S.P.O.N. - Im Zweifel links: Wählen Sie Gerechtigkeit!

Eine Kolumne von

Ungerechtigkeit und Ungleichheit sind das drängendste Problem in Deutschland. Darum sollte das Jahr der Bundestagswahl zum Jahr der Gerechtigkeit werden. Es geht um die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Warum werden die Reichen reicher und die Armen ärmer? Das ist eine Kinderfrage. Aber sie liegt am Grunde der Politik. Und wir sollten sie uns nicht ausreden lassen. Das drängendste Problem in Deutschland ist die wachsende Ungerechtigkeit und Ungleichheit in der Gesellschaft. Es ist ganz gleich, welche Statistik man zur Hand nimmt, die Ergebnisse weisen alle in die selbe Richtung: Die Republik hat sich verändert. Die Deutschen müssen sich fragen, in welcher Gesellschaft sie leben wollen. 2013 haben sie die Gelegenheit zu einer Antwort. Sie sollten das Jahr der Bundestagswahl zum Jahr der Gerechtigkeit machen.

Gerechtigkeit ist ein gefährliches Thema. Es dringt in die Spalten des Systems und hat die Kraft, es von innen heraus zu sprengen. Die vollkommene Tugend nennt Aristoteles die Gerechtigkeit. Man liest bei diesem Philosophen sonst nicht viel von Gefühlen. Aber hier kommt er ins Schwärmen. Er sagt, Gerechtigkeit sei die Tugend, die alle anderen umfasse und es gälten darum auch "weder Abendstern noch Morgenstern für so bewunderungswürdig wie sie". Das sind alte, schöne Worte.

Für Aristoteles ist die Gerechtigkeit keine Sache der Götter und auch keine der Natur und - wir können das ergänzen - auch nicht unabänderliches Ergebnis anonymer Markt-Mechanismen. Sie ist Menschenwerk.

Der Mensch misst den Menschen an seiner Fähigkeit zur Gerechtigkeit. Das Maß ist ein wichtiger Begriff. Jede Tugend strebt nach Mitte und Maß. Gerechtigkeit ist die höchste Tugend, weil sie das Maßvolle geradezu verkörpert. Selbst Gott muss es sich gefallen lassen, dass das rechte Maß an ihn gelegt wird. "Warum bleiben die Gottlosen am Leben, werden alt und nehmen zu an Kraft?", fragt Hiob. Auch Jahwe wird gemessen, an seiner Verheißung, an seinem Ideal.

Hiob ist Gott ausgeliefert, aber er ist ihm moralisch überlegen. Hiob zeigt, dass der Mensch besser sein und sich besser verhalten kann als Gott. Ernst Bloch hat darüber geschrieben. Hiob ringt mit Gott und mit seiner Enttäuschung über die Welt wie sie ist. Er setzt dagegen die Ahnung einer besseren Welt. Und er beschwert sich. Es gibt eine Idee der Gerechtigkeit. Und wenn die Wirklichkeit und die Idee allzu weit auseinandergehen, dann setzt das Murren ein. Das ist das schöne Luther-Wort. Aus dem Murren wird die Klage. Aus der Klage wird die Anklage. Und aus der Anklage entsteht der Aufstand. Hiob rebelliert. Aber Gott mauert. Er entzieht sich. Hiobs Klage ist konkret. Gott weicht aus: "Wo warst du als ich die Erde gründete? Sage mir's wenn du so klug bist?" Und dann stellt Gott dem armen Hiob lauter Quizfragen aus dem Reich der Natur, die der natürlich nicht beantworten kann. Aber um die Natur ging es Hiob auch gar nicht. Gott entzieht sich der Frage nach Gerechtigkeit und antwortet, wie Bloch schreibt, "auf moralische Fragen mit physikalischen." Im großen kosmologischen Sinnzusammenhang, im Meer der universellen Notwendigkeiten löst Gott das Wort von der Gerechtigkeit einfach auf.

