Rätselhafter Bevölkerungsschwund: Saarländer rebellieren gegen Zensus-Ergebnis
Von 52 Gemeinden im Saarland haben 23 gegen den Zensus Widerspruch eingelegt - die höchste Zweiflerquote Deutschlands. Die Bürgermeister wehren sich gegen die Ergebnisse, die finanzielle Einbußen bedeuten. Nun schmieden sie eine Allianz gegen die Volkszählung.
Roland Henz macht sich Sorgen. Man hört es dem 63-jährigen Oberbürgermeister an, wenn er über seine Stadt spricht, sein Saarlouis, auf das er doch stolz sein kann.
Immerhin ist man Kreisstadt und wirtschaftlich von Bedeutung: Autobauer Ford hat hier eine Niederlassung, der Ford Focus läuft vom Band. Über 6000 Menschen finden dort Arbeit, so viel wie in keinem anderen Unternehmen der Region. Im armen Saarland steht Saarlouis darum gut da.
Dennoch wächst bei Roland Henz jetzt die Unruhe. Denn quasi über Nacht zählte seine Stadt 2600 Einwohner weniger. Schuld ist der Zensus. Als im Mai die Ergebnisse der jüngsten Volkszählung von 2011 bekannt wurden, schrumpfte Saarlouis' amtliche Bevölkerungsgröße qua Feststellungsbescheid des Statistischen Landesamtes von 37.000 auf nur noch 34.500 Bürger. "Das hat uns niedergeschmettert", sagt Henz.
1500 mysteriöse Karteileichen
Ihm war klar, dass der Zensus die alte amtliche Einwohnerzahl korrigieren würde - schließlich hatte Westdeutschland seit 1987 keine Volkszählung mehr erlebt. Aber das Ausmaß der Abweichung macht ihn sprachlos. Denn in den Einwohnermelderegistern seiner Stadtverwaltung sind 1500 Mitbürger mehr verzeichnet, als es der Zensus sagt. "Wie kann das sein?", wollte Henz wissen und fragte beim Statistischen Landesamt nach, das für den Zensus verantwortlich ist.
Die Volkszähler hätten in Saarlouis 1500 Karteileichen gefunden, die in den Melderegistern stünden, lautete die Antwort aus Saarbrücken. Mehr erfährt Henz nicht. Der Oberbürgermeister wäre nicht so erstaunt, hätte Saarlouis nicht seit Jahren in die Qualität der eigenen Melderegister investiert: Neue Software wurde angeschafft, die Daten überarbeitet, ja sogar Stichproben unter den Einwohnern gemacht.
Und jetzt sind es trotzdem 1500 Karteileichen. "Man fühlt sich nicht richtig bewertet", sagt Henz. Die Sache treibt ihn um. Wie soll er die neue amtliche Einwohnerzahl erklären können, wenn er sie nicht einmal selbst versteht? "Wie trete ich da meinen Leuten gegenüber?" Die haben ein Recht auf Antworten. Schon allein wegen des Geldes.
Verluste so hoch wie der Etat der Volkshochschule
245.000 Euro weniger fließen wegen des Zensus nun pro Jahr über den kommunalen Finanzausgleich in Saarlouis' Stadtsäckel. Das sind 20 Prozent weniger im Vergleich zu früher. Denn die Ausgleichszahlung hängt von der Gemeindegröße ab. Das trifft die Stadt zwar weniger hart, als es klingt, denn dank Ford und anderer Unternehmen sind die Einnahmen aus der Gewerbesteuer erfreulich stark. "Wir rennen hier trotzdem jedem Cent hinterher", sagt der Oberbürgermeister. Es gäbe nichts, worauf die Kommune verzichten könnte. 245.000 Euro, das sei immerhin der Etat der Volkshochschule. Und die könne man ja nicht einfach dicht machen.
Das zeige ein Blick auf die Schulden der Gemeinden: Anfang des Jahres waren sie mit 3000 Euro pro Kopf fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Das Saarland ist arm. "Was den Gemeinden an kreativem Spielraum verbleibt, ist am Ende gering", sagt Beckmann-Roh. "Da spielen 100.000 Euro schon eine Rolle."
Schwere Zweifel oder bloße Formsache?
Bisher ist das Saarland nicht als Verlierer des Zensus aufgefallen. Das ganze Land zählt zwar nach der Erhebung 1,5 Prozent Einwohner weniger als zuvor. Das liegt aber unter dem bundesdurchschnittlichen Verlust von 1,8 Prozent. Im Länderfinanzausgleich, für den das relative Verhältnis der Kopfzahlen entscheidend ist, gewinnt das Land daher: Es bekommt 10 bis 15 Millionen Euro mehr pro Jahr. Jetzt stellt sich heraus: Über den kommunalen Finanzausgleich wird eine ähnlich große Summe umverteilt: 11,5 Millionen Euro.
Die Hälfte davon büßen die Gemeinden ein, die durch den Zensus Einwohner "verloren" haben. Doch auch die Zensusgewinner, die jetzt mehr bekommen, hätten verloren, sagt Barbra Beckmann-Roh. Denn sie bekamen ja über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg zu wenig Geld. Am Ende verlieren alle, wenn die Einwohnerzahlen nicht richtig sind und darum ungerecht.
Nun hoffen die 23 Widerspruchsgemeinden, dass ihre Zensuszahlen korrigiert werden. Doch das ist unwahrscheinlich. Das Statistische Landesamt dürfte die Widersprüche eher als bloße Formsache sehen, die sich abtun lässt. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollte man sich nicht dazu äußern. Zum Thema Zensus sei alles gesagt, ließ eine Sprecherin durchblicken.
