Saarland-Wahl Merkels trügerischer Sieg

Die Vertraute der Kanzlerin siegt fulminant an der Saar, die Große Koalition im Mini-Land kann weitermachen - eine perfekte Vorlage also für den Wahlkampf Angela Merkels? Nicht wirklich.

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Aus Sicht der CDU ist die Sache jetzt super simpel: Im Saarland hat die besonnene Merkel-Vertraute Annegret Kramp-Karrenbauer trotz Schulz-Effekt gut 40 Prozent geholt und kann damit ihre Große Koalition neu auflegen.

Und was die kleine Merkel an der Saar schafft, das kriegt die große Merkel an der Spree dann im September doch auch hin. Klare Botschaft, feines Signal zum Auftakt des Wahljahrs 2017.

Nur: So einfach ist das dann doch nicht.

Entscheidend für den CDU-Sieg an der Saar war ja nicht Merkel, sondern die Sympathieträgerin Kramp-Karrenbauer. Die gemäßigt konservative Ministerpräsidentin ist überaus beliebt im Land, sogar eine Mehrheit der AfD- und Linke-Anhänger findet sie gut. Und überdies mögen die Saarländer die von ihr geführte Große Koalition. Auch wenn die 54-Jährige der Kanzlerin in Habitus und Politikstil ähneln mag - Rückschlüsse auf die kommende Bundestagswahl lässt das nicht zu.

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Wahlabend im Saarland: Überraschend klar

Vor der Entscheidung über die Herrschaft im Bund liegen nun im Frühling noch die Urnengänge in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Insbesondere in NRW sind die Verhältnisse spiegelbildlich zum Saarland: Da steht mit Hannelore Kraft ebenfalls eine Sympathieträgerin zur Wahl, aber eben auf Seiten der SPD.

Die echten Brocken für die Kanzlerin kommen also erst noch, der Sieg an der Saar könnte ein trügerischer sein.

Und für Schulz gibt es trotz des mauen Ergebnisses von diesem Sonntag eine gute Nachricht: Er muss vorerst keine Rote-Socken-Kampagne auf Bundesebene kontern. Denn bei Rot-Rot im Saarland hätte die Union schlagartig ihren Wahlkampf umstellen können: von Merkel gegen Schulz auf Kampf gegen die linke Republik. Nur so ein Rot-Rot-Effekt würde wohl all jene Unionsleute mobilisieren können, die sich derzeit noch nicht so recht vorstellen mögen, ein viertes Mal für Merkel in die Schlacht zu ziehen.

Stattdessen läuft es für Angela Merkel jetzt auf einen Persönlichkeitswahlkampf hinaus. Darauf kann sich auch Schulz einstellen. Die fehlende Machtperspektive allerdings muss er sich jenseits von Links beschaffen - denn ohne Machtperspektive wird in diesem Land keiner Kanzler.

Deshalb wird Schulz, genau wie Merkel, fortan auf die Große Koalition setzen. Nur eben unter umgekehrten, unter roten Vorzeichen. Solange er in den Umfragen in Schlagdistanz zur Kanzlerin bleibt, ist diese Taktik praktikabel. Das wird in den kommenden Monaten immer deutlicher werden, insbesondere wenn in Nordrhein-Westfalen die rot-grüne Koalition nach der Mai-Wahl durch Rot-Schwarz ersetzt werden und Modellcharakter für den Bund entfalten sollte. Diese Variante wird bei den Strategen der Union schon jetzt als Horrorszenario gehandelt.

Schulz könnte Merkel dann mit einem alten, aber effizienten Spruch beharken: Wir wollen nicht alles anders, aber vieles besser machen. Das hat schon einmal für die SPD funktioniert. Auch damals setzte man auf den sanften Übergang, auf die rot-schwarze GroKo.

Dass es dann damals, 1998, doch für Rot-Grün reichte, damit hatte der SPD-Kandidat Gerhard Schröder nicht gerechnet. Gemacht hat er die Koalition dann natürlich trotzdem.

insgesamt 95 Beiträge
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dlmb 26.03.2017
1. Fast 12% Verlust!
Was gern übersehen wird: Parteien aus dem linken Spektrum (SPD, Linke, Grüne, Piraten) haben zusammen fast 12% verloren. Das ist in meinen Augen schon ein sehr deutliches Zeichen, das irgendwelche angeblichen "Schulz-Effekte" zur reinen Luftblase macht.
retterdernation 26.03.2017
2. Bleiben Wir bei den Zahlen ...
und den Interpretationen - die CDU hat die meisten Nichtwähler im Saarland reaktiviert. Mehr als die AfD. Was sagt das aus: eine Partei die deutlich zulegt und dazu auch noch die meisten Menschen rekrutiert - die zuvor nicht an die Wahlurnen zog - ist wohl im Aufwind. Das gilt natürlich für die Landespolitik - aber auch auf Bundesebene. Wenn Wir als Referenz den sogenannten Schulz-Hype betrachten, dann hat offensichtlich auch die neue Bundespolitik der Union Einfluss auf das Ergebnis genommen. Am Wahlausgang kann man dann die Wertigkeiten der Wähler - also Hype oder Sicherheit - deutlich ablesen!
jack.welch 26.03.2017
3. Die Niederlage ist ein Sieg für die SPD
Wenn man diesen Kommentar liest, kriegt man den Eindruck, dass diese katastrophale und den angeblichen Schulz-Effekt da absordum führende Wahlniederlage der SPD letztlich eine gute Sache für die SPD ist. Das nenne ich mal eine alternative Wahrheit. Tja, die Schulz Fans kapieren es einfach nicht. Ach ja, es wird gerne vergessen, dass es noch nicht ausgemacht ist, ob die Grünen im nächsten BT vertreten sind. Aber vielleicht geht dann der Kommentator von einer möglichen rot roten Mehrheit im Bund aus. Das ist ungefähr so realistisch wie der angebliche Schulz-Effekt.
archivdoktor 26.03.2017
4. Na ja....
Einen Schulz-Effekt gibt es einfach nicht - der Mann aus Würselen wurde von der SPD und einigen Medien hochgejazzt, aber war wohl für die Katz - die Menschen sind doch nicht alle blöde......Mal sehen, wie sich MS vor der BT-Wahl positioniert: sollte er ein Rot2Grünes Bündnis nach der Wahl in Betracht ziehen, kann er schon jetzt einpacken! Würde mich freuen, wenn die Grünen auch im Bund unter den 5% blieben - die Blockade bei der Rückführung in die Maghrebstaaten werde ich denen nie verzeihen!
janowitsch 26.03.2017
5. Schulz hat schlechte Karten
Wenn es tatsächlich auf einen Persönlichkeitswahlkampf hinauslaufen sollte - was noch nicht ausgemacht ist - also Schulz gegen Merkel, dann hat doch der Herausforderer nicht mehr Persönlichkeit als die Amtsinhaberin. Soll heißen, Schulz hätte dann noch schlechtere Karten. Den Schulzeffekt gibt es nicht. Das Gesicht an der Spitze auszutauschen, wird der SPD nicht reichen. Da müsste mehr kommen.
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