S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Warum Grün nicht das neue Gelb ist

Die Grünen empfehlen sich enttäuschten FDP-Wählern als politische Alternative. Dabei sind sie in Wahrheit das Gegenteil einer liberalen Partei: Statt Staatsskepsis ist bei ihnen die umfassende Staatsliebe Programm. Ein klarer Fall von Etikettenschwindel.

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Zu den politischen Wieselwörtern, die derzeit in Mode sind, gehört das von den Grünen als "neue FDP". Die Grünen, so heißt es, könnten dem liberalen Bürgertum, das sich von den Freidemokraten abwendet, eine neue Heimstatt bieten.

In einem bemerkenswerten Interview mit dem "Handelsblatt", das marktwirtschaftlich denkenden Menschen naturgemäß besonders nahe steht, hat der Parteivorsitzende Cem Özdemir gerade alle enttäuschten FDP-Wähler eingeladen, doch beim nächsten Mal Grün zu wählen. "Unsere Arme sind weit geöffnet", erklärte er und setzte hinzu: "Der von mir sehr verehrte Ralf Dahrendorf würde sich heute (...) bei den Grünen wohler fühlen."

Auf den ersten Blick spricht einiges für die Annahme, dass die Grünen die immer neuen Tiefständen entgegentaumelnde FDP beerben könnten. Ihre Anhänger rekrutieren sich in großer Zahl aus einem Milieu, das mit dem der Liberalen viele Gemeinsamkeiten aufweist: Sie sind wie diese überdurchschnittlich gebildet, überdurchschnittlich gut verdienend, ausgesprochen statusbewusst und politisch interessiert. Oft wohnen beide Wählergruppen sogar Tür an Tür, also in den durchgrünten Innenstadtlagen mit Altbaubestand, wo die ärgerlichen Begleiterscheinungen des Großstadtlebens in angenehmer Distanz bleiben.

So weit mit dem Wort von der "neuen FDP" allerdings auch weltanschauliche Übereinstimmungen gemeint sind, könnte nichts von der Wirklichkeit weiter entfernt sein. Tatsächlich sind die Grünen in ihrem Wesenskern das genaue Gegenstück zu einer liberalen Partei. Von den fünf im Bundestag vertretenen politischen Organisationen ist die FDP heute die einzige, die nicht links ist, weil sie sich einen Rest gesunder Staatsskepsis bewahrt hat. In ihr lebt noch der Gedanke fort, dass der Griff in die Tasche der Bürger zu begründen ist, nicht umgekehrt die Abstinenz davon.

Partei des öffentlichen Dienstes

Die Grünen hingegen sind ganz und gar Partei des öffentlichen Dienstes, er bildet ihr eigentliches Rückgrat, daher auch die ausufernden Sozialprogramme in ihrem Forderungskatalog, die ja nicht nur den Bedürftigen zugutekommen, sondern mindestens ebenso verlässlich den Agenten des Sozialstaats, die diese Programme exekutieren. Ihre treueste Anhängerschaft hat die Ökopartei traditionell neben der BAT-Boheme in den Betreuungsberufen, also dem kaum noch zu überschauenden Heer der Sozialarbeiter und psychologisch geschulten Fachkräfte, die von den sozialstaatlichen Reparaturaufträgen leben.

Schon die 68 er, aus deren Reihen viele Frühgrüne stammten, waren ganz vernarrt in den Staatsdienst, allen anders lautenden Proklamationen zum Trotz. Nie wieder stieg die Zahl der öffentlich Beschäftigten schneller als zwischen 1968 und 1978, und zwar um schwindelerregende 40 Prozent. Die Linksavantgarde erkannte schnell, dass es sich von der Warte der kündigungssicheren Festanstellung mit dynamisiertem Rentenanspruch besser über das Elend der Gesellschaft philosophieren lässt als aus den zugigen Etagen des freien Unternehmertums oder der selbstfinanzierten Gegenwelt.

