Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Im Zweifel links: Zynismus und Politik

Von

Ohne Moral kann Demokratie nicht überleben. Die Deutschen aber müssen zunehmend den Eindruck gewinnen, dass Zyniker Politik und öffentliche Auseinandersetzung bestimmen - siehe Bildungs- und Sozialdebatte. Das zersetzt die politische Kultur.

Am Anfang seiner "Kritik der zynischen Vernunft" schreibt Peter Sloterdijk über die "den Philosophen ins Leere schickende Lage, in der Lügner Lügner Lügner nennen." Das erleben nicht nur Philosophen, sondern auch Wähler oder Journalisten. Dabei wird in der Politik vermutlich gar nicht so viel gelogen. Die Lüge hat kurze Beine, sie trägt nicht weit. Der große Bruder der Lüge ist der Zynismus. Lügner sagen Dinge, die nicht stimmen. Zyniker sagen Dinge, die sie nicht glauben. Und es ist ein Kennzeichen unserer Politik, dass Zyniker Zyniker Zyniker nennen.

Hier mal ein Beispiel für einen klassischen Dialog dieser Art: Ursula von der Leyen hat am vergangenen Wochenende gesagt: "Es kann nicht sein, dass in unserem Land der Erfolg der Kinder in der Schule davon abhängt, was die Eltern für einen Bildungsstand haben." Der Journalist Michael Spreng hat das von der Leyens "Standardrede" genannt, "bei der Sie immer die Kinder in den Vordergrund schieben". Von der Leyen hat sich bei ihm beschwert: "Welch ein Hohn und Spott von Ihnen zu hören über die Kinder! Wenn Sie das als Standardrede empfinden!" Worauf Spreng wie entgeistert erwiderte: "Das ist ja noch heuchlerischer, was Sie jetzt machen!"

Von der Leyen ist Ministerin der CDU. Diese Partei hat die längste Zeit im Land regiert. Sie hatte nicht wenig Gelegenheit, Deutschlands traurigem Ruf, die undurchdringlichste Klassengesellschaft des Westens zu sein, ein Ende zu setzen. Will nun ausgerechnet sie Gerechtigkeit für die Kinder?

Michael Spreng ist Fachmann für öffentliche Beziehungen. Das bedeutet PR ja. Er war Chefredakteur der "Bild am Sonntag" und Berater von Edmund Stoiber. Wundert nun ausgerechnet er sich über die wahren Intentionen der Ministerin?

Wer ist der Zyniker? Der die Intentionen solcher Aussagen anzweifelt? Oder der sie tätigt? Oder beide? Solcher Zweifel zersetzt die politische Kultur. Wir trauen dem Fachpersonal zu, dass es öffentlich Amoralität vorlebt. Aber ohne Moral kann die Demokratie nicht überleben. Der Zyniker braucht sein Gegenüber. Er selber erzeugt nichts. Die Werte, an die er nicht mehr glaubt, wurden von anderen geschaffen.

Gekonnte Verwaltung allein macht noch keine Zivilgesellschaft aus. Ohne ein Mindestmaß an Glaubwürdigkeit in der Politik gehen der Demokratie die Demokraten aus. Es bleiben statt Citoyens nurmehr Verwaltungsbürger, die ihrem Zynismus noch freieren Lauf lassen, als die Politiker.

Wir beobachten, wie mit der sozialen Armut auch die emotionale voranschreitet. Das Gefühls-Prekariat wächst. Aber hier versagt der Sozialstaat. Für die Arbeitslosen im unteren Drittel der Gesellschaft gibt es wenigstens Hartz IV. Für die Emotionslosen im oberen Drittel nicht mal das. Die Leute, denen Verantwortung und Empfindung abhanden gekommen sind, sammeln sich in den einschlägigen Kältestuben des Internets und schimpfen dort auf die "Gutmenschen", also jene, die noch nicht alle Hoffnung haben fahren lassen. Sie kleben sich "Eure Armut kotzt mich an" auf die Stoßstangen, um sich vor den moralischen Kollisionen im ruppiger werdenden sozialen Verkehr zu schützen. Sloterdijk hat geschrieben: "Zynismus, als aufgeklärtes falsches Bewusstsein, ist eine hartgesotten-zwielichtige Klugheit geworden, die den Mut von sich abgespalten hat, alle Positivitäten a priori für Betrug hält und darauf aus ist, sich nur irgendwie durchzubringen." Für die Demokratie reicht das auf Dauer nicht aus.

Die Tatsachenmenschen sind die Herrscher im Reich des Negativen. Sie erklären uns nur, was alles nicht möglich ist. Ihre Gesellschaft ist keine lebenswerte. Das meint Oskar Negt, wenn er sagt, es gebe Zeiten, in denen nur noch Utopien realistisch seien.

