S.P.O.N. - Im Zweifel links: Merkel tauscht Europa gegen Stammtisch

Von Jakob Augstein

Die Parolen der Bundeskanzlerin über arbeitsscheue Südeuropäer sind gefährlich. Sie befördern den europaskeptischen Rechtspopulismus. Und sie sind verlogen: Die deutsche Wirtschaft profitiert von den Schulden der anderen.

Es war einmal im Musikantenstadl, da hat der Schlagersänger Patrick Lindner über Italien gesungen, "O sole mio" und so. Der Gastgeber Karl Moik hat sich daraufhin bei ihm beklagt und gesagt: "Ich lade dich ein nach Wien, ins frühlingshafte Wien. Und was machst du? Du singst von den Spaghettifressern." Das war im Jahr 2004. Als es nachher Ärger gab, und zwar nicht zu knapp, hat Moik gesagt, er habe unter Einfluss von Medikamenten gestanden und es tue ihm wirklich leid: "Wie mir das rausrutschen konnte, ist mir ein Rätsel."

Wird Angela Merkel eine ähnliche Entschuldigung für ihre jüngsten Äußerungen über die Südeuropäer liefern? Oder waren diese Parolen nur ein weiteres Beispiel für einen nassforschen Populismus, der so gar nicht zu dem Bild der kühlen, vernünftigen Macht-Physikerin passen will, das ihre Anhänger so gerne von ihr zeichnen?

Im Zusammenhang mit der Euro-Krise hat Merkel gesagt: "Es geht auch darum, dass man in Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal nicht früher in Rente gehen kann als in Deutschland, sondern dass alle sich auch ein wenig gleich anstrengen." Und: "Wir können nicht eine Währung haben, und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig. Das geht auf Dauer auch nicht zusammen."

Schon als sie ihrem Mogel-Minister Guttenberg Rückendeckung gab oder als sie ihrer Freude über die Erschießung des Terroristenchefs Osama Bin Laden Ausdruck verlieh, hatte Merkel gezeigt, dass sie dem populistischen Affen Zucker geben kann. Jetzt folgt der Flirt mit dem europaskeptischen Rechtspopulismus. Denn wenn man diese Worte aus dem Bundeskanzlerischen ins Deutsche übersetzt, bedeuten sie, die Südländer sind ein faules Pack, für das wir nicht mehr zahlen wollen. Von da zu den "Spaghettifressern" ist es kein weiter Weg mehr.

Für Angela Merkel ist Europa nur eine disponible Größe

Seit den Römischen Verträgen, mit denen die Europäische Integration ihren Anfang nahm, sind 54 Jahre vergangen. Alles, was seitdem erreicht wurde bei Gesetzen, Grenzen und Geld, kann in viel kürzerer Zeit verspielt werden. Der acquis communautaire mag uns selbstverständlich erscheinen. Das ist er aber nicht. Europa wurde auf den Trümmern zweier Kriege gebaut. Jetzt regiert eine Generation von Politikern, die das offenbar vergessen hat. Auch in Deutschland. Für Konrad Adenauer war Europa eine Existenzfrage, für Helmut Schmidt war es eine logische Konsequenz, für Helmut Kohl war es eine Herzenssache. Aber für Angela Merkel ist Europa nichts weiter als eine disponible Größe.

Sie geht mit dem Inventar der Europäischen Integration ebenso leichtfertig um wie mit dem konservativen Tafelsilber ihrer Partei. Alles wird auf dem Spotmarkt der politischen Opportunität für kurzfristigen Gewinn verscherbelt. Das Missverhältnis zwischen dem wahren Wert der Dinge, mit denen die Kanzlerin da handelt, und dem kurzfristigen Nutzen, den sie für ihre Kanzlerschaft daraus zieht, ist eklatant.

Merkels chauvinistische Parolen sind gefährlich. Sie können den ohnehin erstarkenden Rechtspopulismus im Land befördern. Darüber hinaus sind sie aber auch bigott. Die Exportüberschüsse, auf die sich die Deutschen so viel einbilden, bedingen die Leistungsbilanzdefizite der anderen geradezu. Andersherum: Entweder die Deutschen erzielen Exportüberschüsse - oder die anderen tragen ihre Schulden ab. Beides gleichzeitig geht nicht. Da ist eine große Unaufrichtigkeit am Werk, die das Wesen des Populismus ist. Es wäre die Aufgabe der Kanzlerin, hier für Klarheit zu sorgen. Und nicht das Ressentiment zu befördern.

Deutschland hat seine Löhne und seinen Lebensstandard rabiat gesenkt und sich dadurch Wettbewerbsvorteile verschafft. In Frankreich sind die Löhne in den vergangenen zehn Jahren um 14,5 Prozent gestiegen. In Deutschland sind sie um sieben Prozent gesunken. Es ist schon schlimm genug, dass die Deutschen zu dieser sonderbaren Selbstkasteiung bereit waren. Gewerkschaften, Sozialdemokraten und Medien haben hierzulande versagt, als es darum ging, die Interessen der Beschäftigten zu vertreten. Daran sind die Deutschen selber schuld. Aber es ist abwegig, im Ernst zu glauben, Deutschland könne seinen unsinnig asketischen Lebensstil ganz Europa aufzwingen. Am deutschen Wesen will die Welt nicht genesen.

