S.P.O.N. - Im Zweifel links Wie schön die Kanzlerin säuseln kann!

Die Kanzlerin ringt um den Euro und um die Zukunft ihrer Regierung, dabei ist ihr fast jedes Mittel recht. Man stellt mit Erstaunen fest: Wenn es sein muss, beherrscht Merkel sogar die Kunst der süßen Rede - vor der eigenen Fraktion wie im TV bei Günther Jauch.

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Angela Merkel ist keine, die die Vertrauensfrage stellt. Weder an diesem Donnerstag noch in Zukunft. Es ist ein dramatischer Akt der Demokratie, wenn sich der Kanzler vor die Abgeordneten stellt und sein Schicksal in ihre Hand legt. Aber das Theater der Politik interessiert Merkel nicht. Ihre Sache ist der Machterhalt. Während sich das Schicksal des Euro und das Schicksal der Regierung entscheiden, kann das Wahlvolk in das Getriebe von Merkels Machtverwaltung schauen wie in eine gläserne Fabrik.

Der Euro nähert sich seiner Krise. Also dem Wendepunkt der Krankheit. Darauf folgt Genesung oder Untergang. Zur gleichen Zeit tritt auch die deutsche Regierung in die Phase ihrer Krise ein. Diese Koalition, die das Beiwort "bürgerlich" jedenfalls nicht wegen der von ihr vertretenen Tugenden verdient, erlebt in diesen Tagen ihren zweiten Geburtstag. Die erste Halbzeit ist um. Ob die zweite vollgemacht wird, ist unsicher.

Zum Feiern wird niemandem zumute sein.

Dass ihr der Koalitionspartner FDP unter den Händen stirbt, ist nicht die Schuld der Kanzlerin. Ihre Schuld ist aber, dass in einem entscheidenden Moment ihrer Kanzlerschaft die eigene Fraktion von der Fahne zu gehen drohte. Merkel hat - erneut - zu spät gehandelt. Der griechische Gott Kairos hat nur vorne einen Haarschopf und ist hinten kahl. Wer ihn packen will, wenn er bereits vorüber ist, greift ins Leere. Merkel hat die Bedeutung der Euro-Abstimmung im Bundestag zunächst heruntergespielt und so getan, als handele es sich um ein Gesetz wie jedes andere. Das hat die Abweichler ermutigt.

Günther Jauch war Merkels Glück

Wenn es sein muss, das nimmt man staunend zur Kenntnis, beherrscht Merkel die Kunst der süßen Rede. "Dafür habe ich Sie zu gerne, und dafür habe ich noch viel zu viel mit Ihnen vor", säuselte sie den Unionsabgeordneten vor der entscheidenden Abstimmung noch in die Ohren. Beim wichtigsten deutschen Fernsehmoderator musste sie sich solche Mühe nicht machen. Der gab sich freiwillig hin - und seine journalistischen Grundsätze auf.

Es war Angela Merkels Glück, dass ausgerechnet Günther Jauch den wichtigsten Sendeplatz des deutschen Fernsehens übernommen hat. Auf diesen Moderator kann sich die Kanzlerin besser verlassen als auf die eigenen Leute. Am vergangenen Sonntag lud sich Merkel erst selber ein und hielt dann eine durch unangenehme Nachfragen weitgehend ungestörte einstündige Regierungserklärung. Jauch bewies in seiner ganzen nuschelnden Harmlosigkeit, dass man auch eine politische Talkshow zu einem so komplizierten Thema so moderieren kann wie die "Sendung mit der Maus".

Selten wurden die zwei zentralen Prinzipien der deutschen Mediendemokratie - Verblödung und Unterforderung - so offenbar wie hier in der harmonischen Zusammenarbeit von Politiker und Moderator. Unversehens gerann die europäische Krise, die nicht zuletzt durch deutsches Zutun ihre Zuspitzung erfahren hat, zu einer kurzweiligen Lach- und Sachgeschichte. Hätte Jauch die Arbeit eines Journalisten gemacht, hätte er die Kanzlerin nach dem deutschen Beitrag zur europäischen Krise befragt, nach dem Zusammenhang zwischen dem phänomenalen deutschen Exportüberschuss und dem Defizit der EU-Partner.

