Saarland-Wahl Etikettenschwindel nach Maas

Wahlkampf im Saarland: Ein ausgezehrter Amtsinhaber, ein unglaubwürdiger Nebenbuhler - die Formkrisen von Ministerpräsident Peter Müller und Linke-Chef Oskar Lafontaine bieten dem SPD-Kandidaten Heiko Maas ungeahnte Chancen.


Das Aussehen ist wichtig - wer wüsste das besser als jemand, den sie abfällig einen blassen Konfirmanden genannt haben. Heiko Maas, 42, trägt den weißen Hemdkragen jetzt offen, die letzte Rasur wird um die drei Tage her sein. So blickt er nun von den Wahlplakaten wie einer, der sich fürs James-Bond-Casting locker gemacht hat.

Auf seinen Autogrammkarten steht: "Der neue Mann", was mindestens als Etikettenschwindel gescholten werden muss, weil Heiko Maas sich bereits im Jahre 2004 als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten empfahl - und mit 30,8 Prozent das mieseste Ergebnis der saarländischen Sozialdemokratie seit 1960 einfuhr.

Hat so einer eine Chance? Nun, wenn die politischen Gegner ihn gewähren lassen, ihn nicht ernst nehmen, dann schon.

Gut drei Monate vor der Landtagswahl am 30. August liegt Maas laut Umfrage bei 27 Prozent, in Zeiten von Fünf-Parteien-Parlamenten ein ordentlicher Wert. Ein linkes Bündnis aus SPD, Linkspartei und Grünen vereint derzeit 52 Prozent der Stimmen - und führt damit deutlich vor einer schwarz-gelben Option (45 Prozent).

Seit Infratest dimap diese Zahlen Ende April veröffentlicht hat, wird Heiko Maas ernst genommen. Hatte Amtsinhaber Peter Müller bis dato den Namen des SPD-Spitzenmannes in seinen Reden konsequent gemieden, so dauerte es vor zwei Wochen auf der CDU-Delegiertenversammlung in Saarbrücken gerade mal zwei Minuten, bis der Ministerpräsident den Herausforderer direkt attackierte.

In manchem erinnert der saarländische Wahlkampf an Hessen, wo ein selbstgefälliger, vom Komfort einer absoluten Mehrheit verwöhnter Regierungschef unaufmerksam geworden war. Ähnlich wie der 51-jährige Roland Koch leidet auch Peter Müller am Fluch der frühen Amtsübernahme. Obwohl erst 53 Jahre alt, wird Müller als müde, verbraucht und großväterlich wahrgenommen. Zehn Jahre Ministerpräsidentschaft haben Spuren hinterlassen, Überdruss und, zumindest bei etlichen Saarländern, den Wunsch nach einem frischen Gesicht.

Oskar Lafontaine, 65, kann dieses Gesicht offenbar nicht sein.

Die Popularität, die er aus fast 14 Jahren als Landesregent unter SPD-Flagge bezog, hat er bei zu vielen verspielt. Schien die Linke vor Monaten noch auf dem Weg, zweitstärkste Kraft an der Saar zu werden, ist sie nun auf 18 Prozent Wählerzustimmung abgestürzt. Dass Lafontaine sowohl für den Saarbrücker Landtag als auch den Bundestag kandidiert, ist unter seinen Anhängern nicht gut angekommen. Und die Töne, die er aus dem fernen Berlin spuckt, klingen allzu extrem, allzu unglaubwürdig - mindestens für jene, die ihn nicht aus Protest, sondern aus alter Verbundenheit wählen wollen.

Die Zeiten, in denen Genossen dutzendweise zu den Linken rübermachten, sind jedenfalls vorbei. Insider behaupten gar, so geeint wie in diesem Wahlkampf sei die Saar-SPD schon lange nicht mehr gewesen.

Was die Mitglieder beim Landesparteitag Anfang Mai auf der Bühne erlebten, war zumindest ein Spitzenkandidat, der seine Farblosigkeit verloren hat. Im Stile amerikanischer Stimmenfänger präsentierte Heiko Maas dort seine Familie, plazierte den jüngsten Sohn auf seinem Schoß, während die Delegierten abstimmten. Auch dass er früher in einer Rockband gespielt und einen Triathlon in unter drei Stunden durchgestanden hat, ist der Öffentlichkeit fein dosiert vermittelt worden.

"Wir machen's" statt "Yes, we can"

Um seine Bekanntheit zu steigern, hat sich sein PR-Team eine Veranstaltungsreihe ("Ein Abend mit Heiko Maas") ausgedacht, die den Kandidaten zum "Bürgerdialog" in alle 52 saarländischen Kommunen führen wird. Dort will der Sozialdemokrat "die Menschen mit Inhalten überzeugen", mit seinen Ideen zum Strukturwandel, zu Ganztagsschulen und Mindestlöhnen. Radikale Angriffe auf Müller oder gar seinen Ziehvater Lafontaine, der ihn mit 30 Jahren zum Umweltstaatssekretär gemacht hatte, glaubt Maas sich verkneifen zu können. "Der eine ist doch von gestern, der andere von vorgestern", sagt er über seine Konkurrenten, "ich will nach vorne schauen."

Und wer sieht, wie ungeduldig Maas etwa bei der Wahlveranstaltung in Homburg mit den Fingern auf der Tischplatte trommelt, während der örtliche Stadtratskandidat ausschweifend die Honoratioren begrüßt, bekommt eine Ahnung vom Tatendrang des vormals so phlegmatischen Juristen. "Ich würde gerne endlich beweisen, dass das, was wir wollen, funktioniert", ruft er am Ende in den Saal.

Obamas "Yes, we can" haben die Genossen an der Saar etwas großspurig mit "Wir machen's" übersetzt. Fragt sich bloß: mit wem? Die SPD-Wähler sind gespalten: Ein Drittel möchte, dass Maas mit den Linken anbandelt. Ein Drittel will das auf keinen Fall, die übrigen sind auch für andere Konstellationen offen.

Das wichtigste Ziel des Kandidaten Maas muss daher sein, bis zum 30. August den, wie es in der SPD heißt, "hessischen Fehler" zu vermeiden - und sich nicht wie Andrea Ypsilanti auf Koalitionsaussagen festnageln zu lassen. Die Gefahr, dass ihm die Konkurrenz das wieder als Konturlosigkeit auslegen könnte, kümmert Maas wenig. "Ich sehe deren Attacken als gutes Zeichen. Vor fünf Jahren hat mich überhaupt niemand nach meinen Koalitionswünschen gefragt."



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