Die Gemeinden sind da ganz anderer Ansicht. Sie haben schwere Zweifel an der Methodik der Zählung. Denn die war dieses Mal keine Vollerhebung, sondern nur eine Stichprobe unter zehn Prozent der Bevölkerung in den größeren Städten. Dabei könnte das Recht der Kommunen auf kommunale Selbstverwaltung verletzt worden sein: wegen methodischer Mängel, unzureichender Verlässlichkeit der Ergebnisse und weil die Zensuszahlen für die Gemeinden nicht nachvollziehbar sind.
Sogar der Gewinner Saarbrücken widerspricht
Bleiben die Widersprüche erfolglos, könnten die Gemeinden darum gegen den Zensus vor Gericht ziehen. Kaum eine der saarländischen Gemeinden könnte solch eine Klage aber allein stemmen. Ihnen fehlt das juristische und statistische Know-how. Um es einzukaufen und einen langen Prozess durchzustehen, fehlt ihnen den Geld. "Wir stellen uns auf einen gemeinsamen Musterprozess ein", sagt Roland Henz aus Saarlouis. So ließe sich das finanzielle Risiko in Grenzen halten. "Wir denken da sehr solidarisch."
Hilfreich könnte ihnen dabei eine saarländische Besonderheit sein. Unter den Widersprüchlern ist ein starker Zensusgewinner: die Landeshauptstadt Saarbrücken, die dank hoher Zensuszahl nun 2,4 Millionen Euro mehr im Jahr an Mittelzuweisungen bekommt. Man widerspricht dennoch, weil im eigenen Melderegister immer noch 2000 Saarbrücker mehr stehen als die Zählung ergab.
Für die anderen Gemeinden ist das ein Segen. Denn Saarbrücken hat als einzige saarländische Großstadt auch die einzige Statistikstelle mit mathematisch versierten Profis. Wenn also jemand die nötigen Argumenten gegen das Statistische Landesamt finden kann, dann Saarbrücken. Und die anderen profitieren davon.
Dennoch: Die Klage der kleinen Gemeinden gegen die amtliche Statistik mit ihrem statistischen Wissen und ihrem exklusiven Zugriff auf die Zensusdatenbanken ist wie der Kampf von David gegen Goliath. Roland Henz aus Saarlouis mag den Vergleich. Denn: "David hat gewonnen."
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- Björn Schwentker ist Wissenschafts- und Datenjournalist, der sich auf Themen der Demografie spezialisiert hat. Er ist unter anderem freier Mitarbeiter für das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock, arbeitet für SPIEGEL ONLINE aber unabhängig davon als freier Journalist. Seine Beiträge hier geben nicht die Sichtweise des Instituts wieder. Die Ergebnisse seiner Recherchen finden sich auch in seinem Blog.
Nicole Sturz
Vier verschiedene Modelle
- Der jüngste Zensus stellte zum Stichtag 9. Mai 2011 eine Einwohnerzahl für jede der gut 11.000 Gemeinden in Deutschland fest. Er vereinte dazu in einem komplizierten Methoden-Mix verschiedene, in sich jeweils fehlerhafte Bevölkerungsdatensätze und korrigierte sie durch Nachzählen vor Ort. Das aktuelle Zensusergebnis wurde am 31. Mai 2013 bekannt gegeben und wird wenige Monate später zur neuen amtlichen Einwohnerzahl, sofern Widersprüche und Klagen es nicht verhindern.
- Die aktuelle amtlich Einwohnerzahl (Fortschreibung) jeder Gemeinde wird monatlich bestimmt. Nicht von der Gemeinde selbst, sondern vom jeweiligen Statistischen Landesamt. Dort zählt man dem Ergebnis der letzten Volkszählung laufend Geburten und Einwanderer hinzu, Sterbefälle und Auswanderer zieht man ab. Die einzelnen Vorfälle für diese „Fortschreibung“ liefern die Kommunalverwaltungen ständig an die Landesämter. Zwischen den Volkszählungen häufen sich zum Teil erhebliche Fehler in der Fortschreibung an. Die amtliche Einwohnerzahl bestimmt den kommunalen sowie den Länderfinanzausgleich und die Regelungen von ca. 50 weiteren Gesetzen.
- Jede Gemeinde führt eine eigene Einwohnerzahl im Melderegister ihrer Kommunalverwaltung. Sie weicht zum Teil erheblich von der Fortschreibung oder dem Zensusergebnis ab. Sie ist irrelevant für die Finanzausgleiche, aber maßgeblich für die gesamte kommunale Planung, z.B. von Straßen, Kindergärten oder Schulen. Die Gemeinden können ihre Registerzahlen selbst korrigieren, aber es ist aus Datenschutzgründen durch das so genannte „Rückspielverbot“ seit 1983 verboten, die Register um Karteileichen und zusätzliche Bewohner zu bereinigen, die bei einer Volkszählung gefunden wurden.
- Die Wahrheit: Die tatsächliche Einwohnerzahl ist unbekannt. Das steht sogar in der Gesetzesvorgabe des Zensus 2011. Letztlich heißt das: Egal welche Einwohnerzahl man nimmt, alle sind fehlerhaft. Die Macher des Zensus beanspruchen allerdings für ihre Zählmethode, dass sie den kleinsten Fehler macht.
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