Wer will dieses Europa?

Und er hätte über den Lohnverzicht gesprochen, der den deutschen Arbeitnehmern aufgezwungen wurde und der ihre europäischen Kollegen in die Arbeitslosigkeit getrieben hat. Er hätte auch die Frage stellen können, wer dieses Europa eigentlich will, das da gerade gerettet wird.

Die Deutschen sind der Meinung, es sei ein Europa der großen Konzerne. Da liegen sie nicht so falsch. Ein Europa des sozialen Ausgleichs wird es künftig noch weniger sein: Austerität heißt das Stichwort - Sparsamkeit. Das klingt nach Autorität. Und das passt. Um den Euro zu retten, werden sich die Staaten noch schlanker sparen müssen - oder sie erhöhen die Steuern.

Der Verteilungskampf wird härter. In der Vergangenheit ist er nicht zugunsten der Bürger entschieden worden. Sondern zugunsten der Konzerne.

Das hätte Jauch alles fragen können. Es liegt allerdings die Vermutung nahe, dass er der beliebteste Moderator des Landes ist, weil er solche Fragen nicht stellt.

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insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
andresa 29.09.2011
1. unglaublich
geschätzte 2000 Berichte über den Euro seit Beginn dieses Jahres und das Grundlegende wird einfach ignoriert: Das Geldsystem ist ein Schneeballsystem und im Kern ungerecht und falsch aufgebaut. Alles voller homo ignorans in der Redaktion: http://le-bohemien.net/2011/09/27/homo-ignorantis/
sappelkopp 29.09.2011
2. Es geht um Machterhalt...
...da hat Merkel von Ziehvater Kohl gelernt. Was sollen wir sonst erwarten, außer süßen Worten. Die Wahrheit wollen wir sowieso nicht wissen. Ich erinnere da gern an Lafontaine, der der einzige war, der 1990 sagte, dass die Vereinigung richtig viel Geld kosten würde. Man kann zu ihm stehen wie man will, der Mann hatte Recht, nur wollte es keiner hören.
protoscorsair 29.09.2011
3. Märchen von Deutschland, das durch Stärke den EURO schwächt
Zitat von sysopDie Kanzlerin ringt um den Euro und um die Zukunft ihrer Regierung, dabei ist ihr fast jedes Mittel recht. Man stellt mit Erstaunen fest: Wenn es sein muss, beherrscht Merkel sogar die Kunst der süßen Rede - vor der eigenen Fraktion wie im TV bei Günther Jauch http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,788997,00.html
Es dauert recht lange, bis der Autor zu seinem erwartbaren Punkt kommt. Den Griechen und Europa geht es schlechtm weil in Deutschland soziale Kälte herrscht und die Wirtschaft durch das Schröpfen der Arbeitnehmer zu wettbewerbsfähig ist und gute Produkte herstellt, die die Welt und Europa zu durch den Euro günstigen Preisen abnimmt - das ist einfach zu kurz gedacht. Europa war nie als soziale Kuschelecke gedacht, in dem sich die Mitgliedsstarten in Ihrer Wirtschaftskraft harmonisieren sollen. Innereuropäischer Wettbewerb ist genauso legitim, wie der Wettbewerb europas mit den anderen Wirtschaftsmächten der Welt. Europa muss sich am Stärksten orientieren (Deutschland) wenn es seine globale Bedeutung nicht einbüßen will. Aber ich schaue gerne zu, wenn sie den Chinesen erköären, dass sie ihre Sozialstandards heben sollen, damit wir in Europa nicht mehr so viel teurer sind - viel Erfolg!
Tschoeni 29.09.2011
4. ..
