S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Minenfeld Gleichberechtigung

Fußball ist immer eine ernste Sache, aber ganz ernst wird es, wenn man ihn politisch betrachtet. Man kann ja so viel falsch machen, sobald höhere Ziele im Spiel sind. Das beginnt mit der Sprache.

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Schon die Frage, wie man die Weltmeisterschaft nennen soll, die derzeit Millionen in ihren Bann zieht, ist nicht so leicht zu beantworten. Darf man überhaupt von "Frauen-Fußball-WM" sprechen? Niemand käme schließlich auf die Idee, von einer Männer-WM zu reden. Das scheidet also schon einmal aus, weshalb man am besten auf jede geschlechtsspezifische Zuschreibung verzichtet. Auch das unbedachte Gerede von der deutschen "Frauen-Fußballmannschaft" verbietet sich von selbst. "Mannschaft" geht gar nicht, wenn einem die Gleichberechtigung am Herzen liegt. Korrekt ist hingegen die Bezeichnung "Team", wie man den Leserbriefspalten der "taz" entnehmen kann, in denen dieser Tage besonders hingebungsvoll über die emanzipatorischen Aspekte des Wettkampfs diskutiert wird. "Frauschaft" wäre eine mögliche Alternative, bleibt aber wohl chancenlos, weil nach übereinstimmendem Votum dann doch nicht weltläufig genug.

Eigentlich läuft alles prima, muss man sagen: Die Stadien sind voll, die Quoten glänzend, die deutschen Frauen stehen im Viertelfinale, und auch das Wetter spielt halbwegs mit. Aber so können das natürlich nur unbedarfte Gemüter sehen, für die allein die Erfolge auf dem Spielfeld zählen, denn selbstverständlich geht es in diesen Tagen um weit mehr als um Tore. Glaubt man den fortschrittsgesonnenen Kräften im Land, erweist sich mit der WM, wie weit wir mit der Emanzipation gekommen sind beziehungsweise welchen Weg wir noch vor uns haben.

Die Krux am politisch korrekten Fußball

Man muss nur einmal in die mit einem Grußwort der Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth versehene Broschüre der Heinrich-Böll-Stiftung schauen, um die wahre Bedeutung dieses Großereignisses zu erkennen. Der Aufstieg des Frauenfußballs von einer Randsportart zu einem "festen Standbein der heimischen Teamsportarten" ist dieser Sichtweise zufolge nicht weniger als eine "wichtige kulturelle Verschiebung in den Geschlechterbeziehungen auf globaler Ebene", ja mehr noch: der endgültige "Beweis für den Triumph des Gleichheitsfeminismus". Kein Wunder also, dass selbst der Schriftzug auf dem Trikot unserer Spielerinnen Anlass zu Debatten darüber gibt, ob die Designer dafür die Schrift "Comic Sans" gewählt haben: Die gilt in der Branche angeblich als besonders hässlich, was als versteckte Abwertung gedeutet wird.

Die Krux am politisch korrekten Fußball ist der erweiterte Wettbewerbsgedanke. Weil die Frauen nicht nur als Sportlerinnen auf dem Platz stehen, die möglichst viele Treffer erzielen sollen, sondern auch als "Aktivistinnen" einer "emanzipatorischen Bewegung", wie es in der Broschüre so schön heißt, ist der Sieg erst erreicht, wenn sie genauso beachtet und gefeiert werden wie ihre männlichen Konkurrenten vor fünf Jahren. Mindestens so wichtig wie das Torverhältnis ist dabei die Einschaltquote; als eigentlicher Erfolg gilt nicht die Gruppenführung, sondern der Marktanteil bei den Zuschauern. Der liegt bei sensationellen 50 Prozent, womit geschlechtspolitisch schon mal Entwarnung gegeben werden kann. Auch wenn sich natürlich fragen lässt, was es für den Stand der Emanzipation in Deutschland wohl bedeuten mag, dass überdurchschnittlich viele Männer ab 60 vor dem Fernseher hocken, wenn das deutsche Frauenteam im Stadion aufläuft.