Für die Grünen ist die Begriffsverwirrung relativ gefahrlos. Ihre Anhänger wissen schon, was sie an ihnen haben, da machen ein paar Avancen ins andere Lager niemanden kirre. Bei den Wählern der FDP kann man da nicht so sicher sein, insofern mag sich der Etikettenschwindel sogar auszahlen, jedenfalls so lange, bis die Rechnung präsentiert wird.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 430 Beiträge
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Seite 1
taubenvergifter 17.01.2011
1. Tja
Zitat von sysopDie Grünen empfehlen sich enttäuschten FDP-Wählern als politische Alternative. Dabei sind sie in Wahrheit das Gegenteil einer liberalen Partei: Statt Staatsskepsis ist bei ihnen die umfassende Staatsliebe Programm. Ein klarer Fall von Etikettenschwindel. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,739785,00.html
Auf die Idee, dass die Wähler der Grünen auch die einzige Bundestagsfraktion unterstützen wollen, der Tier- und Umweltschutz nicht völlig schnuppe sind, kommt jemand wie Fleischhauer selbstredend nicht. In seinem Wertekanon rangieren solche Ziele kurz hinter "nieder mit dem Steuerstaat" und dem Ziel der Gründung einer "Schnauze-Voll-Partei". Hat ihm die Bild weniger für eine Kolumne geboten, oder warum darf er uns hier "beglücken"? Durch Eindimensionalität schon nach dem zweiten Aufguss todlangweilig... ... aber gerade hier werden das einige anders sehen...
ecce homo 17.01.2011
2. Sozial, ökologisch und altliberal
Wenn die Grünen das Liberale mit ein wenig Sozialem mischen, dann würde dies sie wirklich zur besseren FDP machen. Allein es besteht zu Befürchten, daß sie die alt-liberale Komponente vernachlässigen könnte aber dies hätte sie dann mit der FDP der letzten Jahrzehnte gemeinsam.
Sapientia 17.01.2011
3. Die Grünen sind schlichter Durchschnitt mit wenig...
Zitat von sysopDie Grünen empfehlen sich enttäuschten FDP-Wählern als politische Alternative. Dabei sind sie in Wahrheit das Gegenteil einer liberalen Partei: Statt Staatsskepsis ist bei ihnen die umfassende Staatsliebe Programm. Ein klarer Fall von Etikettenschwindel. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,739785,00.html
Mitgliedern, die in der Lage sind, aktiv Politik zu machen; das muss man einfach wissen. Hierzu gibt es eine Kongruenz seitens der FDP. Es geht also nicht um Partei, um Parteiprogramm etc., sondern darum, dass Politik ein Flucht-/Sammelbecken der geistigen Inkompetenz geworden ist, und das drückt sich mittlerweile deutlich aus. Viel diskutieren, Hauptsache, der Unterkiefer wackelt etc., aber letztlich keine Kompetenz, keine Kompetenz, keine Kompetenz, das ist die Krankheit der Zeit. Es reicht eben nicht, sich nachts auf dem Time Square fotographieren zu lassen oder überall hinzufliegen oder den Knigge im Bundestag zu geben - damit kann man substantiell nichts bewegen, das geht leiser vor sich. Im übrigen - hierüber gibt es ja auch hier einen breiten Konsenz - profitieren die Grünen anscheinend und nur temporär von der auffälligen Schwäche der politischen Konkurrenz, können im Hinblick auf diesen momentanen Aufschwung also nicht auf eigene Leistungen zurückblicken; es dürfte auch so bleiben. Die Grünen und die FDP werden politische Randparteien der sogenannten Mitte bleiben; sie liefern sich immer wieder von innen heraus Gründe, warum sie klein bleiben müssen. Es fehlen Führungscharaktere, solche können sich natürlich auch nicht in solchen Laberinstiturionen entwickeln, dafür fehlt der geistige Nährboden, in der FDP wie bei den Grünen - aber wie man weiterhin auch sieht, passiert das bei der SPD inzwischen genauso wie bei den christlichen Parteien - sie haben einfach keine guten Leute mehr; offenbar ist eine Tätigkeit in der Forschung oder in der Wirtschaft interessanter und effektiver, für den Geist sowie für das Portemonnaie. Unsere Volksvertreter werden - nach historischem Muster -stets viel zu hoch und ehrerbietig behandelt; sie lassen sich von uns fürstllch bezahlen, beschicken aber am Ende nichts, außer noch mehr Probleme vorzeigen zu können.
sprechweise, 17.01.2011
4. Richtig erkannt
Zitat von sysopDie Grünen empfehlen sich enttäuschten FDP-Wählern als politische Alternative. Dabei sind sie in Wahrheit das Gegenteil einer liberalen Partei: Statt Staatsskepsis ist bei ihnen die umfassende Staatsliebe Programm. Ein klarer Fall von Etikettenschwindel. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,739785,00.html
Die Grünen haben ziemlich totalitäre Tendenzen. Sie wollen rumkommandieren und andere gängeln, aber selbst nichts zur Lösung beitragen. Oder kann irgendjemand erkennen, dass in Grünen geführten Städten alles besser und schöner ist? In anderen Regierungen mit grüner Beteiligung verstecken die Grünen ihre Erfolgslosigkeit doch nur hinter dem jeweiligem Koalitionspartner.
der_durden 17.01.2011
5. Schwarzer Kanal?
Zitat von sysopDie Grünen empfehlen sich enttäuschten FDP-Wählern als politische Alternative. Dabei sind sie in Wahrheit das Gegenteil einer liberalen Partei: Statt Staatsskepsis ist bei ihnen die umfassende Staatsliebe Programm. Ein klarer Fall von Etikettenschwindel. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,739785,00.html
Schwarzer Kanal bei SPON? Irgendwie ist doch der gesamte SPON ein schwarzer Kanal geworden. Alles was nicht CDU ist, wird hier seit Monaten in ein schlechtes Licht gerückt und mit polemischen bzw. populistischen Headlines belegt. Und Etikettenschwindel kann man nicht den Grünen anheften. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal der FDP. Oder wie ist deren Diskrepanz von Versprechen und Wirklichkeit zu bewerten? Die Grünen sind was sie sind. Seit Jahren die Partei, die sich am Treuesten war und sich in Teilen der Realpolitik angenähert hat, bevor jetzt wird mit diesem Kriegsgenöle kommt. Wie Herr Fleischhauer bemerkte, die Stammwählerschaft weiß, was sie bekommt. Jeder der die Grünen als FDP-Ersatz wählt und am Ende enttäuscht ist, ist selbst dran schuld. Ich wähle auch nicht die FDP und wundere mich am Ende, dass diese für eine Verlängerung der Atomenergie sind. Ein wenig Selbstreflexion beim wählen sollte dann doch jeder an den Tag legen. Wählen ist ein Stück weit politische Verantwortung wahrzunehmen. Die FDP war in diesem Land die einzige, welche beratungsresisitent und realitätsfremd von Steuersenkungen sprachen und diese am Ende nur den Hotels zusprachen. Auch wenn ich kein FDP-Wähler bin, wäre es doch ein Verlust, würde diese Partei im Bundestag fehlen.
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