Gott redet mit Hiob so, wie ein Finanzspekulant mit einem Occupy-Aktivisten reden würde: "Wo warst Du, als wir das globale Wachstum finanzierten und die Welt mit Geld versorgt haben?"

Gott und die Finanzindustrie sagen: "There is no alternative". Die an- und abschwellende Flut der globalen Kapitalströme folgt der unabänderlichen Natur des Geldes so wie die Wasser der paradiesischen Flüsse Perat, Pischon, Hiddekel und Ghion dem Wort des Herren folgen.

Gott fragt Hiob: "Bist du zu den Quellen des Meeres gekommen und auf dem Grund der Tiefe gewandelt? Haben sich dir des Todes Tore je aufgetan, oder hast du gesehen die Tore der Finsternis? Hast du erkannt, wie breit die Erde ist? Sage an, weißt du das alles?" Was soll Hiob da antworten? Er weiß von den Toren der Finsternis ebenso wenig wie wir heute von Himalaya Options, Variance Swaps oder Constant Proportion Portfolio Insurances wissen - oder wie die Instrumente sonst noch heißen, mit denen unsere Gesellschaft auf ihren verderblichen Kurs gesteuert wurde. Wenn "die Märkte" sprechen könnten, würden sie von uns verlangen zu schweigen.

Es ist die Aufgabe der Politik, die Märkte zum Schweigen zu bringen und dem Interesse der Allgemeinheit Gehör zu verschaffen. Die Wähler sollten im kommenden Jahr dafür sorgen, dass die Politik sich dieser Aufgabe stellt! Peer Steinbrück hat einen Richtungswahlkampf versprochen. Hoffentlich hält er sein Versprechen. Es war eine Rede voll überzeugender Worte, die er neulich bei seiner Nominierung zum Kandidaten gehalten hat. Bei diesen Worten sollte man ihn nehmen - und dann gut festhalten.

Denn sie sind beweglich und wendig, unsere Spitzenpolitiker. Im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" zeigte sich Steinbrück schon nicht mehr so entschlossen: "Hätte ich eine Rede halten sollen, mit der ich die eigene Partei quäle und demobilisiere? Das wäre doch absurd gewesen", sagte er und man sah ihn schon im Kursbuch seinen nächsten Richtungswechsel eintragen: "Ich musste und wollte die SPD mobilisieren. Aber deswegen hänge ich doch nicht wie eine Marionette an Fäden, die von obskuren linken Kräften gezogen werden, wie einige Kommentatoren es in einer Abschreckungsstrategie zu beschreiben suchen."

Wir sollten darauf achten, dass 2013 nicht zum Jahr der Beschwichtigungen wird. Kurt Kister hat in der "Süddeutschen Zeitung" geschrieben: "Die Beschreibung der Gesellschaft als eines zwischen Arm und Reich zerrissenen Nicht-Gemeinwesens ist nicht hinreichend, ja sie ist angesichts der Vielfältigkeit des Lebens hierzulande sogar falsch." Der SZ-Chefredakteur hat Recht: Die Gesellschaft besteht nicht nur aus ihrer Spaltung. Aber im Wahljahr lautet die Frage doch nicht: Was ist die Gesellschaft? Sondern: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Das ist eine Frage der Werte und keine der Ideologie. Wer Werte mit Ideologie verwechselt, der glaubt auch, dass Politik sich in Verwaltung erschöpfen soll. Aber das ist selbst eine Ideologie und zwar eine, die dem Starken mehr nützt als dem Schwachen. Diese Ideologie will uns davon abhalten, die Kinderfrage nach Reichtum und Armut zu stellen. Wir sollten das nicht zulassen. Alle vier Jahre haben wir die Wahl. Wer ist schuld, wenn wir sie nicht nutzen?

