S.P.O.N. - Im Zweifel links Die Krise des Kapitäns

Francesco Schettino hat sein Schiff verlassen und dadurch die Seemannsehre verletzt. Einen feigen Kapitän akzeptieren wir nicht. Bei den Akteuren auf der politischen Brücke gelten andere Regeln - das haben wir Christian Wulff zu verdanken. 

Eine Kolumne von


Der Kapitän der "Costa Concordia" hat sein Schiff nicht als Letzter verlassen. Es gibt zumindest im internationalen Seerecht keinen Paragrafen, der explizit besagt, der Kapitän müsse bis zum bitteren Ende an Bord bleiben. Es ist vor allem Seemannsbrauch und Seemannsehre, die das fordern. Aber es ist kein Gesetz. Manchmal ist es allerdings schlimmer, eine Regel zu verletzen als ein Gesetz. Einige Ämter begründen ihre Würde nicht auf geschriebenen Regeln. Es sind gerade die, denen wir besonders viel Vertrauen entgegenbringen.

Kapitän ist so ein Amt. Bundespräsident ein anderes. Auch unser Bundespräsident hat ja nicht gegen ein Gesetz verstoßen. Er hat nur seine Ehre verloren. So wie der Kapitän der "Costa Concordia".

Was tat also der Kapitän der "Costa Concordia"? Er bestieg offenbar früh ein Rettungsboot und ging an Land. Irgendwann läuft er zum Hafen und steigt in ein Taxi. Wohin will er? Er befindet sich auf Giglio, einer kleinen Insel. "Bringen Sie mich weg von hier", soll er zu dem Fahrer gesagt haben. Der Fahrer, der längst im Bilde ist, antwortet: "Kommandant, ich kann Sie zu mir bringen." Der Taxifahrer nimmt den Kapitän der "Costa Concordia" mit zu sich nach Hause und gibt ihm einen Kaffee. Währenddessen läuft die Evakuierung des Schiffs weiter und die Suche nach den Vermissten beginnt.

Jedes Schiff kann sinken

In dem französischen Film "Diva" steht eine Frau vor dem Wrack eines verunglückten Rolls-Royce Silver Wraith und sagt: "Ich wusste gar nicht, dass ein Rolls einen Unfall haben kann." Das ist der Gedanke, den man hat, wenn man die Containerriesen, die Supertanker und die schwimmenden Kreuzfahrtpaläste sieht. Aber jedes Schiff kann sinken. Das gerät in Vergessenheit. Man wird daran erinnert, wenn man sich jetzt die Bilder der "Costa Concordia" ansieht. Wie der riesige Kadaver eines an den Strand gespülten weißen Wals liegt es vor der Insel Giglio. Es macht den verstörenden Eindruck, den die Dinge machen, die aus ihrem Zusammenhang gerissen werden.

Es gibt Wracks, die bleiben liegen wo sie aufgelaufen sind. Der Kakao-Frachter "Ondo" geriet an einem stürmischen Dezembermorgen des Jahres 1961 auf den Großen Vogelsand, eine Sandbank in der Elbmündung. Reste der "Ondo" liegen da immer noch, über fünfzig Jahre danach. Der feine Mahlsand hat sie nicht mehr freigegeben. Dabei haben immer wieder Bergungsreeder versucht, das Schiff freizuschleppen. Wer ein Schiff birgt, das von seinem Kapitän verlassen wurde, darf es behalten. Es gibt auch einen wirtschaftlichen Grund dafür, dass der Kapitän bis zuletzt bleibt. Der Kapitän der "Ondo" verließ als Letzter sein Schiff. "Er weinte wie ein Kind", sagte sein erster Offizier später.

Die Entrüstung ist so groß wie die Enttäuschung

Der Kapitän der "Costa Concordia" ist nicht geblieben. Er hat das Schiff verlassen und wird jetzt der "feige Kapitän" genannt. Die Entrüstung ist so groß weil die Enttäuschung so groß ist. Die Figur des Kapitäns war noch übrig, unbeschädigt, aus einer anderen Zeit in unser gebrochenes Heute ragend. Ein Vater. Die Passagiere vertrauen ihm mit ihrem Leben. Und er verfügt an Bord über die absolute Gewalt. Dass er als Letzter das Schiff verlässt, muss nirgends niedergeschrieben werden. Er und das Schiff sind eins.

Der feige Kapitän, an diesen Widerspruch wollen wir uns nicht gewöhnen. Das ist bemerkenswert.

Die Deutschen leben mit einem ehrlosen Präsidenten und nehmen ihm die Ehrlosigkeit nicht übel. Die Deutschen gewähren ihrem Präsidenten Absolution auch wenn er die Brücke der Moral räumt. Schettino aber ist der "feige Kapitän". Wenn er eines Tages vor Gericht steht und sagt: "Ich bin ein Mensch wie ihr, was hättet ihr getan?", würde ihm das helfen? Wir haben an den Kapitän Ansprüche, die wir an uns selbst nicht haben. Darum ist er der Kapitän. An unseren Präsidenten haben wir diese Ansprüche nicht mehr.

