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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Politische Kettenreaktion

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Der Reaktorbrand in Japan verleiht der deutschen Anti-AKW-Bewegung ungeahnten Auftrieb. Alle reden vom Schicksal der Menschen, tatsächlich bietet der Unfall Atomkraftgegnern den willkommenen Anlass, das ersehnte Aus der Kernenergie durchzusetzen.

Eines muss man der Anti-Atom-Bewegung in Deutschland lassen: Ihre Reaktionszeit ist bemerkenswert kurz. Die Meldungen über einen Reaktorunfall im japanischen Fukushima waren kaum über die Agenturen gegangen, da meldeten sich schon die ersten Politiker zu Wort, die die Abschaltung der deutschen Kraftwerke forderten. Andernorts in Europa sind die Bürger noch damit beschäftigt, sich einen Überblick zu verschaffen, was genau in dem Unglückswerk eigentlich vorgefallen ist; dem deutschen Atom-Gegner reicht die Nachricht von einem brennenden Meiler, und er weiß, dass es Zeit für Mahnwachen ist.

Fast muss man den Eindruck gewinnen, mitten in Deutschland habe sich ein Atomkraftwerk in einer Kettenreaktion verabschiedet und nicht 10.000 Kilometer entfernt in einer japanischen Provinz, aber so ist das in der Stimmungspolitik. Wenn es um die Angst geht, die noch immer am zuverlässigsten die Massen bewegt, ist sich jeder selbst der Nächste. Das ist menschlich, hat allerdings mit verantwortlicher Politik nicht viel zu tun, die auch in der Krise die Argumente wägen muss - und schon gar nicht mit der "Betroffenheit", die allenthalben beschworen wird.

Viel ist jetzt vom Mitgefühl mit den Menschen die Rede, die in Japan aus Sorge vor einer Kernschmelze aus ihren Wohnorten weggebracht werden mussten. Wer an diesem Mitgefühl Zweifel hegt, setzt sich heftigen Verwünschungen aus. "Inhuman, widerlich und zynisch" nannte der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck einen Twitter-Eintrag, in dem der Autor dieser Kolumne den Verdacht äußerte, dass der Kernkraftgegner im tiefsten Inneren seines Herzens immer den Unfall herbeisehnt, weil dieser auf drastische Art seine Befürchtungen bestätigt, vorausgesetzt natürlich, er ereignet sich nicht vor der eigenen Haustür.

Wie Apokalyptiker ticken

Der Apokalyptiker, der stets mit dem Schlimmsten rechnet, braucht hin und wieder den Beweis, dass er mit seiner Weltsicht richtig liegt, sonst ergeht es ihm am Ende wie den Zeugen Jehovas, die den Tag des Jüngsten Gerichts schon dreimal verschieben mussten, weil er sich bislang einfach nicht einstellen wollte. Volker Beck handelt dabei selbstverständlich aus reinster Menschenliebe, wenn er kein Mikrofon auslässt, um endlich dem Ausstieg aus der Kernenergie zum Durchbruch zu verhelfen - und so, ganz nebenbei, die Chancen seiner Partei bei den nächsten Landtagswahlen zu verbessern.

Die Forderung der Stunde lautet "Atomkraft abschalten sofort". Und, fraglos: "Mappus muss weg." Inwieweit die Abwahl des baden-württembergischen Ministerpräsidenten den Menschen in den Krisengebieten hilft, deren Schicksal nun angeblich alle so bewegt, ist zwar nicht ganz klar, aber wahrscheinlich ist die Losung als Geste gelebter Solidarität zu verstehen. Der Atomtod macht bekanntlich jeden zum Opfer, wo immer er auch lebt, selbst wenn er anschließend nur auf japanische Shiitake-Pilze verzichten muss.

Leben bedeutet, sich Risiken auszusetzen. Welche als tragbar gelten und welche eben nicht mehr, wird in demokratischen Gesellschaften ständig neu verhandelt, das gehört zum Wesen unseres Gemeinwesens. Atomkraft ist eine gefährliche Technik, und es wäre zweifellos wünschenswert, wir kämen ohne sie aus, aber genau daran bestehen Zweifel, jedenfalls wenn wir auf nahe Zukunft unseren Wohlstand nicht gefährden wollen.

