Saar-Wahl: Lafontaines letzte Mission

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Er ist die schillerndste Figur dieser Wahl: Der Linken wird Oskar Lafontaine im Saarland ein bisher im Westen nicht erreichtes Ergebnis bescheren. Doch der Posten des Ministerpräsidenten bleibt ihm verwehrt. Was soll aus dem Mann werden?

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Linke-Spitzenkandidat Lafontaine in Saarbrücken: "CDU in die Wüste schicken"

Saarbrücken/Berlin - Es dauert nur ein paar Minuten, bis Oskar Lafontaine Betriebstemperatur erreicht hat. Der Kopf leuchtet rot, die Arme wirbeln. Er schimpft auf die CDU in der kleinen Welt des Saarlands und auf gleich alle anderen Parteien in der großen Welt der Bundesrepublik. Oskar Lafontaine kann deren Akronyme sehr schnell aneinanderreihen, so dass es nur Schwarz und Weiß gibt - hier die Linke, da die Neoliberalen von "CDUCSUSPDFDPundGrüne".

Lafontaine weiß, was die rund tausend Leute vor dem Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken hören wollen. Und dass sie sich einfach mal Luft machen wollen, dieses "Pfui" und "Sauerei" gemeinschaftlich rausschreien. Es sind die Enttäuschten, die Frustrierten, die Zurückgelassenen der Gesellschaft, die Lafontaine mobilisieren muss - und jene, die zu ihm halten, weil er "de Oskar" ist, wie sie hier sagen, der Mann der erst Oberbürgermeister von Saarbrücken und später Ministerpräsident war.

Es geht um viel für die Linke an der Saar. Es geht um ein bundespolitisches Zeichen. Es ist vielleicht die letzte Mission des 65-jährigen Lafontaine: Die Linke erstmals in die Regierung eines westdeutschen Landes zu führen.

"Weg mit der CDU", ruft er den Leuten zu, denn die Partei von Ministerpräsident Peter Müller sei verantwortlich für niedrige Löhne. Und dass die Banker "längst wieder im Casino spielen und Steuergelder verzocken" sei nur ein weiterer Grund, "die CDU in die Wüste zu schicken". Lafontaine macht weiter: "Hartz IV muss weg" und "Leiharbeit ist Sklavenarbeit, weg damit".

Nur Kellner, nicht Koch

Oskar Lafontaine will noch einmal Chef werden in jenem Land, das er von 1985 bis 1998 als SPD-Mann regierte. "Wir wollen über 20 Prozent", ruft er vorm Staatstheater in Saarbrücken. Doch von den anfänglich 23 Prozent in Umfragen ist nicht viel geblieben: Kurz vor der Wahl liegt die Linke an der Saar bei 15 Prozent, Lafontaine kann nur Kellner, nicht Koch werden in einem möglichen rot-roten-Bündnis.

Und das wird er nicht machen. In ein Kabinett unter SPD-Spitzenkandidat Heiko Maas, der mal sein Staatssekretär und Landesminister war, werde er nicht eintreten, hat Lafontaine versichert. Er würde wohl die Fäden im Hintergrund und von Berlin aus ziehen, während an der Saar Leute wie Rolf Linsler die Geschäfte führten. Der Mann ist Linke-Landeschef, war auch mal in der SPD - und ist kein wirklich großer Redner. Der Band im Rahmenprogramm mit ihren Italo-Schlagern attestiert er "ne geile Musik", und dem Oskar wünscht er, dass der noch mal "Ministerprinz-ident dieses Landes" werde. Die Schlussworte übernimmt spontan lieber der zur Unterstützung angereiste Gregor Gysi.

Doch eines ist bereits klar: Ob es letztlich zu Rot-Rot-Grün kommt oder die Saar-Linken auf den Bänken der Opposition sitzen - Oskar Lafontaine wird am Sonntag triumphieren. Denn selbst wenn die Genossen bei 15 Prozent liegen werden, wäre das ein Erfolg, der in dieser Form in keinem anderen westdeutschen Bundesland für die Linke bisher denkbar ist.

"Wenn er unter 2,3 Prozent liegt, zieht er sich zurück"

Und völlig zu Recht wird Lafontaine dieses Ergebnis an der Saar für sich reklamieren; so wie er auch in den vergangenen Wochen immer wieder betont hat, dass das knappe Rennen zwischen bürgerlichem und linkem Lager in seiner Heimat allein ihm zu verdanken sei: "SPD und Grüne müssten mir eigentlich jeden Tag eine Kerze vor die Tür stellen."

