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S.P.O.N. - Im Zweifel links: Krachts Krieg

Eine Kolumne von

Der Faschismus-Vorwurf ist die größte Keule, mit der man im öffentlichen Diskurs hantieren kann. Gegen Christian Kracht geht der Schlag aber ins Leere: Schriftsteller sind nämlich keine Sozialkundelehrer.

Der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht hat ein neues Buch geschrieben. Das würde nicht hierher gehören. Weil es hier an dieser Stelle normalerweise nicht um Literatur geht. Aber dieses Buch hat im SPIEGEL eine Kritik erfahren, die ungewöhnlich und weitreichend ist und das Feld der Literatur verlässt. Die Kritik führt in den Satz, Kracht sei "der Türsteher der rechten Gedanken. An seinem Beispiel kann man sehen, wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream".

Dieser Schlussfolgerung liegt ein schlimmes Missverständnis von Kunst und Politik zugrunde, darum kann man sich damit schon mal befassen in einer Kolumne, deren innerer Ort "im Zweifel links" liegt.

In Krachts Buch geht es um einen deutschen Sonderling, der sein Heil in der Sonne der Südsee sucht und dabei voll auf die Kokosnuss setzt. Er will in Deutsch-Neuguinea eine "Kolonie der Kokovoren" errichten und ist überzeugt, "wer sich ausschließlich von ihr ernährte, würde gottgleich, würde unsterblich werden". Das geht am Ende schief, und die Leute kommen zu ihm nicht als Adepten seiner Lehre sondern als Schaulustige: "Man besucht ihn, wie man ein wildes Tier im Zoo besucht."

Georg Diez nennt das eine "krude Geschichte", die aber zu Krachts anderen Büchern passe: "Es sind jeweils Reisen ans Ende des Ichs. Mehr und mehr aber sind Krachts Helden von Auslöschungssehnsucht Getriebene, die sich totalitären politischen Systemen unterwerfen oder selbst menschenvernichtende Utopien schaffen. Krachts Koordinaten waren immer Vernichtung und Erlösung. Er platzierte sich damit sehr bewusst außerhalb des demokratischen Diskurses."

Das ist eine Kritik, die eigentlich das Verhältnis von Kunst und Politik berührt und dieses Verhältnis so verkehrt, dass am Ende die Kunst der Politik dienstbar gemacht werden soll, sich ihren Regeln beugen soll, ihren Maßstäben gehorchen soll. Eine Kritik, die am Ende die Freiheit der Kunst vernichtet und dabei die Freiheit in der Politik nicht befördert.

Die Kunst kann der Gewalt folgen

Es ist ein sonderbarer Vorwurf an die Kunst, sich mit Auflösung und Erlösung zu befassen, mit Vernichtung und Unterwerfung. Es liegt im Wesen der Kunst, das zu tun. Die "emoción", die Georges Bataille erfasst, als der Stier in der Arena den Matador Manolo Granero tötet, wird zur Kunst. Die Reise ins Herz der eigenen Finsternis, die Francis Ford Coppolas Film "Apocalypse Now" als gewundene Flussfahrt zeigt, endet nicht in einer Gruppensitzung sondern in einer Orgie der Gewalt: der Faschist Colonel Kurtz wird von seinem Verfolger Captain Willard mit der Machete zerhackt.

Da ist der zentrale Begriff gefallen, den Diez in seiner Kritik nicht gebraucht, um den er herumschreibt, der aber fehlt: Faschismus. Der Kritiker redet von "rechten Gedanken", aber eigentlich macht er dem Autor den Faschismus-Vorwurf. Dass er von Dingen denkt, die man nicht denken darf, von Gewalt und Herrschaft, Rasse und Unterwerfung.

Vielleicht ist Kracht ein Faschist der Literatur, im Sinne Sloterdijks, der sich dem gleichen Vorwurf ausgesetzt sah und gesagt hat: "Der Faschismus ist ein Expressionismus, während der Humanismus im Grunde ein Erziehungs- und Optimierungsprojekt ist." Ein Humanist ist Kracht sicher nicht. Er hat aber als Schriftsteller keinen Bildungsauftrag. Die Politik muss auf die Unterdrückung der Gewalt hinarbeiten. Die Kunst kann der Gewalt folgen. Was ist das für ein Vorwurf, ein Autor platziere sich "außerhalb des demokratischen Diskurses", und dann auch noch "bewusst"? Schriftsteller sind keine Sozialkundelehrer. Es gibt keinen kategorischen Imperativ der Literatur: Schreibe nur, was Du selber erleben willst.

Die Kunst sollte nicht auf Teufel komm raus politisch sein

Es gibt einen Weg, der von der Kunst zum Verbrechen führt. Das ist nun keine neue Entdeckung: Nietzsche schreibt in "Zarathustra": "Und wer ein Schöpfer sein muss im Guten und Bösen: wahrlich, der muss ein Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen." Adorno hat gesagt: "Jedes Kunstwerk ist eine abgedungene Untat." Das verkraften wir noch ganz gut. Unruhig werden wird, wenn die Kunst den umgekehrten Weg nimmt und nicht im Werk das Verbrechen sieht, sondern im Verbrechen das Werk. Dann erfasst uns Entsetzen oder Ekel.

