Von Jan Fleischhauer
Die Protestanten sind enttäuscht vom Papstbesuch, stand am Wochenende in den Zeitungen. Sie hätten sich mehr erwartet, hieß es. Ein vorsichtiges Zeichen der Annäherung, irgendein Eingeständnis des katholischen Oberhaupts, dass Martin Luther mit seinen Reformanstrengungen nicht ganz falsch lag. Kann man verstehen. Die evangelische Kirche hat schließlich auf dem Weg in die Moderne im Gegensatz zum Vatikan alles richtig gemacht, wenn man der populären Kirchenkritik trauen darf.
Sie hat sich die Gleichberechtigung der Geschlechter auf die Fahnen geschrieben und die Abstinenz von jeder Sexualmoral. Niemand an ihrer Spitze käme auf die Idee, den Menschen zur Enthaltsamkeit zu raten, bevor sie sich binden. Überhaupt hat sich die evangelische Kirche entschieden, alles zu entrümpeln, was nicht mehr so recht in die Zeit passt. Jungfräuliche Empfängnis, Gemeinschaft der Heiligen, ewige Verdammnis? Wenn schon von so etwas die Rede sein muss, weil es der Predigtext verlangt, dann allenfalls im übertragenen Sinn.
Wahrscheinlich gilt auch die leibliche Auferstehung, bei der Seele und Fleisch am Tag des Jüngsten Gerichts wieder zusammenfinden, schon bald als eine Art Gleichnis, das nicht allzu wörtlich zu nehmen ist. Oder ist auch dieser Glaubenssatz bereits gefallen? Man verliert bei so viel Reformation ja schnell den Überblick, was noch als Dogma gilt.
Dauererneuerung? Bringt keinen durchschlagenden Erfolg
Dummerweise korrespondiert mit dem öffentlichen Beifall für die Dauererneuerung kein durchschlagender Erfolg bei der eigenen Anhängerschaft. Seit dem Einheitsjahr hat die EKD, die immer als besonders fortschrittlich galt, fast fünf Millionen Mitglieder verloren, die katholische Konkurrenz etwas mehr als drei Millionen. Auch was den religiösen Einsatz angeht, lassen die Protestanten zu wünschen übrig. Von den 24 Millionen evangelischen Gläubigen macht sich nur noch eine Millionen am Sonntag zum Kirchgang auf.
Kein Wunder, dass sich der Papst etwas zögerlich zeigt, dem Beispiel der Glaubensbrüder zu folgen.
Wie sich zeigt, bedingen Glaubenspraxis und die entschiedene Annäherung an den Zeitgeist einander nicht wirklich. Wer spirituelle Anleitung sucht, nimmt offenkundig auch eklatante Verstöße gegen die Erfordernisse der Moderne in Kauf, von der Missachtung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse ganz zu schweigen.
Die große Errungenschaft der protestantischen Reformbewegung ist nicht die Erweiterung des religiösen Horizonts, ihr eigentliches Erbe liegt in der Ausbildung einer Arbeitsethik, von der man im Norden Europas bis heute profitiert. Dass zwischen Protestantismus und Kapitalismus ein enges Verhältnis besteht, lässt sich schon bei Max Weber nachlesen. Tatsächlich geht mit der aufgeklärten Rationalität des evangelischen Denkens eine Geschäftsklugheit einher, die wesentlich zur Wohlstandsproduktion in Europa beigetragen hat. Verschwendung galt dem Protestanten schon immer als sündig, da ist er ganz streng, allen Verweltlichungsprogrammen zum Trotz.
Euro und Ursünde
Die Euro-Krise liefert ein schönes Beispiel, dass die Religionssoziologie bis heute von Nutzen sein kann. Es ist ja möglicherweise kein Zufall, dass die Auseinandersetzung über den richtigen Weg aus der Krise entlang der Konfessionslinie verläuft. Während der protestantische Norden auf eine Politik der Entschuldung drängt, sucht man im katholisch geprägten Süden das Heil in der Ankurbelung der Notenpresse und damit der Verlängerung der faulen Kredite. Mit der innerweltlichen Askese, die bis heute in jedem evangelischen Kirchenraum an der Wand ablesbar ist, haben Katholiken nie viel anfangen können.
Überall ist nun davon die Rede, dass Europa eine gemeinsame Wirtschaftspolitik brauche, das Fehlen derselben gilt als Ursünde des Euro. Das klingt einleuchtend, doch wie sollte eine solche Politik aussehen? Die Ökumene der Währung haben wir bereits hinter uns, mit den entsprechenden Folgen. Was eine Ökumene in der Finanzpolitik bedeuten würde, mag man sich gar nicht ausmalen. Es spricht wenig für die Annahme, das jetzt ausgerechnet über das Geld die religiös geprägten Mentalitäten zusammenfinden.
Sicher, es gibt immer Ausnahmen. Kluge Leute mögen einwenden, dass es auch das katholische Bayern geschafft hat, zum Rest des protestantischen Nordens aufzuschließen. Das ist wahr, aber die Bayern hatten dafür auch ausreichend Zeit. Außerdem gab es an ihrer Spitze einen Edmund Stoiber, der seinen Maßkrug bekanntlich mit Kräutertee füllen ließ, um rechtzeitig wieder am Arbeitsplatz zu sein.
Leider ist derzeit weit und breit kein Stoiber in Sicht, der Italien reformieren könnte. Mit diesem Schisma werden wir also noch eine ganze Zeit leben müssen.
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