Newsletter
Kolumne - Im Zweifel Links
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 207 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. OT: Erbhöfe beim Spiegel?
Dumme Fragen 17.02.2011
Ich vermute mal, dass Herr Augstein der Sohn von Herrn Augstein selig ist. In vielen Ländern der dritten und der kommunistischen Welt ist es ja üblich, dass die Kinder die Väter beerben. Ist es beim im Zweifel linken Spiegel ebenso?
2. Aber aber!
Pseudo_nym 17.02.2011
Ich finde, der größte Zyniker ist der Verfasser dieses Artikels. Hier wird ein aktuelles und reales Problem der deutschen Gesellschaft schlicht und ergreifen dafür missbraucht, seine eigene politisch-linke Schiene zu fahren, die Zusammenhänge lassen sich natürlich - wie das eben so ist - leicht völlig willkürlich zusammenstellen. Und auf einmal liest man da von Klassengesellschaften, die Frage nach dem "besten Schulsystem" wird ganz beiläufig ein für alle mal "gelöst" und es werden journalistische Beobachtungen gemacht, deren Wahrheitsgehalt ich und eigentlich Jeder den ich kenne heftigst bezweifeln würde. "Sie kleben sich "Eure Armut kotzt mich an" auf die Stoßstangen, um sich vor den moralischen Kollisionen im ruppiger werdenden sozialen Verkehr zu schützen. " Also ich muss doch sehr bitten .... so einen Aufkleber habe ich noch nie gesehen, außer vielleicht bei den satirischen Parodien der "Stehkrägen". Etwas weniger Zynismus, Herr Augstein.
3. Gutmenschen an die Macht!
syracusa 17.02.2011
Zitat von sysopOhne Moral kann Demokratie nicht überleben. Die Deutschen aber müssen zunehmend den Eindruck gewinnen, das Zyniker Politik und öffentliche Auseinandersetzung bestimmen - siehe Bildungs- und Sozialdebatte. Das zersetzt die politische Kultur. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,745953,00.html
Wer nicht glaubt, wie sehr Augstein mit seiner Anklage im Recht ist, der kann ja mal einen Beitrag des erklärten Nicht-Gutmenschen Jan Fleischhauer lesen. Auch hier auf SpOn.
4. @ Dumme Fragen
syracusa 17.02.2011
Zitat von Dumme FragenIch vermute mal, dass Herr Augstein der Sohn von Herrn Augstein selig ist. In vielen Ländern der dritten und der kommunistischen Welt ist es ja üblich, dass die Kinder die Väter beerben. Ist es beim im Zweifel linken Spiegel ebenso?
Augstein senior soll links gewesen sein? Wie kommen Sie auf dieses schiefe Brett? Der Senior war zeitlebens FDP-Mitglied und war sogar mal Bundestagsabgeordneter. Auch wenn er vielleicht mit den antiliberalen Westerwelles heute nicht mehr ganz einverstanden wäre: links war Augstein nie. Aber es gibt ja nicht wenige Menschen, die schon Liberalismus per se für links halten. Vielleicht gehören Sie ja auch zu denen. Jakob Augstein jedenfalls sieht sich selbst als linksliberal, und genau so sehe ich ihn auch. IMO ist das ohnehin die einzige Möglichkeit, aufrecht und erhobenen Hauptes durch das Weltgeschehen zu gehen.
5. Kritik
Sequester 17.02.2011
Ich stimme zwar nicht inhaltlich mit dem Artikel überein, aber zumindest ist er stringent. Was der Autor beklagt ist, dass Realismus in das Denken de Menschein eingezogen ist. Ich kann das nicht per se schlecht finden. Wir befinden uns in einem ökonomischen Wettbewerb mit unseren Mitbürgern, aber mielmehr auch mit anderen Nationen, und bis jetzt haben wir überwiegend davon profitiert. Wer mag bestreiten, dass es ALLEN Bevölkerungsgruppen besser geht als vor einigen Dekaden. Auch das Ungleichgewicht ist deutlich weniger ausgeprägt, als viele vermuten. Der Gini-Koeffizient, als Maß der (un(Gleichverteilung) des Einkommens ist im internationalen Maßstab mehr als ordentlich. Vielleicht liegt die Sichtweise daran, dass die eine große Utopie der sozialen Gleichheit kolossal gescheitert ist, da sie nicht der Natur des Menschen entspricht, als Veranschaulichung fällt mir hierzu das Gefangenendilemma in der Spieltheorie ein. Wo ich aber dem Autor Recht geben muss ist, dass im Politikbetrieb Zynismus wohl eher die Regel als die Ausnahme ist. Anstatt wirklich über Probleme und deren Lösung zu diskutueren werden in der Regel nur Phrasen gedroschen. Mein subjektives Empfinden ist jedoch, dass dies bei den eher linken Parteien deutlich stärker ausgeprägt ist. Hier werden Versprechungen gemacht und Erwartungen geschürt, die so in der Realität nicht zu halten sind. Man sollte zu diesem Thema z.B. vielleicht mal Frau Kraft (Haushalt) oder Herrn Özdemir (Stuttgart 21, neue Hochspannungsleitungen) befragen. Von der Folklore, die die Gewerkschaften veranstalten, möchte ich hier gar nicht reden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Jakob Augstein

In dieser Woche...
...berichtet "Der Freitag" unter anderem über folgende Themen:
Alles Müll? Die Hälfte der Lebensmittel wird weggeworfen. Was man dagegen tun kann
Hartz IV: Statt über einige Euro sollte die Politik lieber um die Sache streiten: ein würdiges Leben
Intelligenz: Wale haben Kultur. Denn sie pflegen die Kunst des Verstehens, sagen die Forscher
Schiene: Klaus Staecks zweites Zuhause ist die Bahn. Vom Glück der zufälligen Begegnungen

www.freitag.de


Facebook
Video-Spezial
SPIEGEL ONLINE

Multimedia-Spezial zu Hartz IV: "Man muss bitten, man muss betteln"



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: