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S.P.O.N. - Im Zweifel links: Papa ist der Beste

Die Kirche verdient unseren Respekt, und der Protest gegen Benedikt XVI. ist pubertär, meint Jakob Augstein. Wir haben alle etwas vom Papst, Katholiken und Nicht-Katholiken - aus einem wichtigen Grund: Ethik ist in der Politik nicht gut aufgehoben.

Der Papst ist da! Und alle Reflexe funktionieren. Wenn der alte Mann aus Rom an diesem Donnerstag im Bundestag auftritt, wird wohl die Hälfte der Linke-Abgeordneten seine Rede boykottieren, jeder Dritte der Grünen und jeder Fünfte der SPD. Da will man den Kollegen Parlamentariern zurufen: Gut gebrüllt, Löwe! Aber die katholische Kirche ist die älteste Institution der Welt. Ob es uns gefällt oder nicht: Wir Abendländer entstammen alle ihrem Schoß. Der Protest gegen den Papst ist pubertär. Die Kirche verdient Respekt.

Im Sanktuarium der deutschen Demokratie darf nicht jeder reden. Als der belgische König Albert II. im März in Berlin war, reichte es nur für eine Führung durch das Reichstagsgebäude und einen Eintrag ins Gästebuch. Die Einladung des Parlaments an den Heiligen Vater ist eine Ehre. Die Abgeordneten könnten sie ruhig mit mehr Souveränität gewähren. Benedikt wird am Pult einer demokratischen Republik stehen und nicht ex cathedra sprechen. In Rom mögen Wahrheiten verkündet werden. Aber hier im Bundestag wird um den rechten Weg gerungen. Indem er vor dem Parlament spricht, reiht Benedikt seine Stimme ein.

Der Papst ist als Staatsoberhaupt eingeladen. Aber das ist eine Formalie. So viel Gewicht hat nun der Vatikanstaat nicht, mit seinen 993 Einwohnern und einer Wirtschaftskraft, die in etwa der von Lummerland entspricht. Es sei denn, man rechnet die Herstellung von Seelenheil zu seiner Exportindustrie, in welchem Fall sein Bruttosozialprodukt jeden Maßstab sprengen würde. Der Papst kommt und spricht als Oberhaupt der katholischen Kirche. Das ist Grund genug. Die protestierenden Abgeordneten sollten mal bei Oscar Wilde nachlesen. Der hat gesagt: "Die katholische Kirche ist nur für Sünder und Heilige. Für normale Leute genügt die anglikanische." Und weil Linke manchmal Mühe mit Ironie haben, hier gleich die Übersetzung: So furchtbar viele normale Leute gibt es nicht. Wilde hat sich sein Leben lang mit Schuld und Vergebung beschäftigt und um seinen Glauben gerungen. Es sind nicht die Schlechtesten, die das tun.

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Papst in Deutschland: Benedikt am Schloss Bellevue

Nicht-Katholiken kann der Zölibat egal sein

Wer die Auflösung des sozialen Zusammenhalts mit Fortschritt verwechselt, muss in jedem kirchlichen Verbot einen kuriosen Anachronismus erkennen. Aber es ist Sache der Kirche, wie sie ihre inneren Angelegenheiten regelt. Nicht-Katholiken kann der Zölibat und die kirchliche Benachteiligung der Frau egal sein. Wer katholisch ist und diese Dinge anders sieht, soll innerhalb der Kirche um Reformen ringen - oder austreten.

Wir brauchen den Papst. Selbst wenn Benedikt XVI. der konservative Dummkopf wäre, als den ihn seine Kritiker darstellen. Augustinus hatte schon um das Jahr 400 im Streit mit den Donatisten klargestellt, dass die Würde des Amtes nicht von der Würde der Person abhängt. Für das Überleben der Institution Kirche war das keine unbedeutende Vorbedingung.

