S.P.O.N. - Im Zweifel links: Das Internet gehört uns allen

Von Jakob Augstein

Die großen Zeitungsverlage klagen gegen die Internetangebote der ARD. Das ist nur eine weitere Etappe im Krieg gegen die öffentlich-rechtlichen Sender. Wollen die Verlage nur einen lästigen Konkurrenten ausschalten? Oder wollen sie in Wahrheit die Privatisierung des Internets?

"Das Internet ist ein Freiheitsmedium", hat Springer-Chef Mathias Döpfner neulich in einem Artikel für die "Neue Zürcher Zeitung" geschrieben. Für die öffentlich-rechtlichen Sender soll das aber nicht gelten. Die großen Verlage, Springer vorneweg, führen seit langem einen Feldzug gegen die Online-Aktivitäten von ARD und ZDF. Neueste Bewegung: Eine Klage gegen die "Tagesschau"- App vor dem Kölner Landgericht. Begründung: Die ARD verbreite im Netz "nicht sendungsbezogene presseähnliche Angebote".

Auf Druck der Verlage hat die Politik in den vergangenen Jahren den Sendern das Leben im Netz immer schwerer gemacht. Neue bürokratische Monster wurden geschaffen, wie der "Dreistufentest", mit dem sich jedes Netzangebot der Sender einer komplizierten Rechtfertigung unterziehen muss. Die sogenannte "Depublizierung" wurde erfunden, ein Unwort, das nichts anderes als Löschungen meint. Die Sender wurden gezwungen, buchstäblich Hunderttausende von Dokumenten aus dem Netz zu nehmen, beim ZDF allein waren es 93.500 Dokumente oder rund 80 Prozent des Online-Angebots. Das waren Texte, die von den Gebührenbürgern bereits bezahlt waren. Die uns allen gehörten.

Ebenso verhält es sich mit den Sendungen selbst, die nur sieben Tage im Netz stehen bleiben dürfen. Freiheitsmedium Internet? Nicht, wenn es für Gebührenzahler darum geht, selber zu entscheiden, wann sie sich eine Sendung ansehen möchten. Es läuft ein Beitrag, der Sie interessiert, aber Sie können nicht vor dem Fernseher sitzen, weil Sie auf Reisen sind, krank im Bett, im Theater oder unter der Dusche. Dann halten Sie sich mal ran: Nach wenigen Tagen müssen die Sender den Beitrag aus der Mediathek nehmen. Auf Druck der Verlage. Obwohl es Ihr Beitrag ist. Sie haben dafür bezahlt. Aber die Politik verbietet Ihnen, das zu nutzen, was Sie bezahlt haben. Die Verlage haben sie dazu gedrängt, und die Politik ist gefolgt.

Das Geschäftsmodell der Zeitungen funktioniert nicht mehr

Es ist kein Spaß, sich mit dem Kartell aller großen Häuser anzulegen. Wer will Springer, Burda, "Süddeutsche", "FAZ", DuMont und die "WAZ"-Gruppe gegen sich haben? Natürlich sagen Mathias Döpfner, Frank Schirrmacher oder Hubert Burda ihren Redakteuren nicht, was sie schreiben sollen. Das wissen die schon von allein. Die Verlage sagen, sie kämpfen im Netz um ihre Existenz. In der Tat: Das herkömmliche Geschäftsmodell der Zeitungen funktioniert nicht mehr wie früher. Auf das Internet ließ es sich bislang mehr schlecht als recht übertragen. Dass die Verlage im Netz alle darben, stimmt freilich nicht. Schon jetzt macht Springer dort ein Viertel seines Umsatzes.

Die Marktführer Springer und SPIEGEL verdienen mit ihren Online-Medien nicht so schlecht. Und für die anderen ist das Netz ein unverzichtbares Instrument für Marketing und Leserbindung geworden. Und dann gibt es da ja auch noch Geschäfte zu machen, die über den Journalismus hinausgehen. StudiVZ und Parship gehören zu Holtzbrinck, Immonet und Stepstone zu Springer. Warum auch nicht? Wenn in den Zeitungen Werbung für Wodka und Waschmittel steht, hat das mit Journalismus auch nichts zu tun. Und dennoch ist Werbung seit Jahrzehnten eine tragende Säule der Verlagserlöse.

Worum geht es wirklich?

