitung auf seinem Büßerweg. Aber die Enttäuschung beruht auf einem Missverständnis. Kaum ein Blatt in Deutschland steht so für das protestantische Verständnis von Politik, in der das Schuldgefühl am Bodensatz der Zivilisation liegt und bei jedem Anlass die Lichterkette brennt, wie die Hamburger Wochenzeitschrift.

In einem Blatt, in dem der Chefredakteur Bücher mit dem Titel "Wofür stehst Du?" auf den Markt bringt, darf aus gutem Grund jeder auf Verständnis hoffen, so lange er sich zur Umkehr bereit zeigt, das gilt vom jugendlichen U-Bahn-Schläger bis zum gemäßigten Taliban.

Da lässt man dann auch einen reuebereiten Baron nicht im Regen stehen.

Gegen das Sentimentale ist so schnell kein Kraut gewachsen, das werden die Guttenberg-Kritiker bald erkennen müssen. Stärker als das im Entrüstungston des Staatsanwalts vorgetragene Argument ist der Appell in der Sprache des Herzens. "Wiederholt äußerte er am Rande der Gespräche, dass er 'gezeichnet', ja ein wenig 'traumatisiert' sei", heißt es im Vorwort zu dem jetzt erscheinenden Interview-Buch. Das ist die Leidensgeschichte, die das Material für die Selbstidentifikation liefert, die schon Margot Käßmann in die Höhen des Bestsellerhimmels gehoben hat.

Wer es für einen Zufall hält, dass die beiden Publikumslieblinge bei Herder veröffentlichen, dem Spezialverlag für alles Spirituelle, hat immer noch nicht begriffen, welches Spiel hier läuft.

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insgesamt 519 Beiträge
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Seite 1
fareast 28.11.2011
1. Hier koennte Ihr Titel stehen
Zitat: "Von einem "ungeheuerlichen Fehler" ist bei ihm die Rede, ja einer "unglaublichen Dummheit", die er "auch von Herzen bedauere" und die er sich nur mit der Überforderung seiner "Doppelbelastung" als Familienvater und Politiker erklären lasse. Spätestens das ist das Stichwort, bei der selbst der ärgste Guttenberg-Kritiker die Waffen strecken muss. "Doppelbelastung" ist genial, darauf ist nicht einmal Margot Käßmann gekommen." Recht hat Herr Fleischhauer, deshalb sollten wir das dem Freiherrn auch in Zukunft ersparen und ihm Zeit geben, sich auf seine Rolle als Familienvater zu konzentrieren. Mal im Ernst, wer so argumentiert, disqualifiziert sich doch als ernstzunehmender Kandidat fuer irgendetwas.
SiSa89, 28.11.2011
2. Guttenberg & Käßmann?
Ich finde es unglaublich, dass hier Guttenberg und Käßmann in einen Topf geworfen werden. Auf der einen Seite eine Frau, die mit ein paar 0,noch was Promillen zu viel eine kurze Strecke gefahren ist und sich daraufhin sofort entschuldigt hat und zurückgetreten ist. Und auf der anderen Seite ein Politiker, der mehr als 70% seiner Doktorarbeit abgeschrieben hat und bis heute behauptet, das sei ihm nicht bewusst gewesen. Ein Mensch, der (egal wie unstrukturiert und chaotisch seine Arbeitsweise ist) nicht merkt, dass seine Doktorarbeit hauptsächlich NICHT von ihm stammt, muss komplett unorganisiert und, entschuldigung, blöd sein. Und dann ist er auch nicht für ein politisches Amt, egal welches, geeignet. Sollte er gewusst haben, was er da fabriziert hat und trotzdem an seiner Unschuldsbeteuerung festhalten, dann ist er ein Lügner und gehört erst recht nicht in irgendwelche staatlichen Ämter. Das Problem ist nicht, dass er sich nicht entschuldigt hat, sondern, dass er sich für das falsche entschuldigt hat. Im gegensatz zu Käßmann, die sich konkret für ihren Fehler entschuldigt hat.
_muskote 28.11.2011
3. …
Fleischhauer, wer sonst … Mein Mitgefühl.
erlachma 28.11.2011
4. Reingefallen!
Tja, Fleischhauer, was soll ich sagen - Sie sind wieder auf ihn reingefallen. Wenn man Ihre Kolumne analysiert, und daraus Rückschlüsse auf Sie zieht, ist das aber nicht verwunderlich. Guttenberg geht es nicht um eine ehrliche Entschuldigung, er will nur Publicity für sein Buch. Da geht er sogar soweit, dass er für so etwas deutsche Gerichte einspannt und seine Strafzahlung just so legt, dass sie mit dem Erscheinungstermin zusammenfällt. Würde es Guttenberg um Ehrlichkeit gehen, dann würde er nicht wieder von oben herab palavern, sondern arbeiten und versuchen, sich verlorenen Kredit zurückzuholen. Und er würde mit denen, von denen er kopiert hat, in Kontakt treten und sich bei ihnen entschuldigen, denn nur die können ihn ent-schuldigen. Die Öffentlichkeit hat damit ersteinmal nichts zu tun. Sie wird nur, ganz im alten Blender-Stil, dafür instrumentalisiert. Für schlichte Gemüter mag das reichen, aber für alle im Lande, die noch einen Funken Anstand haben, ist das nicht genug.
komparse, 28.11.2011
5. Finde ich auch.
Zitat von sysopWarum kritteln nur wieder alle an Guttenberg herum? Er ist zurückgetreten, jetzt hat er auch noch ausführlich um Entschuldigung gebeten. Nach den Regeln der Gefühlsdemokratie gebührt dem Mann deshalb nicht Verachtung, sondern Anerkennung, findet Jan Fleischhauer. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,800301,00.html
Wenn Bushido einen Preis dafür erhält, weil er ein paar Jahre nicht kriminell war und dann als gelungenes Beispiel für Integration gefeiert wird, dann hat vG erst recht seine 2. Chance verdient.
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