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insgesamt 428 Beiträge
oberallgaeuer 19.05.2011
In welcher Welt leben Sie, Herr Augstein? Frau Merkel war schon immer populistisch. Sie will Wählerstimmen. Und wenn dies eben nur auf Stammtischniveau geht, dann wird sie auch Stammtischparoilen verbreiten. Europa ist ihr im [...]
In welcher Welt leben Sie, Herr Augstein? Frau Merkel war schon immer populistisch. Sie will Wählerstimmen. Und wenn dies eben nur auf Stammtischniveau geht, dann wird sie auch Stammtischparoilen verbreiten. Europa ist ihr im Grunde sch....egal. Das CDU-Hemd ist ihr näher als der Europa-Rock. Und nur danach richtet sie ihr Handeln aus.
derkritiker 19.05.2011
Ja lieber Herr Augstein, nun wir man sie prügeln, weil sie etwas wahres gesagt haben. Aber wer will schon die Wahrheit. Auf andere einschlagen ist viel einfacher. Die Gefahr ist tatsächlich, dass sich auch bei uns der [...]
Ja lieber Herr Augstein, nun wir man sie prügeln, weil sie etwas wahres gesagt haben. Aber wer will schon die Wahrheit. Auf andere einschlagen ist viel einfacher. Die Gefahr ist tatsächlich, dass sich auch bei uns der Rechtspopulismus stärkt und dann sage ich: Vielen Dank oder besser: Prost Mahlzeit! Vielen Dank auch an die SPD, die der Wegbereiter für das Desaster waren, geschweige von den Grünen, die immer außen vor sind bei den sozialen Themen. Sie sind die Sonnenpartei.
ash26e 19.05.2011
Frau Bundeskanzlerin Dr. rer. nat. Angela Merkel ist auch unter dem namen " das Murksel" bekannt.
Zitat von sysopDie Parolen der Bundeskanzlerin über arbeitsscheue Südeuropäer sind gefährlich. Sie befördern den europaskeptischen Rechtspopulismus. Und sie sind verlogen: Die deutsche Wirtschaft profitiert von den Schulden der anderen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,763511,00.html
Frau Bundeskanzlerin Dr. rer. nat. Angela Merkel ist auch unter dem namen " das Murksel" bekannt.
muttis_bester 19.05.2011
Ja, richtig, Herr Augstein... alles was irgendwie kritisch gemeint ist, ist Rechtspopulismus. Ich wäre auch dafür, dass Frau Merkel "Macht nichts, lebt über Eure Verhältnisse, verschuldet Euch ins bodenlose, geniesst Euer [...]
Ja, richtig, Herr Augstein... alles was irgendwie kritisch gemeint ist, ist Rechtspopulismus. Ich wäre auch dafür, dass Frau Merkel "Macht nichts, lebt über Eure Verhältnisse, verschuldet Euch ins bodenlose, geniesst Euer Leben... wir Deutsche werden dafür schon geradestehen" gesagt hätte. Das wäre so europäisch und vor allem Rechtspopulismus-ungefährlich gewesen... ... ich frage mich immer wieder, ob Sie nur provozieren wollen? Dieses "Dünnbier" können Sie ja unmöglich ernst meinen... oder?
Zucchi_Magico 19.05.2011
Besser kann man es nicht ausdrücken, wenn ich auch so langsam den Eindruck habe, dass Merkel immer mehr zum Elefant im Porzellanladen mutiert und dass dies nicht mehr Populismus sondern Ignoranz und Unfähigkeit im Amt geschuldet [...]
Zitat von sysopDie Parolen der Bundeskanzlerin über arbeitsscheue Südeuropäer sind gefährlich. Sie befördern den europaskeptischen Rechtspopulismus. Und sie sind verlogen: Die deutsche Wirtschaft profitiert von den Schulden der anderen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,763511,00.html
Besser kann man es nicht ausdrücken, wenn ich auch so langsam den Eindruck habe, dass Merkel immer mehr zum Elefant im Porzellanladen mutiert und dass dies nicht mehr Populismus sondern Ignoranz und Unfähigkeit im Amt geschuldet ist.
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  • Donnerstag, 19.05.2011 – 11:41 Uhr
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Jakob Augstein
  • Gudrun Senger
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  • Jakob Augstein, Jahrgang 1967, ist seit 2008 Verleger der Wochenzeitung "Der Freitag". Augstein hat vorher für die "Süddeutsche Zeitung" und die "Zeit" gearbeitet. "Der Freitag" steht für kritischen Journalismus aus Politik, Kultur und Gesellschaft. Er experimentiert mit neuen Formen der Leserbeteiligung und der Verknüpfung von Netz und Print. Die Gestaltung des Layouts vom "Freitag" wurde bereits vielfach ausgezeichnet, unter anderem durch den Art Directors Club, die Lead Awards, den European Newspaper Award und die Society for News Design.
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