S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Sonnencreme und Kriegshandwerk

Das Problem bei der Ausbildung auf der "Gorch Fock" ist nicht die Härte des Drills, sondern die Wehleidigkeit der Kadetten. Mit Gleichstellungsbeauftragten und Mobbingberatung ist im Kampfeinsatz leider nicht viel auszurichten.

Von


Diese Woche werden wir wieder Neues vom Leben auf der "Gorch Fock" erfahren, die Marineführung will einen ersten Bericht vorlegen. Man darf gespannt sein. Die letzte Enthüllung über ein paar Runden Wasserski auf offenem Meer war ja eher enttäuschend. Die Betroffenheit ist schon jetzt groß, von "unhaltbaren Zuständen" und "schikanösen Befehlen" ist die Rede. "Solche Skandale, die in erster Linie Vorgesetzte zu verantworten haben, schaden dem Ansehen der Bundeswehr", erklärte der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Philipp Missfelder, übers Wochenende.

Doch wo genau liegt eigentlich der Skandal?

In der rauen Behandlung an Bord, die aus Abiturienten Soldaten machen soll, oder nicht eher in der Wehleidigkeit der Marinekadetten, die den Kommandanten dazu veranlasste, sich über deren mangelnde körperliche Tüchtigkeit zu beklagen?

Natürlich ist es nicht schön, von seinen Vorgesetzten angeherrscht oder angebrüllt zu werden, das hat niemand gerne, aber in einem normalen Unternehmen pfeifen einem auch keine Kugeln um die Ohren. Was die sogenannten Ekelrituale angeht, lässt sich nur sagen: Da ist man von jeder Folge "Dschungelcamp", an dem sich gerade die halbe Nation weidete, Schlimmeres gewöhnt. Gewinner Peer Kusmagk wäre froh gewesen, wenn er den Kopf nur in ein bißchen braune Pampe hätte stecken müssen. Der arme Kerl wurde zum Abschluss mit Ratten in einem Sarg gesteckt, so sieht Menschenschinderei aus!

Vielleicht muss man an dieser Stelle doch einmal darauf hinweisen, dass es sich bei den Kadetten, die sich beim Wehrbeauftragten über einen unerträglichen Druck an Bord beklagten, nicht um Rekruten handelt, sondern um Offiziersanwärter, also Männer und Frauen, von denen man erwartet, dass sie später im Gefecht einen kühlen Kopf bewahren und die richtigen Befehle geben. Unter Feindbeschuss kann man leider auch nicht mit dem Hinweis, man habe noch Sonnencreme an den Fingern, das Gewehr zur Seite legen.

Aber das ist möglicherweise ja genau das Missverständnis, das dem Fall nun solche Aufregung beschert: Das Kriegshandwerk ist mit der Käßmann-Kultur, in der man vorzugsweise mit dem Herzen denkt und anderen mit ganz viel Verständnis begegnet, nur bedingt kompatibel. Wir haben uns offenbar immer noch nicht an den Gedanken gewöhnt, dass der Wille zu töten im Krieg unabdingbar ist - was uns allerdings nicht daran hindert, gleichzeitig im Bundestag das Afghanistan-Mandat zu verlängern und damit weitere Soldaten einem erstaunlich rücksichtslos agierenden Feind entgegenzuschicken.

Was nützt die Mobbingstelle im Einsatz?

Der Tod der jungen Kadettin, die beim Aufentern den Halt verlor, ist tragisch und für die Eltern ein grausamer Verlust, aber der Alltag in einer Armee ist zwangsläufig mit besonderen Gefährdungen für Leib und Leben verbunden. Seit Indienstnahme der "Gorch Fock" als Marineschulschiff sind dort sechs junge Menschen ums Leben gekommen, jedes Jahr gibt es bei der Bundeswehr tödliche Unfälle, weil sich versehentlich ein Schuss löst oder jemand unter eine Panzerkette gerät.

Wer vor allem Zahnmedizin oder Vergleichbares studieren will, dem kann man nur den Rat geben, dies an einer normalen Uni zu tun, das Militär ist dafür nicht der richtige Platz. Wo die Auszubildenden mit Waffen und scharfer Munition hantieren, wird es immer deutlich gefährlicher zugehen als in einem Labor oder Hörsaal.

Man kann nun eine Gleichstellungsbeauftragte an Bord schicken, wie es der Wehrbeauftragte empfohlen hat. Man kann neben der Kapitänskajüte auch eine Mobbingstelle einrichten und regelmäßige psychologische Schulungen für die Stammbesatzung abhalten. Aber all das wird nichts daran ändern, dass die genaue Kenntnis des Antidiskriminierungsgesetzes in kriegerischen Auseinandersetzungen nur bedingt weiterhilft.

Wichtiger - und jedenfalls zum Überleben weit vorteilhafter - ist die zuvor erworbene Fähigkeit, sich unerschrocken seiner Haut zu erwehren. Daran wird auch die Aufregung über den großen "Gorch-Fock"-Skandal in absehbarer Zeit nichts ändern.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der schwarze Kanal


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 417 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
baloo55 31.01.2011
1. Alles gesagt,
wunderbarer Beitrag Herr Fleischhauer, auch wenn ich Ihren sonstigen Elaboraten, nicht immer so uneingeschränkt zustimme.
Titanus 31.01.2011
2. Voellig richtig
Habe selten - insbesondere beim Spiegel nicht - einen Artikel gelesen, dem ich so uneingeschraenkt zugestimmt habe.
jolip 31.01.2011
3. Wie Du mir so ich Dir
Zitat von sysopDas Problem bei der Ausbildung auf der "Gorch Fock" ist nicht die Härte des Drills, sondern die Wehleidigkeit der Kadetten. Mit Gleichstellungsbeauftragten und Mobbingberatung ist im Kampfeinsatz leider nicht viel auszurichten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,742583,00.html
Herr Fleischhauer ist doch selbst ein Muster an Wehleidigkeit wenn man seine Reaktionen auf Kritik an den Inhalt seiner Schreibe bedenkt. Typisches Muster der Neofeudalen: Wenn man sie so behandelt, wie sie Andere behandeln, fühlen sie sich mißhandelt.
sentinel1986 31.01.2011
4. Härte
Zitat von sysopDas Problem bei der Ausbildung auf der "Gorch Fock" ist nicht die Härte des Drills, sondern die Wehleidigkeit der Kadetten. Mit Gleichstellungsbeauftragten und Mobbingberatung ist im Kampfeinsatz leider nicht viel auszurichten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,742583,00.html
Ach, lieber Herr Fleischhauer, bei allem Verständnis für das Erlernen des Kriegshandwerks, Sie wollen doch nicht wirklich zurück zu den Wehrmachtsmethoden? Ekelrituale sind völlig falsch verstandene Initiationsriten, die in einer demokratischen Gesellschaft nix verloren haben. Braune Pampe gibts woanders!
baloo55 31.01.2011
5. Mißfelder
Sehr geehrter Herr Fleischhauer, täusche ich mich oder handelt es sich bei dem von Ihnen angeführten Mißfelder, der sich gar so ob der Zustände echauffiert und um das Ansehen der Bundeswehr besorgt ist um den gleichen der in 2003 mal sowas wie der Hüftgelenksprothesenbeauftragte der Union war?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.