S.P.O.N. - Im Zweifel links: Das Netz in 20 Jahren? Vergesst es!

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Das World Wide Web wird 20 - lasst uns feiern, solange wir können! Noch mal 20 Jahre haben wir nämlich nicht. Profitgier und Furcht werden diesem großartigen Experiment den Garaus machen.

In Norwegen hat ein Anschlag stattgefunden, der sich gegen die Menschlichkeit richtete, gegen die Zivilisation, gegen die Kultur. Wie reagiert das Land auf den Angriff? Mit Zivilität. "Die Antwort von Norwegen auf Gewalt ist immer mehr Offenheit, mehr Demokratie", hat Premier Jens Stoltenberg gesagt. Wer die Bilder der trauernden Hunderttausenden in Oslo gesehen hat, zögert keine Sekunde, dem Mann diese Worte zu glauben. Respekt! Aber Norwegen ist ein kleines Land und die Standards für Öffentlichkeit und politische Kultur werden anderswo gesetzt.

Wie reagiert Deutschland auf den Angriff? Mit dem Ruf nach Repression. Die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles verlangt mehr Polizisten, um die rechte Szene im Netz zu überwachen und sie redet auch wieder vom Verbot der NPD. Der Innenexperte der Unionsfraktion, Hans Peter Uhl, fordert die Vorratsdatenspeicherung. Die Deutsche Polizeigewerkschaft schlägt eine Datei vor, in der "auffällige Menschen" gespeichert werden sollen.

Das sind unsere Reflexe. Und das ist der Unterschied. In Norwegen fordert man die Stärkung der Zivilgesellschaft, in Deutschland die Überwachung des Internets. Das Netz kann daran zugrunde gehen - und die Zivilgesellschaft auch. Wenn sich der Deutsche zwischen Freiheit und Sicherheit entscheiden muss, entscheidet er sich für die Sicherheit. Dass er damit weder das eine noch das andere verdient, wie es im Bonmot von Benjamin Franklin heißt, nimmt er achselzuckend zur Kenntnis. Wir haben uns an die untergeordnete Stellung der Freiheit gewöhnt. Sie kommt selbst im Text der Nationalhymne an letzter Stelle.

Eine deutsche Erfindung hätte das Internet oder das World Wide Web nie sein können. Hierzulande wäre niemand auf die Idee gekommen, einen Raum der aufgehobenen Kontrolle zu schaffen. Einen Raum des Risikos. Unsere Gesellschaft hat dem Risiko den Kampf angesagt. Und seit sie älter wird, ist es damit noch schlimmer geworden. Alte Menschen haben mehr Angst. Aber alte Deutsche haben nur noch Angst. Vom Fahrradhelm über das Tempolimit bis zum Rauchverbot, ganz gleich wo uns das Risiko begegnet, es muss ausgemerzt werden. Und was sind die Risiken des Netzes gegen das Fehlen eines Fahrradhelms? Unkontrollierte Kommunikation birgt unerhörte Möglichkeiten - und ob eine Möglichkeit als Risiko gilt, ist eine Frage des Standpunkts.

Sicherheitsbehörden, Politik und Unternehmen haben da eine klare Haltung: Freiräume sind Gefahrenräume.

Es gibt eine wachsende Allianz in diesem Land, und die Medien gehören inzwischen auch dazu. Die Kränkung der Journalisten, im Netz um ihre Deutungshoheit gebracht worden zu sein und seither unter dem Druck der ständigen Überprüfbarkeit zu stehen, gesellt sich gerne zur Sorge der Verleger um Geschäftsmodelle und Erlösquellen. Die Großverlage haben einen Feldzug aufgenommen, dessen Ziel die Verdrängung des Öffentlichen aus dem Netz ist. Es war ja keine Ironie im Spiel, als Springer-Chef Matthias Döpfner seinen inzwischen berühmt gewordenen Lobgesang auf das iPad anstimmte: "Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit diesem Gerät die Verlagsindustrie rettet." Der Grund: Das iPad ersetzt eine Welt des freien Netzes durch eine geschlossene Welt der Kontrolle.

