Parität in der Politik "Es gibt hier keine Quotenfrauen"

Mehr Frauen in die Parlamente? Christiane Schenderlein hat bei der Landtagswahl in Sachsen gute Chancen - weil die CDU die Parität für sich entdeckt hat. Ihr Fall zeigt auch: Vorschriften allein lösen das Problem nicht.

Christiane Schenderlein
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Christiane Schenderlein

Aus Oschatz berichtet


Man könnte meinen, dass eine solche Runde Normalität sei in der heutigen Zeit. Oder längst überflüssig. Tatsächlich aber war es eine außergewöhnliche Premiere, die jüngst im Bundestag stattfand: Eine Gruppe von Frauen traf sich, um darüber zu sprechen, wieso nicht mehr von ihnen dort sind, wo sie sind - in der Politik. Und ob man das ändern könnte, indem man Parteien gesetzlich dazu verpflichtet, bei Wahlen genauso viele Frauen wie Männer aufzustellen. Die Frauen kamen aus allen Fraktionen, nur die AfD war nicht dabei.

Die Debatte über ein Paritätsgesetz hat die Bundespolitik erreicht. Befürworter und Gegner bemühen große Argumente, die einen mahnen einen dringend benötigten Kulturwandel an, der nur verordnet werden kann. Die anderen wittern einen drohenden Verfassungsbruch. Wenn überhaupt, dann müssten die Parteien bei sich selbst mit der Frauenförderung anfangen.

60 Direktkandidaten, neun Frauen

So versucht es die CDU in Sachsen. Ausgerechnet, könnte man sagen, gilt die Sachsen-Union doch als besonders konservativ. Die Partei hat ihre Landesliste für die kommende Wahl im September paritätisch besetzt - auf jeden Mann folgt nun eine Frau. Die Aufstellung der Direktkandidaten hatte zuvor für die Sachsen-CDU in einem Debakel geendet - unter Paritätsgesichtpunkten: Von 60 aufgestellten Kandidaten waren gerade einmal neun Frauen.

Vom Sinneswandel bei der Landesliste profitiert etwa Christiane Schenderlein, 37, dreifache Mutter, Platz 6. Ohne die paritätische Besetzung hätte sie wohl deutlich weiter hinten gestanden. Kann sie die Frage beantworten, ob sich eine Partei, womöglich sogar ein Land zur Parität zwingen lässt?

Schenderlein, blondes Haar, helles Lachen, empfängt in ihrem Büro in Oschatz, einer Stadt mit 16.000 Einwohnern, gelegen zwischen Leipzig und Dresden. Neben Schenderlein auf dem Schreibtisch türmen sich die aktuellen Zeitungen, an der Wand hängt ein gerahmtes Portrait von Angela Merkel in CDU-Orange.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schenderlein, eigentlich wollten Sie als Direktkandidatin bei der Landtagswahl antreten. Das hat nicht geklappt.
Schenderlein: Das stimmt. Die Wahl gewann Bernd Merbitz, zu diesem Zeitpunkt Polizeipräsident von Leipzig.
SPIEGEL ONLINE: Merbitz ist 63 Jahre alt. Sie verloren die Wahl gegen einen alten, weißen Mann - wenn man gemein sein will. Was war das für ein Gefühl?

Schenderlein: Als er seine Kandidatur bekannt gab, wusste ich, was auf mich zukommt. Bernd Merbitz steht für das Thema innere Sicherheit, das bewegt die Menschen hier unheimlich. Und er ist eben einer, der so frei Schnauze erzählt. Viele glauben, dass er sich gegen die AfD durchsetzen wird. Es gab Stimmen, die sagten: Wir brauchen in dieser Situation einen starken Mann. Natürlich war ich im ersten Moment traurig, als das Ergebnis verkündet wurde.

Schenderlein engagiert sich seit mehr als 20 Jahren für ihre Partei, mit 16 trat sie der Jungen Union bei. Damals war die CDU stärkste Kraft in ihrer Heimat, und sie ist es heute noch. Doch das könnte sich bald ändern, glaubt man den Umfragen.

Schenderlein, Parteikollegen
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Schenderlein, Parteikollegen

Einen Vorgeschmack gab es vor zwei Jahren bei der Bundestagswahl: Die AfD holte in der Stadt Oschatz 29,3 Prozent der Zweitstimmen und hängte damit alle anderen Parteien ab. Schenderlein führt einen Kampf, bei dem es nicht nur um ihre eigene politische Karriere geht - sondern um die Vormachtstellung ihrer Partei.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eine Quotenfrau?

