S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Wellness für die Massen

Karriere, Kinder, Partnerwahl - die Regierung Merkel bemuttert mit ihrer Familienpolitik die Republik. Nach Elterngeld und Betreuungsprämie ruft Ministerin Schröder nun den Kampf gegen Alltagsstress aus. Die Koalition kommt damit endgültig auf der Ebene der Lifestyle-Beratung an.

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Wie haben die Leute früher bloß ihre Kinder großgezogen? Ganz ohne Elterngeld, Betreuungsprämie und öffentliches Kita-Programm? Die Frage drängt sich auf angesichts des rastlosen Bemühen des Sozialstaats, das Los der Eltern zu verbessern und dem Land dadurch zu mehr Kindern zu verhelfen. Noch nie wurde so viel in die Familienpolitik investiert wie heute, doch es hat nicht den Anschein, als ob es den Müttern und Vätern in Deutschland deshalb besser ginge oder sie glücklicher wären.

Gerade hat die Bundesregierung in Gestalt ihrer Familienministerin Kristina Schröder den aktuellen Bericht zur Lage der deutschen Familien entgegengenommen, und der Befund ist wieder einmal erschütternd. Viele fühlen sich von der Erziehungsarbeit überfordert, wie die Autoren herausgefunden haben: Mehr als 40 Prozent der Eltern mit minderjährigen Kindern leiden "oft oder immer" unter Zeitdruck, jede zweite Alleinerziehende befindet sich dem Bericht zufolge im permanenten Stresszustand. Das sind für jeden Familienpolitiker natürlich alarmierende Zahlen, und deshalb hat Ministerin Schröder nun die "Zeitpolitik" als neues Betätigungsfeld ausgerufen. Der Staat müsse entsprechende "Handlungskonzepte" entwickeln, erklärte sie, der vorgelegte Bericht markiere den "Einstieg" in die neue Politik. Noch ist nicht ganz klar, was darunter zu verstehen ist, aber man darf sicher sein, dass sich die Koalition schon etwas einfallen lassen wird, um den Begriff mit Leben zu füllen. Wenn es um die Familienförderung geht, ist der Regierung Merkel kein Programm zu groß oder zu teuer, wie die Einführung des Elterngelds zeigte, eine der kostspieligsten Sozialreformen seit Verabschiedung der Pflegeversicherung.

Es ist eigenartig: Die Zahl der Kinder in deutschen Familien sinkt beständig und damit auch der Betreuungsaufwand. Selbst ein Hartz-IV-Haushalt verfügt heute über eine Phalanx technischer Geräte zur Erledigung der Hausarbeit, von der man noch eine Generation zuvor nur träumen konnte. Die im Erwerbsleben verbrachte Zeit ist auf einem historischen Tiefpunkt angekommen. Trotzdem steigt ständig das Gefühl der Überforderung, jedenfalls in den Berichten, die zur Begründung neuer sozialstaatlicher Interventionen herangezogen werden.

Die begleitende Soziologie redet von der "Rushhour" des Lebens, in der alles zusammenkommt: Karriere, Kinder, Partnerwahl. Mal abgesehen davon, dass diese Rushhour ziemlich lang dauert, nämlich ungefähr 15 Jahre, stellt sich die Frage, ob es wirklich Aufgabe des Staats sein sollte, hier über seine Sozialagenturen Abhilfe zu schaffen.

Kampf gegen den Alltagsstress

Mit dem Kampf gegen den Alltagsstress ist die Familienpolitik endgültig auf der Ebene der Lifestyle-Beratung angekommen. Wer nach einer Erklärung sucht, warum sich der Sozialstaat nur noch über immense Schulden finanzieren lässt, findet sie in dieser Art von Wellness-Programmen. Das Vernünftigste wäre sicherlich, der Staat würde seine Familienpolitik auf Steuerrabatte beschränken und sich ansonsten aus dem Zusammenleben seiner Bürger heraushalten. Möglicherweise ist ja nicht zu wenig, sondern zu viel Freizeit das Problem vieler Leute. Das Phänomen ist in der Psychologie als Entlastungsdepression bekannt, aber das hieße, den Menschen zu sagen, dass schon viel gewonnen wäre, wenn sie sich ein wenig zusammenreißen würden, statt sich gegenseitig ihr Leid zu klagen. So lässt sich heutzutage keine Politik mehr machen.

Vorgeblich geht es darum, den Kinderreichtum in Deutschland zu stärken, das ist das große Ziel, hinter dem sich alle Familienpolitik versammelt. Daran gemessen ist schon das Elterngeld spektakulär gescheitert. Mehr als vier Milliarden Euro kostet diese Neuerung pro Jahr, aber an der Zahl der Geburten hat sich nichts wirklich geändert. Auch das Betreuungsgeld, über das die Koalition derzeit hingebungsvoll streitet, wird die Deutschen nicht dazu bringen, mehr Kinder in die Welt zu setzen, jedenfalls nicht in den Schichten, an denen Wohlstand und Zukunft des Landes hängen.