Globaler Gleichmut

Darum kämpft die Branche gegen die öffentlich rechtlichen Sender im Internet. Darum kämpfen die Großen der Branche auch gegen Blogger, die sie mit einem Leistungsschutzrecht knebeln wollen. Das Netz als Medium der Freiheit hat zu viele Feinde um auf Dauer zu bestehen. Und zu wenige Verteidiger.

Werden sich die Bürger für ein freies Netz einsetzen? Werden sie sich gegen die Überwachung ihrer Kommunikation wehren, gegen die Speicherung ihrer Daten, gegen das Verbot des freien Diskurses? Man muss kein Pessimist sein, um das zu bezweifeln. Eine größer werdende Zahl von Menschen hält es für ein unvermeidbares und faires Geschäft, wenn man die Vorteile der Digitalisierung nutzen will, selber digitalisiert zu werden und sich der Kontrolle und der Verwertbarkeit durch die Institutionen auszuliefern.

Die Vernetzung hat zudem eine paradoxe Wirkung: Je mehr Informationen wir über die Welt erhalten, desto mehr werden wir zum Zentrum unserer eigenen Welt und desto kleiner wird diese Welt. Wir verlieren dabei den Glauben an unseren eigenen Einfluss. Im kleinen Maßstab kommt es zu Radikalisierungen, wenn es um einen Bahnhof geht, eine Schulreform, eine Flugroute. Aber im globalen Maßstab nimmt der Gleichmut zu.

Die Zukunft des World Wide Webs? Das Netz wird in zwanzig Jahren stärker sein als heute. Aber es wird ein Netz sein, das uns gefangen hält.

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insgesamt 248 Beiträge
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1. Ist das alles?
maka2 28.07.2011
Und das ist jetzt alles? Gibt es irgendwelche Indizien mit denen der Autor seine Behauptung stützen will? Was ich lese ist "in Deutschland ist alles scheiße", und mehr auch nicht. Das ist trotziges Rumgejammer, kein Bericht oder eine Analyse. Selbst in einer Kolumne erwarte ich zumindest, dass mir der Autor seinen Standpunkt erläutert.
2. so nicht!
sicury 28.07.2011
Zitat von sysopDas World Wide Web wird 20 - lasst uns feiern, solange wir können! Noch mal zwanzig Jahre haben wir nämlich nicht. Profitgier und Furcht werden diesem großartigen Experiment den Garaus machen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,777073,00.html
augstein verfällt in ein anderes deutsches phänomen: er beginnt zu jammern. und er hat keine ahnung, wie es mit dem www - auch und vor allem bei uns deutschen - weitergehen könnte. nur alles auf "angst" zu schieben, ist mir zu banal. er verhält sich wie frau klum, die meckert über deutsche, die meckern. das ist mir als vision zu wenig! ich glaube, auch bei uns regen sich genügend kräfte, die sich dem "garaus" entgegen stellen werden.
3. 20?
Revisionist 28.07.2011
Seid glücklich, wenn uns 5 Jahre bleiben!
4. Vergesst es
Bravofox 28.07.2011
Immer diese Wahrsager .... die sind auch seit Jahrtausende für den Weltuntergang zuständig.
5. ich hätte dann gerne
mike78 28.07.2011
noch die nächsten Lottozahlen... Viel (übertriebene) Schwarzseherei, gemischt mit etwas Pseudointellektualität (Benjamin Franklin), etwas Sozialkritik (wir fühlen uns ja alle sooo hilflos, wir können nichts ändern - früher sind alle morgens aufgestanden und haben eigenhändig Welten gerettet, nicht) geschrieben aus dem Standpunkt heraus die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Wird der Mann für sowas bezahlt? ich hoffe nicht...
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Jakob Augstein

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