Schenderlein: Nein, ich sehe mich nicht als Quotenfrau. Ich habe die letzten Jahre hart gearbeitet und ich freue mich über diesen tollen Listenplatz. Natürlich ist das ein Vorschuss, den mir die CDU in Sachsen hier gibt. Ich muss jetzt liefern. Den Begriff Quotenfrau finde ich diskriminierend. Unsere weiblichen Landtagsabgeordneten leisten alle gute Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Wo haben Sie es als Frau schwer?

Schenderlein: Neulich kam ein Kollege auf mich zu. Er gab mir den Rat, mich zu setzen, wenn mein Gesprächspartner kleiner ist als ich. Ich bin ja recht groß und er sagte, das könne Menschen einschüchtern. Das war sicher nur gut gemeint, er ist selber hoch gewachsen.

Schenderlein lacht. Aber ernst genommen hat sie die Empfehlung doch. Sie sitzt jetzt häufiger. Man mag die Episode abtun als Rat unter Kollegen, in bester Absicht, unglücklich formuliert. Oder man kann der Meinung sein, dass es für mehr steht, wenn ein Mann einer Frau empfiehlt, sich klein zu machen, um in der Politik erfolgreich zu sein.

Gruppenbild: "Die Damen bitte nach vorn"
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Gruppenbild: "Die Damen bitte nach vorn"

Der Landtagsabgeordnete Frank Kupfer klopft an die Bürotür, gemeinsam wollen sie in die Oschatzer Stadthalle. Dort werden die CDU-Kandidaten für die Kreistagswahl im Mai aufgestellt.

Kupfer war mal Umweltminister in Sachsen, bis vor kurzem Fraktionschef. Die Entscheidung für die paritätische Besetzung der Landesliste sei schon richtig gewesen, sagt er. Aber gesetzlich erzwingen, so wie es gerade die Regierung in Brandenburg versucht und wie es nun gar Stimmen auf Bundesebene fordern, könne man so eine Quote nicht. "Wir hätten das Problem schon längst gelöst, wenn mehr Frauen gewollt hätten", meint Kupfer.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie Frauen fragen, ob sie Lust auf Politik haben, was antworten die dann?
Schenderlein: Es ist schwer, Mitstreiterinnen zu finden, mitunter sehr schwer. Ich habe zum Beispiel vor Kurzem versucht, Frauen zu finden, die sich bei uns für den Kreistag aufstellen lassen. Viele haben abgesagt.
SPIEGEL ONLINE: Warum?

Schenderlein: Bei vielen spielt die Zeit eine Rolle. Sie sagen: Wenn ich das mache, dann will ich es richtig machen. Und wenn man dann doch als Frau zu einem CDU-Treffen kommt, und da sitzt so eine reine Männerrunde, dann hat man nicht unbedingt das Gefühl, hier seine Ideen durchsetzen zu können. Wir müssen es schaffen, dass sich Frauen bei uns willkommen fühlen.

Schenderlein spricht aus Erfahrung. Noch während sie an ihrer Doktorarbeit im Fach Politikwissenschaft schrieb, trat sie eine Stelle im Wahlkreisbüro in Leipzig an. Dann kamen die Kinder, zwei Söhne und eine Tochter hat Schenderlein heute, die Kleinste ist gerade drei.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel arbeiten Sie?
Schenderlein: Ich leite die CDU-Büros des Landtagsabgeordneten Frank Kupfer in Oschatz und in Torgau, gleichzeitig bin ich Vorsitzende der CDU in Taucha. Und dann engagiere ich mich ehrenamtlich im Kirchenvorstand und in der Mittelstandvereinigung der CDU. Das ist schon manchmal viel.
SPIEGEL ONLINE: Hört sich nach mehr als einem Vollzeitjob an. Haben Sie Ihre Beziehung auch paritätisch organisiert?

Schenderlein: Ich fahre immer gegen drei Uhr nach Hause, den Nachmittag verbringe ich mit den Kindern. Das ist mir sehr wichtig. Wenn alles nach Plan läuft, gibt es um 18 Uhr Abendessen. Wenn ich Abendtermine habe, übernimmt dann mein Mann. Vielleicht sind wir da ein bisschen ostdeutsch. Meine Mutter war auch berufstätig.

Als Schenderlein und Kupfer die Oschatzer Stadthalle betreten, da wird vielleicht so deutlich wie an wenigen anderen Orten, warum es auch heute weiterhin an Frauen in der Politik fehlt - egal, ob man die Kreistage der Republik besucht oder den Bundestag in Berlin.

In der Halle sitzen Männer, die Männern applaudieren, zwischendurch essen sie eine Bockwurst. Um die 100 Parteimitglieder sind an diesem Februarabend in die Stadthalle gekommen, der Raum ist gut gefüllt.

Christiane Schenderlein ist eine der wenigen Frauen.

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