Gerade einmal 2,3 Prozent erzielte die PDS bei der letzten Saar-Wahl. Dann kam Lafontaine. Trat für die WASG an, die später mit der PDS zur Linken fusionierte, und katapultierte sie am Abend der Bundestagswahl 2005 im Saarland auf 18,5 Prozent. Am Donnerstag gibt sich Lafontaine in der Berliner Bundespressekonferenz entspannt: Ob 15, 16 oder 18 Prozent - die Linke werde "der große Gewinner der Wahl sein", sagt er: "Dann hätte ich halt nur das Vierfache unserer Werte im Westen geholt." Doch welches Ergebnis wäre denn für ihn eine persönliche Niederlage? Da geht Gysi, der auch hier seinen Parteichef begleitet, dazwischen: "Wenn er unter 2,3 Prozent landet, wird er sich zurückziehen."

Es ist ein eigentümlicher Wahlkampf, den Lafontaine da führt. Früh kündigte er an, noch einmal Ministerpräsident werden zu wollen. Nur mag ihm das bis heute niemand glauben. Beobachter sehen seine Aufgabe vor allem in Berlin als Partei- und Fraktionschef. Bei der Bundestagswahl am 27. September tritt er ja erneut als Spitzenkandidat der Linken an.

Regieren geht nur ohne Lafontaine

Selbst wenn der Ex-SPD-Chef, Ex-Kanzlerkandidat und Ex-Finanzminister noch einmal die Saarbrücker Staatskanzlei leiten wollte und die Ergebnisse am Wahlabend dies zuließen - er kann es nicht werden: SPD und Grüne haben eine Koalition unter einem Regierungschef Lafontaine kategorisch ausgeschlossen.

Es klingt paradox: Lafontaine ist für seine Linke möglicherweise zweierlei - größte Stärke und größte Schwäche zugleich. Größte Stärke, weil die Partei sich ohne ihn niemals als fünfte Kraft neben Union, SPD, Grünen und FDP etabliert hätte. Größte Schwäche, weil die Linke mit ihm an der Spitze in einem strategischen Dilemma steckt: Auf Bundesebene ist sie mit ihm zur Oppositionsrolle verdammt; die Sozialdemokraten lehnen jegliche Zusammenarbeit mit dem Mann ab, der 1999 seinen Posten als SPD-Chef aufgab und das Amt des Finanzministers hinschmiss. Will die Linke im Bund eines Tages mitregieren, geht das nur ohne Lafontaine.

Ein Sieg in seiner Heimat aber - nach Hamburg, Niedersachsen, Hessen und Bremen ein weiterer Einzug der Linken in ein westdeutschen Parlament - vielleicht die Regierungsbeteiligung: Lafontaine hätte noch einmal bewiesen, welche Kraft in ihm steckt.

Lassen ihn die Genossen machen, was er will?

Aber was soll dann noch folgen?

Er ist bis heute nicht wirklich angekommen in der Linken, man sah das zuletzt deutlich auf dem Parteitag im Juni: Wochenlang hatte die Linke zuvor über die künftige Ausrichtung gestritten, Realos gegen Fundamentalisten, es ging um die Frage von Fundamentalopposition oder Regierungsbeteiligung. Statt einer versöhnenden Rede hielt der Parteichef ein längliches Referat über die Weltfinanzen.

Die Delegierten reagierten mit pflichtschuldigem Applaus. In Jubel brachen sie erst aus, als Gysi mit seinem Auftritt direkt ins Herz der Genossen zielte. Gysi lieben und verehren sie, Lafontaine wird akzeptiert - weil er den Erfolg mitbringt für die Partei, die vor ihm nicht mehr war als ein Ostphänomen. Die Genossen stellen Lafontaines Rolle zunehmend in Frage: Einige führende Linke haben inzwischen deutlich gemacht, dass sie ihn sich nicht als alleinigen Parteichef wünschen.

Offenbar wollen sie schon die Weichen stellen für eine Zeit nach Lafontaine. "Die Debatte nervt ihn", sagt eine Genossin aus der Bundestagsfraktion - er wolle die Partei am liebsten allein führen. Der 65-Jährige betont gern, dass er noch fit sei. So lang das so sei, werde er "noch mitmischen, sehr zum Ärger meiner politischen Konkurrenten".

An Lafontaines Ambitionen besteht kein Zweifel. Es ist nur die Frage, ob die Genossen ihn so machen lassen, wie er sich das vorstellt.

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