Francesco Schettino stammt aus Meta di Sorrento. Die Stadt liegt auf einer Halbinsel, im Norden sieht man Neapel und die blaue Bucht. Das Leben der Leute hier ist auf das Meer ausgerichtet, Fischerei, Tourismus, Handelsflotte, Kriegsmarine. Es ist eine Gegend, liest man, die viele Kapitäne hervorgebracht hat. Schettinos Mutter ist eine geborene Cafiero, sie stammt aus einer Familie von Reedern. Das erste, was er in jener Nacht tat, war seine Mutter anzurufen: "Mama, es ist eine Tragödie geschehen", soll er zu ihr gesagt haben.

Der Kommandant der italienischen Küstenwache, Gregorio de Falco, hat ihn in diesen Stunden angerufen. Es gibt eine Last, die wiegt schwerer als die Angst

De Falco: "Sie gehen an Bord, das ist ein Befehl. Sie müssen keine weiteren Einschätzungen geben. Sie haben erklärt, das Schiff verlassen zu haben. Jetzt habe ich das Kommando. Sie gehen an Bord. Ist das klar? Hören Sie mich nicht? Gehen Sie und rufen Sie mich direkt von Bord aus an. (…) Los. Das sind schon Leichen, Schettino."
Schettino: "Wie viele Leichen gibt es?"
De Falco: "Ich weiß das nicht. Von einer weiß ich. Ich habe von einer gehört. Aber Sie müssen mir das doch sagen, Jesus."

Schettino: "Ja, aber bedenken Sie doch, dass es dunkel ist, wir sehen hier nichts…"
De Falco: "Und Sie möchten nach Hause zurück, Schettino? Es ist dunkel, und Sie wollen zurück nach Hause? Steigen Sie über die Leiter auf den Bug des Schiffs und sagen Sie mir, wie viele Leute da sind und was Sie brauchen. Jetzt!"

Francesco Schettino kehrt nicht zu seinem Schiff zurück. Er wurde am Samstag morgen auf der Insel festgenommen und ins Gefängnis von Grosseto gebracht. Die Richterin gewährte Haftverschonung. Schettino befindet sich daheim in Meta di Sorrento unter Hausarrest.

Es gibt eine Last, die wiegt schwerer als die Angst, und das ist die Scham.

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insgesamt 159 Beiträge
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Seite 1
soulsearcher 19.01.2012
1. Chapeau!
Zitat von sysopFrancesco Schettino hat sein Schiff verlassen und dadurch die Seemannsehre verletzt. Einen feigen Kapitän akzeptieren wir nicht. Bei den Akteuren auf der politischen Brücke gelten andere Regeln - das haben wir Christian Wulff zu verdanken.* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,810081,00.html
Ein wunderbarer, ambivalenter Artikel. Das Beste, das ich seit langem auf SPON gelesen habe
forumgehts? 19.01.2012
2. Da
Zitat von sysopFrancesco Schettino hat sein Schiff verlassen und dadurch die Seemannsehre verletzt. Einen feigen Kapitän akzeptieren wir nicht. Bei den Akteuren auf der politischen Brücke gelten andere Regeln - das haben wir Christian Wulff zu verdanken.* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,810081,00.html
kann ich aber unsere deutschen Politiker entlasten. Um eine Brücke verlassen zu können muss man erst einmal auf selbiger gewesen sein. Und wenn man eine Ehre verlieren will....
geistigmoralischewende 19.01.2012
3. Toll!
Zitat von sysopFrancesco Schettino hat sein Schiff verlassen und dadurch die Seemannsehre verletzt. Einen feigen Kapitän akzeptieren wir nicht. Bei den Akteuren auf der politischen Brücke gelten andere Regeln - das haben wir Christian Wulff zu verdanken.* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,810081,00.html
hat richtig gut getan, den Artikel zu lesen!
Gruendelt 19.01.2012
4. Unterirdisch
Zitat von sysopFrancesco Schettino hat sein Schiff verlassen und dadurch die Seemannsehre verletzt. Einen feigen Kapitän akzeptieren wir nicht. Bei den Akteuren auf der politischen Brücke gelten andere Regeln - das haben wir Christian Wulff zu verdanken.* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,810081,00.html
Einen Kapitän der fahrlässig Menschenleben riskiert hat und am Ende auch Todesopfer verantworten muss mit Wullfs Verfehlungen in Verbindung bringen zu wollen ist doch sehr übers Knie gebrochen und auch ziemlich armselig. Was soll das?
Olaf 19.01.2012
5. .
Zitat von sysopFrancesco Schettino hat sein Schiff verlassen und dadurch die Seemannsehre verletzt. Einen feigen Kapitän akzeptieren wir nicht. Bei den Akteuren auf der politischen Brücke gelten andere Regeln - das haben wir Christian Wulff zu verdanken.* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,810081,00.html
Ist schon wieder Happy Hour im Cafe68?
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