Es kommt darauf an, woran man stirbt

Manchmal ist die Kernenergie sogar erschreckend zerstörerisch und lebensbedrohend, wie man immer wieder sehen kann. Aber das ist die Quecksilberproduktion auch, die in China in Gang gesetzt wurde, um unsere Energiesparlampen zu produzieren, die nun die Glühbirne ersetzen sollen. Dafür können sich die chinesischen Minenarbeiter mit dem Gedanken trösten, für einen guten Zweck, nämlich die Verbesserung des Weltklimas, an ihren Vergiftungen zu sterben. Vom Autoverkehr wollen wir gar nicht erst reden. Über 3000 Menschen fallen allein in Deutschland jedes Jahr dem motorisierten Bewegungsdrang zum Opfer, aber das hat (außer dem bewundernswert-konsequenten Hans-Christian Ströbele) noch kaum einen ökologisch gesinnten Mandatsträger davon abgehalten, auf seinen Dienstwagen zu verzichten.

Es kommt eben offenbar darauf an, woran man stirbt, um das Mitgefühl der politisch schnell erregbaren Kreise zu wecken. Über die Toten, die jetzt vor der Küste von Sendai treiben, verliert bei den Atomkraftgegnern kaum jemand ein Wort, vielleicht weil man Stefan Mappus dafür nicht wirklich verantwortlich machen kann. Offenbar taugt nur der Strahlentod, um in der Opferhierarchie ganz nach oben zu gelangen. Auch diesen Einwand kann man für zynisch halten.

Aber besteht nicht der wahre Zynismus darin, die Toten einer Naturkatastrophe danach zu bewerten, ob sich ihr Schicksal hierzulande zum politischen Protest eignet?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. werde
moritzdog, 14.03.2011
Zitat von sysopDer Reaktorbrand in Japan verleiht der deutschen Anti-AKW-Bewegung ungeahnten Auftrieb. Alle reden vom Schicksal der Menschen, tatsächlich bietet der Unfall Atomkraft-Gegnern den willkommenen Anlass, das ersehnte Aus der Kernenergie durchzusetzen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,750759,00.html
jetzt auch Grün wählen in BW.
2. .
josifi 14.03.2011
Wieder mal ein unsäglicher Kommentar. Wie lange wäre es denn angemessen, aus vermeintlichen Pietätsgründen die Klappe zu halten? Was ist falsch daran, im Angesicht einer Katastrophe auf hiesige Risiken hinzuweisen? Noch ein Wort zu dem immer wieder genannten Auto-Opfer-Vergleich: In´sd Auto setzen Sie sich FREIWILLIG und können selbst entscheiden, ob´s Ihnen das Risiko wert ist. Können Sie das bei Kernkraft auch??
3. Guter Beitrag
sprechweise, 14.03.2011
Zitat von sysopDer Reaktorbrand in Japan verleiht der deutschen Anti-AKW-Bewegung ungeahnten Auftrieb. Alle reden vom Schicksal der Menschen, tatsächlich bietet der Unfall Atomkraft-Gegnern den willkommenen Anlass, das ersehnte Aus der Kernenergie durchzusetzen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,750759,00.html
Dieser Beitrag zeigt den zwar gut versteckten, aber massiv verhanden widerlichen Zynismus und die Menschenverachtung der deutschen Antiatomkraftbewegung auf. Die darunterliegende Wohlstandsverwahrlosung dieser Kreise wird sich erst reduzieren wenn sie den Niedergang Deutschlands erfolgreich besigelt hat.
4. zu spät
ausgewogen, 14.03.2011
Logisch: die Anti-AKW-Bewegung hat die Katastrophe herbeigesehnt und dann prompt mit Demonstrationen reagiert, die die kollektive Erregung anfachen und die deutsche Angst-Neurose geschickt aufnehmen. Die Gutmenschen lassen dabei völlig aus den Augen, dass ohne Atomstrom in Deutschland Massenverelendung droht. Und selbstverständlich geht es den Linken gar nicht um die Katastrophe in Japan, denn sonst hätten sie ja ihren Dienstwagen längst gegen ein Fahrrad getauscht. Alles klar?
5. Natürlich sehnt sich der KKW-Kritiker den Störfall in weiter Ferne vorbei ...
JaguarCat 14.03.2011
... denn keiner möchte ihn vor seiner Haustür. Andererseits möchte natürlich auch jeder Kritiker recht behalten, und das kann er nunmal nur, wenn ein Störfall passiert. Also ist ein Störfall möglichst weit weg diesbezüglich ideal. Dem Kritiker deswegen Zynismus vorzuwerfen, ist aber selber zynisch. Denn es ist ja der Kritiker, der mit seiner Kritik darauf hinarbeitet, dass es eben NICHT passiert, weil eben erst gar nicht Kernkraftwerke gebaut oder in der Laufzeit verlängert werden.
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Jan Fleischhauer

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