Zitat von sysopDie Kanzlerin ringt um den Euro und um die Zukunft ihrer Regierung, dabei ist ihr fast jedes Mittel recht. Man stellt mit Erstaunen fest: Wenn es sein muss, beherrscht Merkel sogar die Kunst der süßen Rede - vor der eigenen Fraktion wie im TV bei Günther Jauch http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,788997,00.html
Und wieder ein von Besserwisserei geprägter Belehrungsartikel. Ich kann diesen Sermon eigentlich nur schwer ertragen. Warum fühlen sich Journalisten eigentlich andauernd berufen, die Bevölkerung mit ihren Weisheiten zu belehren. Wer solche Sendungen für zu simpel, verblödend oder was auch immer hält, der kann ja umschalten. Stattdessen sieht man sich bemüßigt, seine belanglose Meinung, dass man es ja sowieso schon besser weiß, dem Zuschauer auf´s Brot zu schmieren. Wenn Sie Herr Augstein so toll sind, frage ich mich, warum Sie nicht anstelle von Herrn Jauch dort gesessen haben? Warum sehe ich Sie nicht im Bundestag, die Sache besser machen? Besserwisserische Reden schwingen, das können Sie alle, aber den Hintern in der Hose haben, Verantwortung zu übernehmen, da verweigern Sie. Toll! Und kommen Sie mir nicht mit journalistischer Verantwortung. Die wurde doch schon vor Langem auf dem Altar der Schlagzeilen geopfert. Schlecht recherchierte und einseitige Artikel (und ich rede hier nicht von Kommentaren) sind doch mittlerweile die Regel. Freie Journalisten, die in irgendwelchen Institutionen verhaftet sind und Klienteljournalismus erster Güte abliefern. Kehren Sie vor der Tür der Jounalisten, bevor Sie andere kritisieren.
t.o`malley 29.09.2011
5. Humorvoller Augstein
Zitat von sysopDie Kanzlerin ringt um den Euro und um die Zukunft ihrer Regierung, dabei ist ihr fast jedes Mittel recht. Man stellt mit Erstaunen fest: Wenn es sein muss, beherrscht Merkel sogar die Kunst der süßen Rede - vor der eigenen Fraktion wie im TV bei Günther Jauch http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,788997,00.html
Welch Klagengeheul, welch Gekeife. Ein echter Augstein eben, so schrill jammert sonst kaum jemand. Einzig erwähnenswert ist wieder der flache Spruch bezüglich des deutschen Überschusses, welcher für den eher uninformierten Leser einer Richtigstellung bedarf: Deutschland hat deshalb Überschüsse, weil es wettbewerbsfähiger als die Konkurrenten ist. Es verhält sich absolut analog zur Wirtschaft, in welcher es auch erfolgreiche und erfolglose Unternehmen gibt. Augstein schwebt vor, die deutsche Wirtschaft derart zu regulieren, daß sie letztlich auf eine Höhe (besser: Tiefe) mit der z.B. griechischen Wirtschaft fällt. Im Klartext würde dies eine sozialistisch/kommunistisch gegängelte Wirtschaft bedeuten, in welcher Planwirtschaft das einzige Kriterium ist. Da die deutsche Produktivität um Größenordnungen höher ist als die griechische, deutsche Produkte eine exorbitant höhere Qualität aufweisen sowie die Innovation unserer Erzeugnisse einen entwicklungstechnischen Unterschied von gut und gern 25 Jahren zu den griechischen Gegenstücken vorweisen, müssten deutsche Unternehmen hinkünftig jedes Jahr etwa im Februar die Tore schließen und die Produktion/Entwicklung und Forschung einstellen, damit die Griechen aufschließen können. Oder die deutschen Produkte müssten derart verteuert werden, daß sie sich niemand mehr leisten kann. In Summe fordert Augstein eine Art Schutzzoll gegen deutsche Erzeugnisse. Zum Vorteil des Auslandes, vesteht sich.
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