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S.P.O.N. - Im Zweifel links: Das Gespenst des Kapitals

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Wie weit soll der Rettungsschirm aufgespannt werden? Die Bemühungen, den Euro zu schützen, werden immer surrealer. Es geht schon nicht mehr um Milliarden, sondern um Billionen. Aber statt zu rechnen wie in Entenhausen, sollten Berlin und Paris endlich die Macht der Märkte brechen.

Einmal fragt Dagobert Duck seinen Rivalen Klaas Klever: "Mal im Ernst, Herr Kollege. Was macht eine Milliarde mal eine Milliarde?" Der reichste Mann der Welt antwortet sich gleich selbst: eine Phantastilliarde. In solchen Dimensionen wird jetzt nicht nur in Entenhausen gerechnet, sondern auch in Berlin und Paris: eine Billion, zwei Billionen. Wenn es um die Größe des sogenannten Rettungsschirms geht, an den sich Europa und seine Währung klammern wollen, überschlagen sich die Spekulationen. Kein Wunder: Wer versucht, nicht nur den Euro zu retten, sondern auch das perverse Finanzsystem, das ihn in die Krise gestürzt hat, landet in der surrealen Welt des Comics.

Denn beides zugleich geht nicht.

Im Ringen um Europas Währung will die Politik den Märkten zeigen, wer am längeren Hebel sitzt - buchstäblich: Obwohl die Haftung nicht über die bereits vereinbarten 780 Milliarden steigen soll, könnte die Versicherungssumme laut Gerüchten mehr als doppelt so hoch werden. Das ist der berüchtigte Leverage-Effekt. Mit solchem Werkzeug hat die Finanzmystik seit der Abschaffung des Goldstandards Anfang der Siebziger die Regeln der praktischen Vernunft ausgehebelt und die globale Ökonomie in eine vor sich selbst fliehende Kettenbrief-Wirtschaft verwandelt. Wie verzweifelt ist die Lage, wenn die Ursache des Problems als letzte Hoffnung seiner Lösung gehandelt wird?

Sie ist nicht nur verzweifelt. Sie ist aussichtslos. Am Ende dieser Krise, das wissen wir schon jetzt, wird es entweder den Euro oder die freien Märkte oder den europäischen Sozialstaat nicht mehr geben. Die Variante, die den 500 Millionen Menschen der Europäischen Union am besten dienen würde, ist die unwahrscheinlichste: die Einhegung der Märkte.

Als die Rating-Agentur Moody's neuerdings davor warnte, dass Frankreich die Bestnote für seine Bonität verlieren könnte, reagierte der französische Finanzminister sofort: "Wir werden alles tun, um nicht herabgestuft zu werden." In diesem flehenden Versprechen liegt die Unterwerfungsgeste des Staates gegenüber dem Markt.

Warum gibt sich der Staat so ohnmächtig? Der Berliner Literaturwissenschaftler Joseph Vogl hat ein kluges Buch geschrieben: "Das Gespenst des Kapitals". Man kann darin über die Funktionsweisen des modernen Finanzkapitalismus lesen und dass die Lehren der Wirtschaftswissenschaft wenig mit Wissenschaft und viel mit Glauben zu tun haben. Kapitalismus ist eine Religion.

Das ist elegant. Aber Vorsicht: Solche Erklärungen bergen das Risiko der Entpolitisierung. Ebenso wie der moralische Appell an die Märkte. Da hatte Adam Smith schon recht, dass nicht "die Wohltätigkeit des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers" gefragt ist, wenn es um unser Abendessen geht. Die Finanzkrise ist kein theologisches und kein moralisches Phänomen, sondern ein politisches. Es sind die Regierungen, die die Mechanik der Märkte brechen können und müssen.

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Kolumne - Im Zweifel Links
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insgesamt 347 Beiträge
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1. Hier könnte ein Titel stehen
shokaku 20.10.2011
---Zitat von Artikel--- Warum gibt sich der Staat so ohnmächtig? ---Zitatende--- Weil er es ist, und wohl auch noch lange bleiben wird. So wie die Parlamente die Macht der Absolutisten brechen konnten, indem sie das Budgetrecht einsetzten, so sehr haben sich die westlichen Staaten durch ihre Staatsschulden in die Gewalt fremder Geldgeber begeben.
2. Die Sache ist doch klar …
wika 20.10.2011
… und insoweit nur deshalb politisch, weil unsere Volksver(t)räter der Kaste des Geldes hörig sind. Das ist ja nicht einmal ein Geheimnis, denn der Bürger trägt ja nur sehr wenig zur Parteienfinanzierung bei, da ist bei den Geldsäcken mehr zu holen und da darf man die fütternde Hand auch nicht beißen. Die Diäten sind ja selbstverständlich, Dankbarkeit gibts nur fürs Zubrot. Und so bleiben die * „Banken Lotteriegesellschaften mit staatlicher Gewinngarantie* … Link (http://qpress.de/2011/06/17/banken-sind-lotteriegesellschaften-mit-staatlicher-gewinngarantie/). Ist doch eine feine Sache, oder. Und auf Kosten der Mehrheit der Menschen darf das Geld in den Händen weniger weiterhin exponentiell wuchern. Träumen wir nicht alle davon? Statistisch gesehen sind wir auch alle in den letzten Jahren reicher geworden, weil immer mehr Geld vorhanden ist, dank unserer Geldretter, die es ja in Massen noch oben draufkippen, damit die Illusion nicht stirbt. Dumm nur, dass die Verteilung etwas einseitig ist, die breite Masse verloren hat und die ganz Wenigen deutlich gewonnen haben. Aber solche Petitessen sollten wir hier nicht weiter erörtern, gelle. Feiern wir also das System und unsere Politiker … (°!°)
3. Brecht dem Markt die Gräten,...
pragmat 20.10.2011
Zitat von sysopWie weit soll der Rettungsschirm aufgespannt werden? Die Bemühungen, den Euro zu schützen, werden immer surrealer. Es geht schon nicht mehr um Milliarden, sondern um Billionen. Aber anstatt wie in Entenhausen zu rechnen, sollten Berlin und Paris endlich die Macht der Märkte brechen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,792707,00.html
... alle Macht den Räten! In Abwandlung eines Mottos der 68er in Berlin.
4. .
alexbln 20.10.2011
"Wer versucht, nicht nur den Euro zu retten, sondern auch das perverse Finanzsystem, das ihn in die Krise gestürzt hat" das hätte ich gerne mal erklärt herr augstein! fakt ist - die staaten leben über ihren verhältnissen und wer überschuldet ist, kann nicht auf die böse böse bank zeigen, die einem kein geld mehr leihen will.
5. Entenhausen
regula2 20.10.2011
"Aber statt zu rechnen wie in Entenhausen, sollten Berlin und Paris endlich die Macht der Märkte brechen." Zauberhaft ! Reinste Ideologie, ungetrübt jedes Realismus. Die Märkte werden die Staatsideologen samt Beamtenadel und Schreiberlingen solange zu Kreuze kriechen lassen, bis die in der Lage sein werden, ihre Schulden zurückzuzahlen, also in ca. 1000 Jahren.
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