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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Unheimliche Verfolger

Eine Kolumne von

Die Berichterstattung über die Verfehlungen des Bundespräsidenten geht in die fünfte Woche, trotzdem finden viele Deutsche, dass Christian Wulff im Amt bleiben soll. Neben Mitleid für den Verfolgten bewegt viele dabei auch Unbehagen über die Macht der Medien.

Vielleicht muss man sich langsam wirklich fürchten. Noch eine weitere Wulff-Woche und wir haben möglicherweise tatsächlich die Staatskrise, vor der uns der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel gewarnt hat. Wenn man die Kommentarlage richtig überblickt, dann hat das Land gerade einen schweren Angriff auf die Pressefreiheit überstanden. Und man weiß ja, was passiert, wenn die freie Presse Schaden nimmt. Dann dauert es in der Regel nicht mehr lange, bis überall andere Saiten aufgezogen werden. Oder so ähnlich.

Was ist passiert? Der Bundespräsident hat beim Chefredakteur der "Bild"-Zeitung angerufen, um sich über eine Recherche zu den Modalitäten seines Hauskaufs zu beschweren.

Anderswo riskieren Journalisten Leib und Leben, wenn sie sich mit den Mächtigen anlegen, hierzulande gelten schon ein paar unfreundliche Worte auf der Mailbox als versuchte Nötigung, die sofort den Presserat auf den Plan ruft und zur Einsetzung des öffentlich-rechtlichen Fernsehgerichts führt.

Man muss sagen, jede Woche endet im Augenblick mit einer Überraschung. Ich kenne den Chefredakteur der "Bild" seit längerem, im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen halte ich ihn auch nicht für den größten Bösewicht im deutschen Journalismus. Aber ich muss gestehen, ich hätte mir nie träumen lassen, dass Kai Diekmann einmal als Einschüchterungsopfer zu Ruhm und Ehre kommen würde. Er vermutlich auch nicht. Dem "Bild"-Chef minutenlang auf den Anrufbeantworter zu quatschen, war in diesem Fall kein Angriff auf die Pressefreiheit, sondern eine Riesendummheit.

Naive Vorstellung über das Verhältnis von Politik und Medien

Christian Wulffs Fehler war, dass er Diekmann für seinen Freund hielt und daraus die Hoffnung auf Schonung ableitete, als sich die Recherchen der Zeitung zu einer für ihn unangenehmen Geschichte verdichteten. Tatsächlich ist Diekmann zunächst einmal Journalist, und das bedeutet, der Enthüllung den Vorzug vor dem Freundschaftsdienst zu geben. Niemand hält sich mehr als zehn Jahre erfolgreich an der Spitze der größten Tageszeitung des Landes, wenn er bei jedem Anruf von jemandem, mit dem er mal ein paar freundliche Worte gewechselt hat, in die Speichen greifen würde.

Hinter der Aufregung steht eine merkwürdig naive Vorstellung über das Verhältnis von Politik und Medien. Wenn der hochgeschätzte Berthold Kohler in seinem Kommentar zur Mailbox-Affäre sofort aufgeregt das Grundgesetz vorzeigt, ist ihm das nachzusehen. Als Herausgeber der "FAZ" hat man es an Beschwerdeführern vorzugsweise mit pensionierten Lehrern zu tun, die sich im Vorzimmer über falsche Zeichensetzung ereifern.

Im normalen journalistischen Leben hingegen kommt es häufiger vor, dass Leute ungehalten reagieren, wenn eine Recherche Unangenehmes zu Tage fördert. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass Machtmenschen wie Helmut Kohl oder Gerhard Schröder in ihrer Amtszeit nie versucht hätten, auf eine ihnen unliebsame Geschichte Einfluss zu nehmen? Es ist die Aufgabe von Chefredakteuren, diesem Druck zu widerstehen, dafür werden sie bezahlt. Die wirklich guten nehmen solche Einschüchterungsversuche zum Anlass, bei der Veröffentlichung erst recht aufs Tempo zu drücken. Nach allem, was man weiß, gehört Diekmann dazu, das zeichnet ihn aus.

Rückhalt für Wulff bei den Bürgern ist weiter groß

Auch nach wochenlanger Dauerberichterstattung ist der Rückhalt für Wulff in der Bevölkerung immer noch erstaunlich hoch. Wenn man den Umfragen trauen darf, dann findet eine knappe Mehrheit, er solle im Amt bleiben, trotz aller Vorwürfe. Man darf vermuten, dass die meisten Deutschen es durchaus problematisch finden, wenn der erste Mann im Staat seinen Privatkredit zu Konditionen erhält, die außerhalb jeder Norm liegen.

Aber sie wollen wahrscheinlich auch nicht, dass in den Redaktionsetagen der Republik darüber entschieden wird, wie lange jemand im Schloss Bellevue residieren darf und wann es Zeit für einen Rücktritt ist.

