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S.P.O.N. - Im Zweifel links: Moralischer Notstand

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Autos brennen, an Bahngleisen werden Brandsätze deponiert: In Deutschland glimmt die Lunte des Zorns - über eine Politik, die sich von der Macht der Märkte treiben lässt und so den Gesellschaftsvertrag einseitig kündigt.

Der kommende Aufstand geht von Berlin aus. Hier brennen die Autos. Hier werden die Benzinflaschen gefunden, die an den Gleisen liegen. Und wenn sie nicht rechtzeitig gefunden werden, wie im vergangenen Mai, dann bricht der Nahverkehr der Großstadt zusammen. Darum geht es: um den Zusammenbruch.

Um eines von vornherein klarzustellen: Gewalt ist keine Lösung.

Gleichzeitig dürfen wir aber auch keine Missverständnisse aufkommen lassen. Dieser Aufstand ist eine Reaktion auf einen bereits erfolgten Zusammenbruch, den des Rechts, den der Verantwortung, den der Moral. Er ist eine Warnung: Wenn eine Gesellschaft im Inneren in Trümmern liegt, werden die Trümmer auch im Äußeren wachsen. Ist das ideologisch? Natürlich. Widerstand ist immer ideologisch.

"Der kommende Aufstand", so hieß ein Manifest aus Frankreich, das seit ein paar Jahren dem linken, anarchistischen Denken neue Nahrung gibt. Es ist nicht das militaristische Denken der Rote Armee Fraktion, das voll von Selbstüberschätzung und bar jeden Mitleids war. Es ist das Denken einer verzweifelten Sehnsucht, deren Kraft in Anarchie mündet, wie wir es aus dem 1973 gedrehten Film "Themroc" kennen. Da spielt Michel Piccoli einen Pariser Lohnempfänger, der kaputt macht, was ihn kaputt macht und sich auf den Weg in den menschlichen Urzustand begibt.

Diesen Urzustand hatte der "natürliche Mensch", von dem Thomas Hobbes schrieb, einst gegen den Zustand der Ordnung des Staates eingetauscht. Er hat den Gesellschaftsvertrag geschlossen. Er unterwirft seine Freiheit dem Leviathan des Staates und erhält dafür Schutz und Chance auf Wohlstand. Das ist ein Vertrag zu beiderseitigen Lasten. Wenn eine Partei ihn kündigt, wird er hinfällig. Der Staat, der nur wenige Tagen braucht, um Milliarden für die Rettung der Banken bereitzustellen aber viele Jahre, um die Finanztransaktionssteuer einzuführen, ist dabei, diese Abmachung zu brechen.

Die Politik kapituliert vor der Übermacht der Märkte

"Take what you can and give nothing back", das ist die Freibeuter-Moral, nach der auch die Finanzkapitäne handeln, in deren Händen unser aller Schicksal ist.

Die Politik kapituliert vor der Übermacht der Märkte. Angela Merkels Sorge gilt den Anlegern und nicht den Wählern. Die Wähler geben ihre Stimme ab und sind dann sprachlos. Die Anleger aber können im Finanzkapitalismus jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde über Wohl und Wehe der Staaten entscheiden. Sie sind der Souverän. Wir spüren, dass unsere Politiker nicht mehr den Mut haben, diese Mechanik zu zerbrechen.

Was tun wir? Es war im Sozialismus üblich, dass die Theorie und ihre Wirklichkeit auseinanderklafften. Die offene Gesellschaft tut sich damit schwer. In Zeiten des Krieges mag sie das eine Weile ertragen. Den dauerhaften moralischen Notstand verkraftet sie nicht. Sie zeigt Risse und bricht. Die brennenden Autos sind solche Risse. Die Politik weiß das. Es gebe keinerlei Ideologie, die solche Taten rechtfertigen könne, sagte Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit. Und der Grüne Volker Beck nannte die Täter "einen losen, wirren Haufen von Chaoten". Er sehe "weder Hinweise auf eine verfestigte Organisationsstruktur noch auf einen ideologischen Unterbau".