Es ist noch gar nicht so lange her, da hat der Komponist Stockhausen es unternommen, diesen Weg vom Verbrechen zum Kunstwerk zu gehen. Nach dem Angriff auf New York im Jahr 2001 sagte er: "Was da geschehen ist, ist - jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen - das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat. Dass Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nicht träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben. Das ist das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos."

Wenn Kunst auf Teufel komm raus politisch sein will, tut ihr das meistens nicht gut. Walter Benjamin hat in seinem Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" mal versucht, den Gegensatz zwischen der faschistischen "Ästhetisierung der Politik" und der kommunistischen "Politisierung der Kunst" aufzustellen und das eine für verboten, das andere für erlaubt zu halten. Das war nicht sehr überzeugend. Die Kunst sperrt sich gegen solche Instrumentalisierung.

Im besten Fall läuft es noch so wie bei Brecht, dessen politisches Theater einfach nur nervt, während seine Lyrik wunderbar ist. Im schlimmeren Fall läuft es so wie bei Sartre, den Simone de Beauvoir in ihren "Mandarins" beschrieben hat: Es ist ein Schlüsselroman, in dem unter anderen Namen Sartre, Camus und der Links-Renegat Koestler auftreten. Camus ist besorgt über die Meldungen über die stalinistischen Lager. Aber Sartre sagt: "Allein wichtig ist die Entscheidung, ob man durch die Denunziation der Lager für die Menschheit oder gegen die Menschheit arbeitet."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
Casparcash 16.02.2012
Zitat von sysopDer Faschismus-Vorwurf ist die größte Keule, mit der man im öffentlichen Diskurs hantieren kann. Gegen Christian Kracht geht der Schlag aber ins Leere: Schriftsteller sind nämlich keine Sozialkundelehrer. S.P.O.N. - Im Zweifel links: Krachts Krieg - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,815638,00.html)
danke für den artikel. das buch muss ich bestellen, klingt sehr interessant.
2.
Gaztelupe 16.02.2012
Zitat von sysopDer Faschismus-Vorwurf ist die größte Keule, mit der man im öffentlichen Diskurs hantieren kann. Gegen Christian Kracht geht der Schlag aber ins Leere: Schriftsteller sind nämlich keine Sozialkundelehrer. S.P.O.N. - Im Zweifel links: Krachts Krieg - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,815638,00.html)
Selten genug, dass der Augstein etwas Vernünftiges schreibt. Diesmal hat er recht. Wenn Kunst zu etwas dienen soll, dann ist sie nicht frei. Sie ist es aber, deswegen hat sie nichts und niemandem zu dienen und – überzeugte Pädagogen müssen jetzt eben ganz stark sein – setzt sich damit über die Bewertung durch eine Kontrollinstanz hinweg. Das ist auch schon alles. Kracht kann schreiben, was er will. Zur Not auch Schulbücher, aber das ist ja keine Kunst ...
3. PC in der Kunst!?
Emmi 16.02.2012
Zitat von sysopDer Faschismus-Vorwurf ist die größte Keule, mit der man im öffentlichen Diskurs hantieren kann. Gegen Christian Kracht geht der Schlag aber ins Leere: Schriftsteller sind nämlich keine Sozialkundelehrer. S.P.O.N. - Im Zweifel links: Krachts Krieg - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,815638,00.html)
Das Ansinnen, PC*) nun auch noch in der Kunst vorzuschreiben, soll und wird fehlschlagen. *) political correctness: Das Bemühen, Probleme/Konflikte dadurch zu "lösen", dass man wohlklingende Umschreibungen dafür (er)findet...
4. Ach, dann ist ja gut!
gugugy 16.02.2012
Zitat von sysopDer Faschismus-Vorwurf ist die größte Keule, mit der man im öffentlichen Diskurs hantieren kann. Gegen Christian Kracht geht der Schlag aber ins Leere: Schriftsteller sind nämlich keine Sozialkundelehrer. S.P.O.N. - Im Zweifel links: Krachts Krieg - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,815638,00.html)
Dieses Buch hatte ich mir gerade bestellt, da fand ich die Werbung in SPON für das SPIEGEL-Heft dieser Woche mit dem Verriss von Krachs Roman. Eigentlich wollte ich mir selbst ein Urteil bilden, aber die Attacke im SPIEGEL schien mir so drastisch zu sein, dass ich für einen Augenblick überlegt hatte, die Bestellung zu stonieren. Nein, ich habe das nicht getan. Aber ich muss schon sagen: Ein toller Werbegag, den sich die SPIEGEL-Autoren haben einfallen nach dem alten manipulierenden Polizei-Trick "Böser Bulle, guter Bulle"!
5. stimmt
axelkli 16.02.2012
Zitat von Casparcashdanke für den artikel. das buch muss ich bestellen, klingt sehr interessant.
Herr Kracht dankt sicherlich dem Spiegel jeden Abend vor dem Zubettgehen für diese Spitzen-Publicity. (keine Ironie)
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