Es drängt sich der Verdacht auf, dass es den Verlagen nicht nur ums eigene Überleben geht. Döpfner hat gesagt: "Das Internet hat durch seine Verfügbarkeit für jedermann ein stark anarchisches und antiautoritäres Element." Die Bestrebungen der Verlage laufen darauf hinaus, diese "Verfügbarkeit für jeden" einzuschränken. Es geht um die Privatisierung des Internets. Wohlgemerkt: Das Gegenteil von privat heißt nicht staatlich, sondern öffentlich. Ein staatliches Netz kann niemand wollen, aber ein rein privatwirtschaftliches auch nicht. Aber wenn das Netz das "Freiheitsmedium" bleiben soll, von dem Döpfner redet, muss es ein Nebeneinander von Bloggern, Netz-Aggregatoren, Medienhäusern und Öffentlich-Rechtlichen geben. Für den Nutzer sind das alles Quellen der Information und der Unterhaltung.

Es ist unvermeidlich, dass sich Sender und Verlage im Netz als Konkurrenten begegnen. Im Netz werden die Verlage selber zu Sendern. Und die Sender können gar nicht anders, als auch zu Textproduzenten zu werden. Das Problem wird zunehmen, darum verschärft sich auch der Ton. Das Netz ist der Vertriebsweg der Zukunft - für alle Medien. Zeitungen, Bücher, Fernsehen, Telefonie - im Netz wird das alles zusammenlaufen. Wenn es den Verlagshäusern um eine sinnvolle Abgrenzung geht, sollten sie sich dafür einsetzen, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihre Sendungen im Netz so lange stehen lassen können, wie sie wollen und sich dafür bei der Herstellung von Texten zurückhalten. Wenn die Verlage mehr fordern als das, verfolgen sie ein anderes Ziel: die Abschaffung der öffentlich-rechtlichen Sender.

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insgesamt 372 Beiträge
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1. .
großwolke 23.06.2011
Ich würde sogar soweit gehen zu sagen: Staatsfunk raus aus Radio und Fernsehen, und nur noch im Netz verfügbar halten. Schließlich sind kontinuierlich laufende Medien mit an Sendezeiten gebundenen Inhalten recht ineffektiv für den aktiv sich informierenden Gebührenbürger. Raus aus der gebührenfinanzierten Unterhaltung, dafür jede Menge Infomaterial bereitgestellt, dass von einem kleinen, aber fleißigen Heer aus Redakteuren gehegt und gepflegt wird. Das können dann gern auch weiterhin Filmdokus und Aufzeichnungen von Talkrunden sein, meinethalben solls auch weiterhin eine Art "Programm" geben, so dass man sieht, nach welchem Fahrplan neue redaktionelle Inhalte verfügbar werden. Für eine solche Umgestaltung würde ich die Haushaltsabgabe vielleicht sogar ganz gern bezahlen...
2. Die Verleger bekämpfen unlautere Wettbewerbsverzerrung
WolfHai 23.06.2011
Zitat von sysopDie großen Zeitungsverlage klagen gegen die Internet-Angebote der ARD. Das ist nur eine weitere Etappe im Krieg gegen die öffentlich-rechtlichen Sender. Wollen die Verlage nur einen lästigen Konkurrenten ausschalten? Oder wollen sie in Wahrheit die Privatisierung des Internets?
Die Verleger stehen im Internet im Wettbewerb mit den anderen Anbietern von Nachrichten. Und sie empfinden es als unfair, dass sie mit Institutionen konkurrieren müssen, die durch Zwangsbeiträge, nämlich die GEZ, finanziert werden. Da haben die Verleger völlig Recht. Die Grundlage ihrer Klage würde entfallen, wenn die Zwangsbeiträge zu Gunsten des Staatsfernsehens abgeschafft würden. Sonst nicht. (Da die Verleger keine Spielfilme anbieten, ist damit m.E. nicht die Begrenzung des Streaming von Spielfilmen/Unterhaltungsserien zu rechtfertigen. Aber das ist eine andere Frage.)
3. Sicherheitslücken bei SPON
daniel42er 23.06.2011
http://www.gulli.com/news/spiegel-online-beh-lt-sicherheitsl-cken-ber-3-monate-bei-2011-06-23
4. Er hat recht
ogg00 23.06.2011
Und weil es derart offensichtlich ist, fragt man sich schon: a) warum es keinen interessiert b) warum die Politik einfach mitmacht Naja, wir kennen wohl alle auch beide Antworten :-(
5. lästigen Konkurrenten ausschalten und Privatisierung des Internets
Solaris0815 23.06.2011
Die Verlage wollen beides und mehr.
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Jakob Augstein

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