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insgesamt 809 Beiträge
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1. Och, nö ...
Europa! 31.12.2012
Zitat von sysopUngerechtigkeit und Ungleichheit sind das drängenste Problem in Deutschland. Darum sollte das Jahr der Bundestagswahl zum Jahr der Gerechtigkeit werden. Es geht um die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? S.P.O.N. Kolumnisten: Jakob Augstein - 2013 - Jahr der Gerechtigkeit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/s-p-o-n-kolumnisten-jakob-augstein-2013-jahr-der-gerechtigkeit-a-875204.html)
"Gerechtigkeit" ist doof, weil keiner weiß was "gerecht" ist und jeder bloß meint, er müsste sich mit den anderen streiten. Ich finde, man sollte lieber dafür sorgen, dass unsere Lebensgrundlagen erhalten bleiben. Ansonsten ist nun mal jeder seines Glückes Schmied.
2. Hohles Gerechtigkeitspathos
fsand 31.12.2012
Einmal mehr ein Artikel von Herrn Augstein, der mit viel Pathos daherkommt und dann mit dürftigem Inhalt enttäuscht. Das Problem der Gerechtigkeit bleibt stehen auf dem intuitiven Vorverständnis, daß es wohl ungerecht sei, wenn die Reichen immer reicher würden, ohne daß der Begriff problematisiert wird. Das Problem wachsender Armut ist auch eins der überbordenden sozialstaatlichen Lasten für die Unter- und Mittelschicht. Dieses Thema - und zugleich den sinkenden Handlungsspielraum eines bis über die Halskrause verschuldeten Staates - lassen Umverteilungsdogmatiker wie Augstein stets ausgeblendet. Nicht weiterführend. Und ehrlich gesagt: Der Gestus moralischer Überlegenheit der Linken war schon vor 30 Jahren abstoßend - seitdem ist nichts besser geworden.
3. Tja
dondon71 31.12.2012
Zitat von sysopUngerechtigkeit und Ungleichheit sind das drängenste Problem in Deutschland. Darum sollte das Jahr der Bundestagswahl zum Jahr der Gerechtigkeit werden. Es geht um die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? S.P.O.N. Kolumnisten: Jakob Augstein - 2013 - Jahr der Gerechtigkeit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/s-p-o-n-kolumnisten-jakob-augstein-2013-jahr-der-gerechtigkeit-a-875204.html)
Leider verhindert die Finanzmafia zusammen mit unseren Politikdarstellern jeglichen Ansatz in Richtung gerechte Gesellschaft oder tatsächliche Solidargemeinschaft! Prost Neujahr, es gibt jede Menge zu feiern, aber Mittwoch ganz schnell wieder zum 1. der 3-4 Jobs und dann noch ein paar Stunden bei der Arge um aufzustocken - ich liebe unseren Staat und die EU und den vorteilhaften Euro!
4. Ich weiß gar nicht weiter Herr Augstein...
timepiece123 31.12.2012
Zitat von sysopUngerechtigkeit und Ungleichheit sind das drängenste Problem in Deutschland. Darum sollte das Jahr der Bundestagswahl zum Jahr der Gerechtigkeit werden. Es geht um die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? S.P.O.N. Kolumnisten: Jakob Augstein - 2013 - Jahr der Gerechtigkeit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/s-p-o-n-kolumnisten-jakob-augstein-2013-jahr-der-gerechtigkeit-a-875204.html)
...geben Sie mir doch bitte ein Wahlempfehlung. Steinbrück? Der ist doch Ihrer Meinung nach links und wählbar, oder? Und noch dazu so ehrenwert und uneigennützig.
5. Das holpert
rugall70 31.12.2012
Zitat von sysopDer Mensch misst den Menschen an seiner Fähigkeit zur Gerechtigkeit. Das Maß ist ein wichtiger Begriff. [/url]
Das ist ja mal eine kühne Zusammenstellung! Wo ist die Verbindung zwischen diesen beiden Sätzen, Herr Augstein? Das holpert nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich-logisch.
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Jakob Augstein
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