Es haben später Vertreter von wahrhaft mannigfachem Wesen auf dem Heiligen Stuhl gesessen, von Rodrigo Borgia, der als Alexander VI. mit dem türkischen Sultan gemeinsame Sache gegen den allerchristlichen König von Frankreich machen wollte, über die Päpstin Johanna, die es niemals gab, bis hin zu Albino Luciani, der als Johannes Paul I. ganze 33 Tage regierte und in die Geschichte als der Papst einging, der zuerst ein Telefon bediente. All das konnte der Würde des Vatikans keinen Abbruch tun. Ja, nicht einmal die Schande des Eugenio Pacelli vermochte das auf Dauer, der sich als Pius XII. nicht mit den Deutschen anlegen wollte und zusah, wie die Nazis über ihre Opfer herfielen.

Wir brauchen den Papst zum Beispiel, weil das deutsche Forschungsministerium mit öffentlichem Geld die Entwicklung eines Tests fördert, der ohne jedes Risiko für die Mutter feststellt, ob ihr Baby das sogenannte Down Syndrom aufweist. Dieser Test hat nur einen Zweck: Selektion. Ethik und Politik sind nämlich nur manchmal deckungsgleich. Es kann nicht schaden, in Rom einen sitzen zu haben, der mit uns über die Conditio humana in einer Zeit spricht, in der wir glauben, uns mit nichts abfinden zu müssen, in der wir für alles vorsorgen wollen und keine Gefahr mehr laufen mögen - und am Ende doch alle sterben.

Wer sich da jetzt, in und außerhalb des Parlaments, in aller Selbstgerechtigkeit seinem rechtschaffenem Protest gegen den Papst hingeben will, sollte sich daran erinnern, dass die Kirchengeschichte älter ist als die Abtreibungsdebatte und das Mysterium der menschlichen Existenz tiefer als die Frage nach der Homo-Ehe.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 485 Beiträge
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1. ...
rufus008 22.09.2011
Zitat von sysopDie Kirche verdient unseren Respekt, und der Protest gegen Benedikt XVI. ist pubertär, meint Jakob Augstein. Wir haben alle etwas vom Papst, Katholiken und Nicht-Katholiken - aus einem wichtigen Grund: Ethik ist in der Politik nicht gut aufgehoben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,787711,00.html
Vielen Dank, Herr Augstein. Sie sind in meinem Ansehen gerade enorm gestiegen.
2. Glückwunsch
jetztwirdsgut 22.09.2011
Respekt, respekt. Und so etwas im Spiegel? Ziehe meinen Hut. Sehr schöner Kommentar.
3. !
tuecs 22.09.2011
Zitat von rufus008Vielen Dank, Herr Augstein. Sie sind in meinem Ansehen gerade enorm gestiegen.
In meinem auch. Ein wirklich guter Beitrag
4. Ethik ist in der Politik nicht gut aufgehoben
Faramir, 22.09.2011
nun wie die Geschichte zeigt in der Kirche aber auch nicht. Bis in die jüngste Vergangenheit war - zumindest die Kirchenspitze - immer mehr an Macht und Einfluss wie an Ethos interessiert. Und der Umgang gerade auch des Vatikans mit den zahlreichen Missbrauchsfällen im Dunstkreis der Kirche belegt nicht das absolute Primat der Ethik beim Klerus. Es wird immer noch versucht vieles unter der Decke zu halten. Vorbilder sehen anders aus.
5. der Artikel ist die Härte
keinzeitungsleser 22.09.2011
Zitat von sysopDie Kirche verdient unseren Respekt, und der Protest gegen Benedikt XVI. ist pubertär, meint Jakob Augstein. Wir haben alle etwas vom Papst, Katholiken und Nicht-Katholiken - aus einem wichtigen Grund: Ethik ist in der Politik nicht gut aufgehoben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,787711,00.html
Respekt, wie bitte? Wofür soll ich diesem kitschigen Popstar Respekt zollen? Er ist doch nur eine besondere Form von Machtpolitiker. Indem er zb. gegen die Empfängnisverhütung wettert, begeht er wahrscheinlich sogar eines der grössten Verbrechen: Die Weltbevölkerung nimmt auf eine brutale Art und Weise zu: Dann werden in Afrika einfach mal 10 Kinder mehr pro Familie geboren, von denen 9 das achte Lebensjahr nicht erreichen. Und so einer soll mir sagen, was richtig und was falsch ist? Davon abgesehen, das jeder Mensch, der ein Herz und gesunden Menschenverstand besitzt, das von selbst wissen sollte. Dieser Artikel ist wirklich eine Provokation.
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