S.P.O.N. - Im Zweifel links Die Medien und der böse Wulff

Aus der Affäre Wulff ist unversehens eine Affäre der Medien geworden. Immer mehr Leser glauben den Journalisten ebenso wenig wie der Politik. Die Profiteure sind Politakrobaten wie Guttenberg und der Bundespräsident.

Eine Kolumne von


Eigentlich, dachte ich, sei die Sache klar: Was diesen Präsidenten angeht, müssten kritische Medien und kritische Öffentlichkeit einer Meinung sein. Aber es ist gar nichts klar. In der Affäre Wulff hat eine unerwartete Solidarisierung mit der Politik stattgefunden - und es sind die Medien, die unter Rechtfertigungsdruck geraten.

Was die Journalisten angeht, hat es der Bundespräsident dahin gebracht, alle gegen sich aufzubringen: "Bild"-Zeitung, "Zeit", SPIEGEL, die großen überregionalen Tageszeitungen, die wichtigen Lokalblätter, die Sonntagszeitungen - wann waren wir uns so einig wie im Fall Wulff? Die Umfragen aber sagen, dass die Öffentlichkeit durchaus nicht die Meinung der Presse teilt. Das Volk ist zwar nicht für Wulff - aber eben auch eindeutig nicht gegen ihn.

Eine paradoxe Situation: In unserem Furor schreiben wir an unseren Lesern vorbei.

Eigentlich, also, dachte ich, die Sache sei klar: Wir verlangen doch nicht zu viel, wenn wir gerne einen anständigen Bundespräsidenten hätten. Heribert Prantl hat zwar geschrieben: "Vielleicht wird ja von einem Bundespräsidenten viel zu viel erwartet. Das Amt ist Projektionsfläche für viele Sehnsüchte - nach Lauterkeit, Ehrlichkeit und Vorbildlichkeit in der Politik. Das ist viel verlangt, vielleicht zu viel."

Nein. Jenseits aller überkomplizierten Meta-Debatten über Gesellschaft und Werte und Politik ist die Sache am Ende nicht so schwierig: Ein Präsident soll sich an das Gesetz halten und ein bisschen Stress abkönnen. Das ist die durchaus überschaubare Mindestanforderung an das Amt. Einer, der das Parlament anschwindelt und Journalisten am Telefon bedroht, erfüllt diese Mindestanforderung nicht. Wie kann es sein, dass wir darüber überhaupt diskutieren müssen?

Müssen wir aber. Weil man uns nicht mehr glaubt. Weil wir in den Glaubwürdigkeitsverluststrudel der Politik hingezogen wurden. Die Presse wird von vielen nicht als Teil der Lösung, sondern als Teil des Problems empfunden. Es sollte uns Journalisten nicht gleichgültig sein, wenn in den Foren des Internets und in den Anrufen bei den Radiosendern die "Jagd auf Wulff" als Kampagne der Medien gegeißelt wird: "Pressefreiheit verkommt zum Spektakel", sagen die Leute dann. Oder: "Die Kampagne gegen Wulff ist keine Kampagne von unten. Es handelt sich um eine Kampagne von oben, um einen Hickhack zwischen "denen da oben".

Beschädigungen des gesprochenen Wortes

Vor allem die Rolle der "Bild"-Zeitung stößt den Lesern unangenehm auf. Ihnen entgeht nicht die Bigotterie, die darin liegt, dem Präsidenten die berüchtigte Salamitaktik vorzuwerfen - und sie in der scheibchenweisen Veröffentlichung des vorliegenden Materials selber zu verfolgen. Das Problem ist nur: Der Fall Wulff wurde zum Fall erst durch die Recherchen der "Bild"-Zeitung. In dem Maße, in dem die anderen Zeitungen sich des Themas angenommen haben - und wie hätten sie das nicht tun können -, mussten sie sich in das Gefolge der "Bild"-Zeitung begeben. Mit verheerendem Effekt auf die Leser, wie dieses Zitat zeigt: "Und so nimmt diese ganze "Berichterstattung" die Form einer absurden Hetzkampagne an und man bekommt selbst das Gefühl, von der "Bild"-Zeitung vor den Karren gespannt zu werden."

Plötzlich bekommt die Empörung der Journalisten etwas Schales. Sie selbst ist unter Verdacht geraten: nicht nur als erster Schritt zum bigotten Tugendterror, wie Jan Fleischhauer gewarnt hat, sondern als ein kostenloses Vergnügen von Wichtigtuern, wie der Publizist Wiglaf Droste schrieb.