"Fußball ist alles - auch lesbisch"

Der Feminismus hat sich nie wirklich entscheiden können, was er vom Geschlechterunterschied halten soll. Einerseits sind seine Vertreterinnen immer ängstlich bemüht, jede geschlechtsspezifische Zuschreibung in Abrede zu stellen, die sich aus der biologischen Differenz ergibt. Wer darauf hinweist, dass Mädchen schon im Kindergarten andere Interessen verfolgen als Jungs, wird sofort auf den bestimmenden Einfluss von Erziehung und Umwelt verwiesen. Anderseits hält sich bis heute die romantische Vorstellung, dass die Welt irgendwie ein besserer und friedvollerer Ort wäre, wenn die Frauen in ihr mehr zu sagen hätten. Über nichts spotten Frauen so gern wie über das Alpha-Getue der Männer. Keine Diskussion über die Quote kommt ohne die Bemerkung aus, dass Unternehmen mit einem besonders hohen Anteil weiblicher Führungskräfte kreativer und profitabler seien. Selbstredend darf jetzt auch bei der Befassung mit dem Fußball nicht der Hinweis auf die weibliche Solidarität im Kader fehlen, die zu einem kreativeren und eleganteren Spiel führe.

Wo das Anderssein als Problem begriffen wird, gehört es zum guten Ton, über offensichtliche Besonderheiten hinwegzusehen, deren Erwähnung als Diskriminierung verstanden werden könnte. Das hat selbst die Fifa begriffen, weshalb Ordner vor dem Spiel Brasilien gegen Australien gleich ein Spruchband einkassierten, auf dem der Satz zu lesen war: "Fußball ist alles - auch lesbisch." Aber halt, das war ja auch nicht okay. Sofort hieß es, der Fußballverband habe ein Problem mit der gleichgeschlechtlichen Liebe, worauf sich die Verantwortlichen umgehend für den "Fehler" entschuldigten.

Man sieht, es ist wirklich nicht einfach mit der Gleichberechtigung, man kann da echt viel falsch machen. SPIEGEL-ONLINE-Kollegin Barbara Hans hat empfohlen, zur Abwechslung mal nicht über Fortschritt, Frauenrechte und Weltfrieden nachzudenken, sondern einfach nur Fußball zu schauen. Das wäre ziemlich emanzipiert.

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insgesamt 162 Beiträge
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Seite 1
cemi 04.07.2011
1. blubb
Zitat von sysopFußball ist immer eine ernste Sache, aber ganz ernst wird es, wenn man ihn politisch betrachtet. Man kann ja so viel falsch machen, sobald höhere Ziele im Spiel sind. Das beginnt mit der Sprache. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,772139,00.html
Ja Mööönsch, Herr Fleischhauer warum tun Sie's dann nicht einfach, wenn das so eine tolle Empfehlung ist? Auch keine bessere Idee gehabt, womit Sie Ihre wöchentliche Kolumne füllen könnten, und - so wie viele Ihrer Kollegen - einfach mal die Frauen-WM für ein bisschen inhaltsarmes Geschreibsel benutzt, ja? Achso, dafür hab' ich natürlich Verständnis.
prospektor 04.07.2011
2. ja
Minenfeld trifft's ganz gut. Ich erinnere mich an den Kommentator des letzten Deutschland-Spiels, der nach einem Patzer der Torwartfrau diesen ansprach, dann aber hinzufügte "Soviel Kritik ist hoffentlich erlaubt". Das war schon sehr bezeichnend. Und wie soll ich mich als Mann über den Titelgewinn der Damen freuen, wenn mir dann allerorten entgegenschallt: Ha, siehste, Frauen sind besser als Männer. Genau wie die Werbung im Vorfeld, die die Leistungen der Herren-Elf verspottete. Für so etwas gibt es einen passenden Ausdruck: unsportlich.
Wer ich wirklich bin, 04.07.2011
3. !
Zitat von sysopFußball ist immer eine ernste Sache, aber ganz ernst wird es, wenn man ihn politisch betrachtet. Man kann ja so viel falsch machen, sobald höhere Ziele im Spiel sind. Das beginnt mit der Sprache. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,772139,00.html
Tja Fleischhauer, das hat einen einfachen Grund: Es gibt *den* Feminismus nicht. Es sei dann natürlich, man braucht *ein* Feindbild.
shokaku 04.07.2011
4. Hier könnte ein Tor stehen
Zitat von sysopFußball ist immer eine ernste Sache, aber ganz ernst wird es, wenn man ihn politisch betrachtet. Man kann ja so viel falsch machen, sobald höhere Ziele im Spiel sind. Das beginnt mit der Sprache. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,772139,00.html
Fußball schon, Rasenflipper nicht.
moderne21 04.07.2011
5. Einschaltquote von 50 Prozent ?
Ich habe in meinem Bekanntenkreis niemanden - weder Frauen noch Männer - der diese peinliche Politveranstaltung auf dem grünen Rasen ernst nimmt, geschweige denn freiwillig anschaut.
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