S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Puritanismus, hilf

Das säkulare Deutschland achtet streng auf die Kirchenferne des Staates. Aber wenn es ernst wird, müssen doch die Männer Gottes nach vorn. Bei der Kandidatensuche für das Amt des Bundespräsidenten lag die Wahl am Ende zwischen Bischof Huber und Pastor Gauck.

Eine Kolumne von


Glaubt wirklich jemand ernsthaft, dass Norbert Lammert abgesagt hätte, wenn ihm von der Kanzlerin das Amt des Bundespräsidenten angetragen worden wäre? Man konnte über das Wochenende lesen, der Bundestagspräsident habe auf der Stelle abgelehnt, Christian Wulff nachzufolgen. Respekt vor so viel Demut. Nur, wer soll ihm das Angebot eigentlich gemacht haben? Sigmar Gabriel? Renate Künast? Oder etwa der arme Klaus Ernst, der nicht einmal eingeladen war, an der Kandidatenfindung teilzunehmen?

Lammert hat unbestreitbar Eigenschaften, die ihn nicht nur für das zweit-, sondern auch für das allerhöchste Amt im Staate empfehlen. Das sieht er selber so, weshalb er schon im vergangenen Jahr ständig als eine Art Neben-Staatsoberhaupt agierte. Auch in der Kunst der wohlklingenden Ansprache, die als wichtigstes Werkzeug des Bundespräsidenten gilt, ist Lammert bestens bewandert. Ich kenne überhaupt niemanden in Berlin, der sich selber so gerne reden hört.

Das Problem ist bloß, dass Angela Merkel von Menschen, die von sich selbst über alle Maßen eingenommen sind, eher weniger hält. Schon gar nicht will sie diese an einer Stelle wissen, wo sie sich jederzeit zu allem und jedem verbreiten können, ohne dass jemand auf die Uhr guckt. Insofern liegt man wohl nicht zu weit neben der Wahrheit, wenn man die Regierungskreise, die als Quelle für das Lammert-Gerücht genannt wurden, in großer Nähe zum Reichstag vermutet. Manchmal ist es besser, von sich aus abzusagen, statt als jemand zu gelten, der nie gefragt wurde.

Origineller Beitrag von den Sozialdemokraten

Zweieinhalb Tage dauerte nach dem Trauerspiel um Wulff der heitere Zwischenakt der Kandidatenkür. Mit der Einladung an die Opposition, sich an der Suche zu beteiligen, war die Zahl der potentiellen Nachfolger über Nacht sprunghaft gestiegen. Die Kanzlerin sprach von einem "iterativen Prozess", was aus der Mathematik kommt und bedeutet, sich schrittweise in Rechengängen der exakten Lösung zu nähern. Auf die Politik übertragen heißt das, sich nicht zu früh festzulegen, weil die ersten Namen diejenigen sind, die im Verfahren verbrannt werden. Anderseits sollte man auch nicht zu lange warten, sonst ist die Sache gelaufen, bevor man selbst zum Zug kommt.

Die Sozialdemokraten haben dem Vernehmen nach in der ersten Runde Margot Käßmann ins Spiel gebracht. Das war ein origineller Vorschlag, keine Frage. Die Frau kennt sich aus mit Rücktrittsverfahren. Im Gegensatz zu Wulff hat sie gezeigt, wie man aus einem karriereknickenden Fehltritt so viel moralisches Kapital schlägt, dass einem anschließend alles zugetraut wird, sogar der Umzug ins Schloss Bellevue. Da die Mehrheit der Bundesversammlung, die am Ende den Präsidenten wählt, immer noch der konservativ-liberalen Sache zuneigt, bestand allerdings wenig Aussicht, dass eine Frau das Amt übernimmt, die nach eigener Aussage die "präreflektierte Unmittelbarkeit" schätzt.

Ein Überschuss an Puritanismus kann nicht schaden

Die Kanzlerin konnte sich vieles vorstellen, wie es ihrer Art entspricht. Entscheidend war für sie, dass sie sich nicht wieder Sorgen machen musste, ob das Staatsoberhaupt bis zum Schluss durchhält. So lief alles zunächst auf den ehemaligen Bischof Wolfgang Huber zu, einen Mann der innerweltlichen Askese, der den moralischen Kompass fest in der Hand hält. Sicher, Huber sieht immer ein bisschen nach saurem Wein aus. Aber ist es nicht genau das, was wir jetzt brauchen? Nach den Eskapaden des Ehepaar Wulffs kann ein Überschuss an Puritanismus nicht schaden.

Am Ende ist es doch der ehemalige Pastor Joachim Gauck geworden. In der Stunde der Not müssen die Männer Gottes nach vorn, allen Beschwörungen, wie wichtig die Trennung von Staat und Kirche sei, zum Trotz. Gauck ist die ostdeutsche Variante des Kirchenmenschen, fröhlicher als sein baden-württembergischer Glaubensbruder, mehr Feldgottesdienst als Konklave, aber auch bei ihm darf man davon ausgehen, dass er sich in der Vergangenheit nicht von Einladungen der Marmeladenindustrie hat in Versuchung führen lassen. Oder bei seinen Urlauben in Wustrow auf Kosten anderer die Beine in die Ostsee gesteckt hat (dass in dieser Situation kein Katholik in Frage kam, versteht sich von selbst. Bei Vertretern dieser Konfession reichen drei Ave-Maria und alles ist vergeben und vergessen, das ist hochsympathisch, aber leider im Augenblick nicht ganz das Richtige).