Die beste Chance für Wulff ist nach Lage der Dinge, wenn das Publikum die Auseinandersetzung um seine kleineren und größeren Vorteilsnahmen als Machtkampf mit den Medien wahrnimmt. In Kommentaren wird gerne die Öffentlichkeit bemüht, die angeblich dies oder jenes erwartet, das soll den eigenen Worten mehr Gewicht verleihen. Aber die meisten Menschen haben gut in Erinnerung, was sie selbst gefordert haben. Nur weil jemand eine Zeitung kauft, bedeutet das noch nicht, dass er ihr das Mandat gegeben hätte, in seinem Namen zu sprechen, auch wenn einige der im Meinungsgeschäft Tätigen das so sehen möchten.

Rudeltrieb der "vierten Gewalt"

Jeder Chefredakteur eines mittelmäßigen Provinzblatts in Deutschland kann jetzt einmal den furchtlosen Ankläger spielen. Selbst im "Schwarzwälder Boten" findet man in diesen Tagen donnernde Leitartikel, die den Bundespräsidenten aufs Korn nehmen. Das hat viel mit dem menschlichen Rudeltrieb zu tun, der auf Schwäche reagiert, weniger mit der heiligen Pflicht zur Aufklärung, die viele aus diesem Anlass beschwören.

Es wäre jedenfalls in der augenblicklichen Lage tausendmal mutiger, ein gutes Wort für Wulff einzulegen, als über ihn nun auch noch den Stab zu brechen. In jedem normalen Gerichtsverfahren gibt es aus gutem Grund die Instanz der Verteidigung.

Wer glaubt, das Volk stünde geschlossen hinter der "vierten Gewalt", unterliegt einem gravierenden Irrtum. Tatsächlich drückt sich in den Umfragen neben Mitleid für den Verfolgten auch ein Unbehagen über die Macht der Verfolger aus. Man kann es als gutes Zeichen sehen, wenn sich alle einig sind.

Man kann es aber auch ein wenig unheimlich finden.

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Kolumne - Der schwarze Kanal
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1. Am schlimmsten...
goethestrasse 09.01.2012
...ist für mich aber eine Presse, die sich selbst nicht treu bleibt und den Wendehals gibt. Ich schätze die deutsche Presselandschaft dafür, dass sie mir Informationen liefert, die ich sonst nie und nimmer von der Politik erfahren würde und auf die zu bekommen, ich ein Recht zu haben - glaube. Entweder weiss die BILD etwas, dann soll sie, frei nach Rösler, LIEFERN oder still sein . Aber keine Tricks und die selben scheibchenweisen Enthüllungen.
2. das ist ein peinlicher Artikel
brigitta b. 09.01.2012
Zitat von sysopDie Berichterstattung über die Verfehlungen des Bundespräsidenten geht in die fünfte Woche, trotzdem finden viele Deutsche, dass Christian Wulff im Amt bleiben soll. Neben Mitleid für den Verfolgten bewegt viele dabei auch Unbehagen über die Macht der Medien. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807969,00.html
für einen Journalisten. Abgesehen davon, dass der Herr Fleischhauer offenbar nicht begriffen hat, warum die Affäre Wulff hochkochte (es ging ja anfangs weniger um den Kredit von Frau (?) G. sondern um die nur halbwahre Beantwortung der Fragen seinerzeit im niedersächsischen Landtag), kann er es doch wohl nicht angemessen finden, dass die Bevölkerung dieses Landes zum großen Teil Mitleid mit ihrem Staatsoberhaupt hat! Wozu ist ein BuPrä da? Damit man seine Empathie an ihm auslebt? Um festzustellen, ach, der BuPrä ist ja auch nur ein Mensch wie Du und ich und schummelt bei der Steuererklärung (oder wobei sonst). Und ich halte es auch nicht bloß für eine "Riesendummheit", einem Journalisten auf die Mailbox zu sprechen, um eine Veröffentlichung zu verhindern. Andererseits: ein "dummer" BuPrä ist auch nicht so prickelnd..
3. Unheimliche Verfolger
plang 09.01.2012
Hervorragender Artikel. Danke!
4. Die Krux ist,
Cortado#13, 09.01.2012
Zitat von sysopDie Berichterstattung über die Verfehlungen des Bundespräsidenten geht in die fünfte Woche, trotzdem finden viele Deutsche, dass Christian Wulff im Amt bleiben soll. Neben Mitleid für den Verfolgten bewegt viele dabei auch Unbehagen über die Macht der Medien. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807969,00.html
dass wir in Deutschland nicht das harte Auswahlverfahren wie die USA haben! Leider! Wulff wäre nie Präsident geworden, er hätte sich mit seinem fragwürdigen Background nicht qualifiziert!
5.
kdshp 09.01.2012
Zitat von sysopDie Berichterstattung über die Verfehlungen des Bundespräsidenten geht in die fünfte Woche, trotzdem finden viele Deutsche, dass Christian Wulff im Amt bleiben soll. Neben Mitleid für den Verfolgten bewegt viele dabei auch Unbehagen über die Macht der Medien. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807969,00.html
Hallo, was heißt den "viele"? Die meisten wollen wohl eher seinen rücktritt!
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Jan Fleischhauer

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