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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Macht, Sex und die Linke

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Bei Gewalt gegen Frauen kennt die aufgeklärte Öffentlichkeit normalerweise kein Pardon - doch im Fall Dominique Strauss-Kahn raten viele zur Besonnenheit im Urteil. Gelten hier mildernde Umstände, weil der Mann die richtige politische Gesinnung hat?

Zu den großen Erfolgen der Frauenbewegung gehört die unverzügliche Ächtung sexueller Vergehen. Wer sich dem Verdacht aussetzt, die etablierten Regeln übertreten zu haben, darf auf Verständnis nicht hoffen; das Urteil liegt in der Regel vor, ohne dass ein Gericht zusammentreten muss. Sexuelle Gewalt kennt keine Entschuldigung, wobei sich das Verständnis, was als Gewalt anzusehen ist, ständig weiterentwickelt hat.

Die Ausgangslage im Fall Dominique Strauss-Kahn könnte so gesehen klarer nicht sein: Der Vorwurf lautet auf versuchte Vergewaltigung, also ein kriminelles Delikt, das überall auf der Welt empfindliche Strafen nach sich zieht. Dazu kommt das soziale Gefälle, dem im feministischen Diskurs naturgemäß besondere Beachtung geschenkt wird: Er alt, weiß, und reich - sie jung, schwarz und arm. Diese Kriterien müssten eigentlich genügen, um die Sympathien klar zu verteilen, sollte man meinen. Doch eigenartig, diesmal rät die räsonierende Klasse zu Besonnenheit und Zurückhaltung im Urteil.

Vor allem bei Freunden und Parteigenossen des Sozialisten ist jetzt von der Unschuldsvermutung die Rede, die nicht gewahrt bleibt. Besonderen Unmut erregen dabei die Umstände, unter denen der ehemalige IWF-Chef dem New Yorker Haftrichter vorgeführt wurde: Dass er bei diesem Termin neben gewöhnlichen Kriminellen und Kleindealern zu sitzen kam, gilt den Kritikern des Verfahrens als schändliche Bestrafung. "Man wirft einen Mann nicht so den Hunden vor", erklärte der als reisendes Weltgewissen bestens ausgewiesene Bernard-Henri Levy voller Mitgefühl in der "Zeit".

Man stelle sich vor, der Mann wäre kein führender Sozialist

Man sollte meinen, dass gerade in linken Kreisen das entschiedene Vorgehen der US-Justiz Anerkennung findet. Die Annahme, dass vor den Schranken des Gerichts alle gleich sind, galt schließlich immer als einer der entscheidenden Errungenschaften der Aufklärung, aber offenbar fällt der Abschied von der Klassenjustiz doch schwerer als gedacht, wenn es einen aus den eigenen Reihen trifft. In Frankreich können viele Verteidiger des Beschuldigten in diesem Fall nur einen abscheulichen Auswuchs "puritanischen Irrsinns" sehen beziehungsweise ein "Komplott", um den braven Mann zu erledigen. So weit will man in Deutschland nicht gehen, aber auch hier sind Klagen zu hören über die "beschämende Demütigung" und "Vorverurteilung", wie es am Wochenende in der "taz" hieß, die normalerweise noch die geringste Überschreitung linker Moralnormen unnachsichtig zur Anzeige bringt.

Offenbar spielt bei der Bewertung der Vorgänge die politische Herkunft des Verdächtigen keine unbedeutende Rolle. Dass Strauss-Kahn ein treuer Parteigänger der Linken ist, der bis gestern als Kandidat für das französische Präsidentenamt galt, lässt die Vorwürfe gegen ihn irgendwie in einem anderem Licht erscheinen. Man stelle sich nur einmal vor, der Gast im New Yorker Sofitel wäre kein führender Sozialist, sondern ein Mann der rechten Seite gewesen. Es sind zumindest Zweifel erlaubt, ob die Leitkommentare in vielen Zeitungen dann auch so vorsichtig und abwägend ausgefallen wären.

In der richtigen Gesinnung einen mildernden Umstand zu sehen, hat auf der Linken durchaus Tradition - das gilt offenbar sogar für Sexualdelikte, allen feministischen Proklamationen zum Trotz. Dass Andreas Baader Frauen grundsätzlich nur als "F*****" bezeichnete, hat seinem Status als Revolutionsheld nie Abbruch getan; über diese Verbalattacken, die spätestens im RAF-Knast ins offen Sadistische umschlugen, haben selbst überzeugte Frauenrechtlerinnen großzügig hinweggeschaut. Man muss in diesem Zusammenhang vielleicht auch noch einmal an Bill Clinton erinnern: Als der US-Präsident eine Praktikantin verführte, lag die Sympathie der Öffentlichkeit nicht etwa bei dem Mädchen, sondern später sogar beim Verführer, der als das eigentliche Opfer angesehen wurde. Clintons Presseleute hatten ganze Arbeit geleistet.