Das ist der Versuch, sich die Sache vom Leib zu halten: Keine Ideologie? Nicht satisfaktionsfähig! Weggetreten! Da sieht der Grüne Beck ziemlich grau aus. Kann er sich nicht vorstellen, dass Widerstand, der aus der Wurzel kommt, ohne "verfestigte Organisationsstruktur" und "ideologischen Unterbau" auskommt? Brennende Autos und Gleise, die brennen, sind die Vorboten der Anomie.

Der französische Film "La Haine" - "Hass" - beginnt mit den Worten: "Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von 'nem Hochhaus fällt. Während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: 'Bis hierher lief's noch ganz gut, bis hierher lief's noch ganz gut, bis hierher lief's noch ganz gut...'. Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung!"

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Kolumne - Im Zweifel Links
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insgesamt 634 Beiträge
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1. aufatmen
alaxa 13.10.2011
Zitat von sysopAutos brennen, an Bahngleisen werde Brandsätze deponiert: In Deutschland glimmt die Lunte des Zorns - über eine Politik, die sich von der Macht der Märkte treiben lässt und so den Gesellschaftsvertrag einseitig kündigt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,791570,00.html
Aufatmen geht durch unsere Reihen, denn Augsteins Geist lebt doch noch in Nischen weiter!
2. Blödsinn
mbschmid, 13.10.2011
Welcher Aufstand gegen was? Da sind ein paar Verbrecher, das ist alles und leider können sie mit Bewährung rechnen, auch wenn man sie erwischt und darum ist ihre Hemmschwelle so niedrig.
3. !
unterländer 13.10.2011
Wenn jemand seinen Artikel mit den Worten beginnt, "Gewalt ist keine Lösung" und anschließend dutzende von Abers hinterherschiebt, dann nimmt es auch nicht Wunder, dass er den moralischen Notstand überall anders verortet, nur nicht bei den Gewalttätern.
4. Grundgesetz
BraumeisterBob 13.10.2011
Zitat von sysopAutos brennen, an Bahngleisen werde Brandsätze deponiert: In Deutschland glimmt die Lunte des Zorns - über eine Politik, die sich von der Macht der Märkte treiben lässt und so den Gesellschaftsvertrag einseitig kündigt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,791570,00.html
Eben habe ich im Fernsehen einen Satz von Herrn Schäuble gehört: Auf Dauer hält es eine Demokratie nicht aus, wenn Konzerne Gewinne machen und die Bürger die Verluste tragen. (so ungefähr aus dem Gedächtnis wiedergegeben). Und das ist der Punkt, der mich in letzter Zeit nachdenken lässt. Unsere Demokratie ist in Gefahr. Viele sind schon der Ansicht, dass bei uns Demokratie nur noch fragmentarisch anzutreffen ist. Hat man nun nach Art 20 Abs. 4 GG das Recht auf Widerstand? Und Widerstand bedeutet mehr als bloßes Demonstrationsrecht. Das ist auch zu erkennen, dass unser Staat die Widerständler des 3. Reichs, die auch mit Waffengewalt vorgingen, schon fast zu Nationalheiligen erklärt. Schäuble ist nicht der einzige. Auch ich denke, dass unsere Demokratie gefährdet ist. Teilweise schon abgeschafft. Ich frage mich, ob wir den Punkt schon erreicht haben, dass der Staatsbürger sich überlegen muss, in den Widerstand zu gehen. Es gibt genügend Ansätze, fürs Bombenlegen wäre ich noch nicht zu haben. Jedoch Graffiti-Aktionen und ähnliches muss schon drin sein. Widerstand darf dann auch nicht bestraft werden, da im GG.
5. -
PZF85J 13.10.2011
Zitat von sysopAutos brennen, an Bahngleisen werde Brandsätze deponiert: In Deutschland glimmt die Lunte des Zorns - über eine Politik, die sich von der Macht der Märkte treiben lässt und so den Gesellschaftsvertrag einseitig kündigt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,791570,00.html
Irgendwie sollten wir Ältern froh sein, dass Augstein ein "Spätgeborener" (1967) ist. Der hätte es mit Sicherheit auch fertig gebracht, Die Baader-Meinhof-Gang zu idealisieren. "Der Aufstand geht von Berlin aus ...", ausgerechnet von Berlin, *dem* Kostgänger der Nation.
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