Der Zusammenhang zwischen Fortpflanzung und finanzieller Ausstattung ist offenbar weit weniger stark als allgemein angenommen. Der vorherrschenden Meinung zufolge liegt es an den mangelnden Betreuungsangeboten des Staats, dass die Zahl der Geburten kontinuierlich sinkt. Kaum eine Rolle spielt in der Diskussion der unerfüllte Kinderwunsch. Eine erstaunlich hohe Zahl von Frauen, die nach den Motiven von Kinderlosigkeit befragt wurden, gibt Unfruchtbarkeit als Grund an. Sie sind dabei, wie sich herausstellt, nicht selten einer Fertilitätsillusion erlegen, genährt durch Berichte in der Glamour-Presse über Hollywood-Stars, die mit 43 Jahren noch scheinbar mühelos Mutter wurden.

Immer mehr Frauen schieben die Geburt ihres ersten Kindes hinaus, um nach dem Studium eine berufliche Grundlage zu legen, eine durchaus vernünftige Karriereentscheidung, die allerdings auf brutale Weise mit der Biologie kollidiert. Dieses Problem ist in der Diskussion um die Geburtenarmut in Deutschland kein Thema, vielleicht auch, weil sich gegen Unfruchtbarkeit noch kein staatliches Hilfsprogramm auflegen lässt.

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insgesamt 216 Beiträge
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Seite 1
Ossi Ostborn2.0 31.10.2011
1. Klasse
Zitat von sysopKarriere, Kinder, Partnerwahl - die Regierung Merkel*bemuttert mit*ihrer Familienpolitik*die Republik. Nach Elterngeld und Betreuungsprämie*ruft Ministerin Schröder*nun den Kampf gegen Alltagsstress aus. Die Koalition*kommt damit*endgültig auf der Ebene der Lifestyle-Beratung an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,794916,00.html
Wieder mal eine super Kolumne Herr Fleischhauer. Ich kann jedes Wort unterschreiben. Mehr davon bitte!
valen-tin 31.10.2011
2. Mensch, herr Fleischhauer,
Zitat von sysopKarriere, Kinder, Partnerwahl - die Regierung Merkel*bemuttert mit*ihrer Familienpolitik*die Republik. Nach Elterngeld und Betreuungsprämie*ruft Ministerin Schröder*nun den Kampf gegen Alltagsstress aus. Die Koalition*kommt damit*endgültig auf der Ebene der Lifestyle-Beratung an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,794916,00.html
ich hätte ja nicht gedacht, dass ich das noch erleben darf. Die erste Kolumne, der ich weitestgehend zustimmen kann. Lediglich gegenüber den Schlussfolgerungen im letzten Abschnitt, stehe ich mangels belastbarer Zahlen, skeptisch gegenüber.
exxtreme2 31.10.2011
3. e
Kein Wunder, dass die Eltern gestresst sind. Wenn der Staat 2/3 des erarbeiteten Lohnes/Gehaltes wegnimmt dann muss man eben mehr arbeiten um über die Runden zu kommen. Dann bleibt weniger Zeit um sich auszuruhen.
eigene_meinung 31.10.2011
4. Diese Regierung ...
... würde sowieso am liebsten allen die Kinder spätestens nach der Geburt wegnehmen und von "Profis" zu guten Staatsbürgern erziehen lassen. Die Erwachsenen sollen nach dem Wunsch unserer Regierung gefälligst arbeiten und Steuern für den Staat sowie Boni für die mit den Parteien verbandelten Bosse erwirtschaften.
thepunisher75 31.10.2011
5. Wow, echte Überraschung, da gibs mal kein Rot/Grün/Linke....
Zitat von sysopKarriere, Kinder, Partnerwahl - die Regierung Merkel*bemuttert mit*ihrer Familienpolitik*die Republik. Nach Elterngeld und Betreuungsprämie*ruft Ministerin Schröder*nun den Kampf gegen Alltagsstress aus. Die Koalition*kommt damit*endgültig auf der Ebene der Lifestyle-Beratung an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,794916,00.html
..Bashing (Sorry, Neues Lieblingswort ; )) von Herrn Fleischhauer. Hat er etwas eins auf den Deckel bekommen von seinem Chefredakteur ? Oder wurde ihm eine Therapiestunde bezahlt, um seine Rot/Günophobie zu "korrigieren" ? Ist er auf einem Neuen Pfad des Journalismus angekommen ? Watch this space for more ! ; )
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