Tribut an die närrische Zeit

Dass ausgerechnet Joachim Gauck bis heute als Kandidat von Rot-Grün gilt, ist eine der Ironien, die man auch als Tribut an die närrische Zeit verstehen kann. Nach einigen turbulenten Wochen haben wir demnächst also mit Hilfe von Claudia Roth und Sigmar Gabriel einen Bundespräsidenten, der die Antibanken-Bewegung, von der sich SPD und Grüne so viel versprechen, nur "unsäglich albern" findet und überhaupt die populäre Kritik an den Finanzmärkten für ziemlich naiv hält. Er habe in einem Land gelebt, "in dem die Banken besetzt waren", hat Gauck neulich süffisant angemerkt: Es sei zu bezweifeln, dass die Einlagen sicherer wären, wenn die Politiker in der Finanzwirtschaft das Sagen hätten.

Vielleicht sollte die SPD angesichts der neuen Entwicklung schon einmal über ihre Wahlkampfstrategie nachdenken: Dort spielt Occupy noch immer eine große Rolle.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der schwarze Kanal


insgesamt 69 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pepito_sbazzeguti 20.02.2012
1. Ungerecht
Zitat von sysopDas säkulare Deutschland achtet streng auf die Kirchenferne des Staates. Aber wenn es ernst wird, müssen doch die Männer Gottes nach vorn. Bei der Kandidatensuche für das Amt des Bundespräsidenten lag die Wahl am Ende zwischen Bischof Huber und Pastor Gauck. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,816422,00.html
Und dabei handelt es sich immer um Vertreter der protestantischen Fraktion. Ganz schön ungerecht :-)
dosmex 20.02.2012
2. Chance verpasst
Zitat von sysopDas säkulare Deutschland achtet streng auf die Kirchenferne des Staates. Aber wenn es ernst wird, müssen doch die Männer Gottes nach vorn. Bei der Kandidatensuche für das Amt des Bundespräsidenten lag die Wahl am Ende zwischen Bischof Huber und Pastor Gauck. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,816422,00.html
Warum hat man die Chance nicht genutzt und gleich einen Imam genommen? Und das, wo doch der Islam ein Teil Deutschlands ist?! Man hätte die Chance nutzen und ein Zeichen setzen können, ein Zeichen für die Weltoffenheit, die Toleranz und die Integration unserer muslimischen Mitbürger, die sich dadurch viel besser hätten repräsentiert gefühlt. Wirklich verwunderlich, dass da noch niemand drauf gekommen ist in unserer politisch ach so korrekten, heilen Welt.
hohenstadt 20.02.2012
3. Peinlicher gehts nimmer...
Zitat von sysopDas säkulare Deutschland achtet streng auf die Kirchenferne des Staates. Aber wenn es ernst wird, müssen doch die Männer Gottes nach vorn. Bei der Kandidatensuche für das Amt des Bundespräsidenten lag die Wahl am Ende zwischen Bischof Huber und Pastor Gauck. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,816422,00.html
Wenn es ernst wird Leute die an Geister glauben nach vorne zu schicken, dass passt. Einen Menschen für Voll nehmen und ihm in Krisenzeiten als Lotsen folgen, das ging schon immer in die Hose. Alberne Kirchenbesuche um dieses peinlichen Relikte aus Zeiten der Unwissenheit und religiöser Bevormundung aufzuwerten sowie frühkindliche Gottesformulierungen haben noch nie Probleme lösen können. Was wir brauchen, sind Menschen die mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität stehen, deren Kopf nüchtern und glasklar unterscheiden kann, zwischen Pathologien wie dem Geisterglauben und der Wirklichkeit, keine Bibelweichgespülten Träumer und Heuchler, deren Glaubwürdigkeit die eines Kindes ist.
fahrgast07 20.02.2012
4. Verquickung Kirche-Staat
Zitat von sysopDas säkulare Deutschland achtet streng auf die Kirchenferne des Staates. Aber wenn es ernst wird, müssen doch die Männer Gottes nach vorn. Bei der Kandidatensuche für das Amt des Bundespräsidenten lag die Wahl am Ende zwischen Bischof Huber und Pastor Gauck. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,816422,00.html
Das wäre mir neu! Gerade Deutschland ist für die Verquickung von Staat und Kirche berühmt. Wo sonst zieht der Staat Kirchensteuer ein, ist der Religionsunterricht sogar in der Verfassung zementiert, dürfen Krankenhäuser und Kindergärten ungetaufte Mitarbeiter kündigen, selbst wenn sie aus Steuergeldern bezahlt werden? Wo sonst darf die Kirche das Tanzen an einzelnen Tagen verbieten, selbst Menschen die ihr gar nicht angehören? Bei Huber hätte ich gewaltige Bauchschmerzen gehabt, so wie er sich beim Ladenschluss oder für die Abschaffung des Ethik-Unterrichts in Berlin profiliert hat. Wie hätte er je "mein" Bundespräsident werden können? Gauck ist aber sicher ein Mensch, mit dem auch ich als Atheist mich identifizieren kann. Letztlich zählt ohnehin die Tat, nicht das Wort - wie Wulff uns schmerzlich vor Augen geführt hat.
Olaf 20.02.2012
5.
Zitat von sysopDas säkulare Deutschland achtet streng auf die Kirchenferne des Staates. Aber wenn es ernst wird, müssen doch die Männer Gottes nach vorn. Bei der Kandidatensuche für das Amt des Bundespräsidenten lag die Wahl am Ende zwischen Bischof Huber und Pastor Gauck. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,816422,00.html
Ein wenig Spott tut nach all den staatstragenden Sprüchen ganz gut. Geben wir also Herrn Gauck eine Chance. Er wird schon für eine Überraschung gut sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.