Moral ist eine unzuverlässige Instanz

Selbst Sex mit Minderjährigen erfährt im fortschrittsgesonnenen Milieu mitunter nicht Entsetzen, sondern Solidarität, wenn der Täter als Kulturschaffender ausgewiesen ist und damit als Angehöriger einer Schicht, für die schon immer andere Normen galten. Bis heute besteht gegen den Regisseur Roman Polanski ein internationaler Haftbefehl, weil er 1977 in seinem Haus in Los Angeles eine 13-Jährige missbrauchte und sich dann kurz vor der Urteilsverkündung nach Frankreich absetzte. Doch statt seine Auslieferung zu verlangen, um das Verfahren endlich zum Abschluss zu bringen, forderte die Weltkulturgemeinde die sofortige Freilassung, als ihn die Schweizer Behörden vor zwei Jahren vorübergehend in Haft nahmen. Dass sich die New Yorker Richter jetzt etwas schwertaten, Strauss-Kahn gleich wieder auf freien Fuß zu setzen, hat auch damit zu tun.

Die Gerichtshöfe der Moral kennen keine Strafprozessordnung, hat der Philosoph Herman Lübbe einmal angemerkt. Man kommt deshalb an ihnen zügig zu einem Urteil, was manche durchaus als Vorteil empfinden mögen. Nur ist die Moral eben auch eine sehr unzuverlässige Instanz, wie sich zeigt. Manchmal hat der reguläre Gang der Justiz durchaus seine Vorteile, er ist jedenfalls deutlich unbestechlicher.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 286 Beiträge
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1. Verschwörungstheorien in SpOn sind fehlplatziert
mardas 23.05.2011
Zitat von sysopBei Gewalt gegen Frauen kennt die aufgeklärte Öffentlichkeit normalerweise kein Pardon - doch im Fall Dominique Strauss-Kahn raten viele zur Besonnenheit im Urteil. Gelten hier mildernde Umstände, weil der Mann die richtige politische Gesinnung hat? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,764258,00.html
Herr Fleischhauer hat offenbar noch nie etwas von der sog. Unschuldsvermutung gehört, die in einem Rechtsstaat gang und gäbe ist, bevor jemand einer Verleumdungsklage aufsitzt. Bis der Prozess DSKs Schuld nicht bewiesen hat, gilt auch Besonnenheit, und es wäre eher ein Skandal, wenn dies auch nur irgendwem anderen verweigert würde.
2. Unzulässige Verallgemeinerungen
ArnoNuem 23.05.2011
Ziemlich wirr dahergeredet, lieber Herr Fleischhauer! Übrigens: Nicht nur wegen seiner Verachtung Frauen gegenüber bezeichne ich Andreas Baader seit über 35 Jahren als Arschloch. Ein bischen viel Verallgemeinerung, was Sie hier betreiben. Ansonsten gilt für Rechte wie für Linke: die Unschuldsvermutung bis zum Schuldbeweiß! Im Falle DSK wird viel fabuliert und wenig belegt. Und das etwas skurille US-amerikanische Rechtssystem ist mir zutiefst fremd und ich habe viel mehr Fragen als ich je gute Antworten bekommen werde. Sollte DSK tatsächlich der Vergewaltigung überführt werden, muss er selbstverständlich bestraft werden. Ach ja: bayerische Verkehrsminister dürfen höchst richterlich besoffen Auto fahren, auch wenn sie andere Leute überfahren. Die bürgerliche Doppelmoral ist nach wie vor in konservativen Kreisen genau so verbreitet, wie sie das mitunter in gutbürgerlichen linken Kreisen ist. Wohin man schaut: Pralellgesellschaften über Paralellgesellschaften!
3. Der hat keinen Bonus
NormanR, 23.05.2011
Ach, der Herr Fleischhauer, mal wieder. Bestens in Erinnerung bei Anne Will, leider keine so Gute, genau wie gestern Abend der erzkatholische Kollege Mattusek in dieser Talk-Qassel-Show. Obwohl der Strauss-Kahn reich ist wie Bonze, aber trotzdem wird die angeblich linke Gesinnung gebrandmarkt. Und einen Bonus hat er sowieso nicht, nachdem, was alles rauskam aus seiner Vergangenheit.
4. Auch
fast_weise 23.05.2011
wenn natürlich noch immer die Unschuldsvermutung auch für Strauss-Kahn gelten muss, so hat Fleischhauer wieder den Nagel auf den Kopf getroffen. Wären bekennende Konservative getroffen worden, hätte der mediale Scheiterhaufen schon am Abend der Verhaftung gebrannt. Eine weitere Frage bleibt dabei für die Anhänger maximaler sozialer Gerechtigkeit offen: woher denn 6 Millionen Dollar Kaution, die sicher nicht das Ende aller finanzieller Möglichkeiten Strauss-Kahns darstellen, kommen können, um zweifelsfrei den Präsidentschaftskandidaten der französischen Linken verkörpern zu können ?
5. Nicht das hier zur Besonnenheit
Volker Tuermer 23.05.2011
Zitat von sysopBei Gewalt gegen Frauen kennt die aufgeklärte Öffentlichkeit normalerweise kein Pardon - doch im Fall Dominique Strauss-Kahn raten viele zur Besonnenheit im Urteil. Gelten hier mildernde Umstände, weil der Mann die richtige politische Gesinnung hat? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,764258,00.html
gemahnt wird ist der Skandal, das sollte selbstverständlich sein. Skandalös ist allerdings das Versagen eben dieser Besonnheit in anderen Fällen. Man stelle sich das Geschrei in den linken Medien vor, wenn statt einem Sozialisten beispielsweise ein hoher katholischer Würdenträger derselben Tat verdächtigt würde.
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Jan Fleischhauer


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