S.P.O.N. - Im Zweifel links Die Grinsekanzlerin

Angela Merkel hat an Ansehen verloren. In der Affäre Guttenberg enttäuschte die Kanzlerin alle: Die Fans des Pop-Ministers ebenso wie seine Gegner. Denn ganz ohne Prinzipien geht es in der Politik eben doch nicht.


Angela Merkel genießt bei Freund und Feind den Ruf überragender Intelligenz und ausgeprägten politischen Gespürs. Wieso eigentlich? In der größten politischen Affäre der jüngeren Zeit war davon wenig zu spüren. Die Kanzlerin hat Karl-Theodor zu Guttenberg gedeckt und sich damit einem Narziss auf politischer Bühne ausgeliefert. Sie hat dafür die Rechnung bekommen: Sein Abgang beschädigt sie. Was für ein Start in das Wahljahr 2011: Hamburg verloren, der Popstar der Politik zurückgetreten. Und sechs Landtagswahlen stehen noch bevor.

Es gibt manchmal Momente, in denen der Schleier des Nichtwissens gelüftet wird, der die Wahrheit des politischen Betriebs gnädig vor unseren Augen verbirgt. Als Merkel sagte, Guttenberg sei bei ihr nicht als wissenschaftlicher Mitarbeiter beschäftigt, sondern als Verteidigungsminister, war das so ein Moment: Der kühle Zynismus der Machtphysikerin Merkel wurde in dieser unbedachten Formulierung enthüllt. Ob Guttenberg ein Lügner und ein Betrüger sei oder nicht, hatte Merkel damit gesagt, spiele für sie keine Rolle. Hauptsache er sei ein guter Minister. Die Deutschen sind von ihren Politikern einiges gewohnt. Aber das war dann doch zu viel.

Ob Guttenberg zurückgetreten wäre oder nicht - als klar war, dass er große Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben hatte, war auch klar, dass sein Verbleib im Amt die politische Kultur des Landes beschädigen würde. Angela Merkel war das egal. Nach allem, was man über diese Kanzlerin weiß, dient ihr politisches Wirken nur einem Ziel: Kanzlerin zu sein. Die politische Kultur ist ihr dabei schnurz.

Merkel hat ihr Amt von Anfang an nach der guten alten spinozistischen Lehre geführt, dass jede Bestimmtheit eine Verneinung ist, jede Eigenschaft die Abwesenheit einer anderen Eigenschaft bedeutet. Und es darum am besten ist, keine Eigenschaft zu haben und unbestimmt zu bleiben. Es gab bislang keinen einigermaßen wichtigen deutschen Politiker, bei dem der Erhalt der Macht wirklich und im Ernst der einzige Seinszweck war. Strauß, Kohl, Brandt, Schmidt, Schröder, Fischer: Die hatten alle irgendwelche Projekte, Visionen, Hoffnungen. Sie erstrebten irgendetwas, oder sie bekämpften irgendetwas. Angela Merkel - ist. Mehr nicht.

Sie bekämpft niemanden, weil man sich damit nur noch mehr Feinde schafft. Sie will nichts, weil jedes Wollen auch Verzicht bedeutet. Sie hat keine Visionen, weil Visionen verlangen, den Blick zu verengen.

Das macht die politische Auseinandersetzung mit ihr so schwer. Die SPD hat das im vergangenen Jahr erlebt. Asymmetrische Demobilisierung hat ein Politik-Forscher Merkels Wahlkampfstrategie damals genannt: Es geht dabei darum, dass möglichst wenig Leute zur Wahl gehen - aber von der gegnerischen Seite noch weniger. Man saugt der Politik das Leben aus, und sie bleibt schlaff und tot und leer am Boden liegen. Aber man hat gewonnen. Das ist der reine Zynismus, der Kältepunkt der Politik.

Die Demokratie erfriert dabei. Die Liebe, die so viele Menschen Guttenberg entgegengebracht haben - man muss das tatsächlich so nennen - ist ein Zeichen für die Sehnsucht dieser Öffentlichkeit, in der politischen Sphäre geborgen zu sein. Aber Guttenberg war ein Heiratsschwindler der Politik, seine Hände waren leer. Und Merkel kann mit Geborgenheit nicht dienen. Wie die Cheshire Cat aus "Alice im Wunderland" löst sich die Kanzlerin in Luft auf, wenn man sie greifen will. Und es bleibt nur ihr spöttisches Grinsen zurück. Das ist nicht viel.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 366 Beiträge
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Seite 1
mimas1789 03.03.2011
1. Nicht nur an Ansehen.
Auch an Aussehen.
Julian Bachert, 03.03.2011
2. ...
"Ob Guttenberg zurückgetreten wäre oder nicht - als klar war, dass er große Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben hatte, war auch klar, dass sein Verbleib im Amt die politische Kultur des Landes beschädigen würde. Angela Merkel war das egal. Nach allem, was man über diese Kanzlerin weiß, dient ihr politisches Wirken nur einem Ziel: Kanzlerin zu sein. Die politische Kultur ist ihr dabei schnurz." Wie bequem die Affäre Guttenberg doch ist. Jetzt kann auch noch die Schuld für sinkende Wahlbeteiligung und alle Politikverdrossenheit der Bevölkerung auf Guttenberg und Merkel abgeladen werden.
UbuRoy 03.03.2011
3. Dem ist absolut nichts hinzuzufügen!
Rein gar nichts. Traurig aber wahr.
Paolo, 03.03.2011
4. Superb!
Ein Klasse Artikel. Die Wortwahl ist so treffend und markerschütternd gewählt, dass man alleine aus diesem Grund applaudieren möchte. Dass Herr Augstein dann auch noch Frau Merkel regelrecht ihrer politischen Würde entlarvend entkleidet, ist das Sahnehäubchen...
nurmeinsenf 03.03.2011
5. Mir aus dem Herzen gesprochen
Betrüblicherweise ist die "asymmetrische Demobilisierung" nicht allein dem Wirken Merkels geschuldet. Die Opposition trägt ihren Teil dazu bei, daß man von ihr - falls das überhaupt möglich ist - noch weniger erwartet. Politiker mit Strahlkraft, denen man etwas zutraut, stechen aus der Menge allgemeiner, abgehalfterter Mittelmäßigkeit heraus. Deshalb hat Guttenberg ja so viele Sympathien auf sich gezogen, leider mit falschem Glanz. Man kann ja ein Kreuzchen machen, um Merkel zu stürzen, aber wo soll man's hinmachen, ohne daß es noch mehr Schaden anrichtet?
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