Der Umgang, den unsere heutigen Politiker mit ihren Skandalen pflegen, bleibt nicht ohne Folgen. Sie sind selber durch die Schule des Zynismus gegangen, sie erziehen ihre Wähler dazu, und als Leser begegnen diese Menschen auch ihren Medien mit dem zynischen Blick: Sie glauben nichts mehr. Das Buch, das Guttenberg mit "Zeit"-Chef di Lorenzo gemacht hat, war ein großer Schritt in diese Richtung - und Wulffs Interview in ARD und ZDF ein weiterer. All das sind Beschädigungen des gesprochenen Wortes und der Form des journalistischen Gesprächs. In Wahrheit kommt niemand dabei gut weg: weder die Politiker noch die Journalisten, die sie befragen, und auch nicht die Zuschauer, die mit hineingezogen werden.

Der lachende Dritte ist Christian Wulff

Männern wie Wulff und Guttenberg ist das gleichgültig. Sie setzen auf den Sympathie-Bonus (Guttenberg) oder den Mitleids-Bonus (Wulff) und machen ihrerseits den Medien Vorhaltungen. Der Präsident des Deutschen Bundestages, Norbert Lammert, bläst ins gleiche Horn, wenn er die Journalisten wegen "ihrer offensichtlich nicht nur an Aufklärung interessierten Berichterstattung" kritisiert. In der Tat: Medien wollen Einfluss, Auflage, Geld, Ehre. Das sind die Triebkräfte. In der offenen Gesellschaft sollten sie zum Guten eingesetzt werden: zur Kontrolle der Macht. Manchmal kann man mit der hehren Gesinnung von Journalisten rechnen, meistens sollte man mit ihrem Jagdeifer rechnen. Der Demokratie muss das genügen.

Aber es genügt nicht einem Leser, der einen Kommentar wie diesen schreibt: "Wenn bestimmte Medien eine solche Macht entwickeln können, dass schon von der 2. Macht im Staate die Rede sein kann, dann könnten wir auch mal darüber nachdenken, Medien mit ähnlichen gesetzlichen und verfassungsrechtlichen Auflagen zu belegen wie den Staat."

Einem solchen Leser dämmert das Gefühl, dass Medien und Politik in Wahrheit eine Einheit bilden, dass Journalisten alles andere als "Fremde" sind, wie der amerikanische Reporter Gay Talese sein Ideal beschrieben hat. Mit ihrer Glaubwürdigkeit verlieren die Medien aber die Möglichkeit, ihre Funktion als Kontrolleure der Macht wahrzunehmen.

Der lachende Dritte ist dann einer wie Christian Wulff. Der bleibt einfach im Amt.



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Seite 1
kaiser-k 12.01.2012
1.
Zitat von sysopAus der Affäre Wulff ist unversehens eine Affäre der Medien geworden. Immer mehr Leser glauben den Journalisten ebenso wenig wie der Politik. Die Profiteure sind Politakrobaten wie Guttenberg und der Bundespräsident. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,808663,00.html
Wenn einige Medien ihr eigenes Verhalten ebenso ernsthaft in Frage stellen würden, wie sie es vom Bundespräsidenten fordern, wäre die Causa Wulff da, wo sie eigentlich hin gehört: 'Unter Bruch'.
kellitom 12.01.2012
2. Medien sind relativ gleichgeschaltet
Es ist vollkommmen klar, dass die Menschen den Medien immer weniger glauben. Wenn die Bildzeitung als Leitmedium dient, verwundert der Verlust an Glaubwürdigkeit auch nicht
sitcom 12.01.2012
3.
Zitat von sysopAus der Affäre Wulff ist unversehens eine Affäre der Medien geworden. Immer mehr Leser glauben den Journalisten ebenso wenig wie der Politik. Die Profiteure sind Politakrobaten wie Guttenberg und der Bundespräsident. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,808663,00.html
Frage: Gilt die Bild-Zeit in diesem Zusammenhang als "Presse"? Ansonsten sollte Wulff klar sein das er nichts mehr in der Politik verloren hat. Vielleicht wäre bei Korruption mal eine Regelung wie bei Falschgeld sinnvoll... "Wird mit Gefängnis, nicht unter, 5 Jahren bestraft..."... dann löst sich das Problem bestimmter Politischer Irrläufer von alleine...
BBTurpin 12.01.2012
4. Die bösen Medien
Diejenigen, die in den Internetforen von einer Kampagne gegen Wulff faseln, sind häufig dieselben, die auch auf die abstruseste Verschwörungstheorie hereinfallen und sie dann mit Zähnen und Klauen verteidigen. Diese Leute sind beratungsresistent. Da können Sie schreiben, was Sie wollen, die Interpretation wird immer dieselbe sein.
Kermitinspon 12.01.2012
5. Es wird ja immer doller..
Zitat von sysopAus der Affäre Wulff ist unversehens eine Affäre der Medien geworden. Immer mehr Leser glauben den Journalisten ebenso wenig wie der Politik. Die Profiteure sind Politakrobaten wie Guttenberg und der Bundespräsident. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,808663,00.html
jetzt ist nichtt nur unser Wulff "doof", sondern die Bürger sind es auch. Bin mal gespannt wie auf den Artikel geantwortet wird.
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