Parteichef Zastrow in Sachsen Last Man Standing der FDP

In Sachsen steht die letzte schwarz-gelbe Koalition der Republik vor dem Aus - die FDP fliegt wohl aus dem Landtag. Mit maximaler Distanz zur Bundespartei versucht Landeschef Zastrow, das Desaster abzuwenden.

DPA

Aus Leipzig berichtet


Die FDP hat zum Wahlkampfendspurt gerufen, in die traditionsreiche Alte Börse mitten in Leipzig. Gerade einmal 83 Zuhörer sind erschienen, die hinteren Stuhlreihen sind weitgehend leer. Klar, es sind noch Schulferien. Trotzdem ist das kein gutes Zeichen für den kommenden Sonntag, den Wahltag.

Holger Zastrow, Landes-, Fraktionschef und Spitzenkandidat der FDP, nimmt es wie es kommt. Zastrow ist kein Schönredner, keiner, der seinen Leuten was vormacht, auch nicht in Leipzig, wo es die FDP immer schwer hatte. "Es ist nicht gerade so, dass uns die Herzen zufliegen", sagt er. Zastrow ist der Last Man Standing der FDP: Der 45-Jährige kämpft um das Überleben in der letzten schwarz-gelben Koalition der Republik. Es sieht nicht gut aus. Zehn Prozent strich die sächsische FDP 2009 ein, nun werden ihr nur noch zwischen drei und fünf Prozent je nach Umfrage attestiert. Die eurokritische AfD dürfte dagegen sicher in den Landtag kommen, und sogar die rechtsextreme NPD hat bessere Chancen als die Freien Demokraten.

Das ist bitter für Zastrow. Man habe gute Arbeit in der Koalition geleistet, sagt er. Doch der Rauswurf der FDP aus dem Bundestag sei in Sachsen noch immer zu spüren: "Jeder Kandidat, der für uns ins Rennen geht, zahlt den Preis für den Ansehensverlust der FDP." Auch wenn er beteuert, die Stimmung sei in den letzten Tagen besser geworden, irgendwann am Abend in Leipzig bricht es aus ihm heraus. "Es ist so verdammt ungerecht, dass wir in den Berliner Topf mit reingerührt werden", ruft er in den Saal.

Botschaft gegen Berlin und Bundes-FDP

Zastrow kommt aus Dresden, leitet dort seine eigene Werbeagentur. In seiner Heimatstadt machte er im Wendeherbst 1989 seine ersten politischen Erfahrungen. Mit der Stadt an der Elbe ist er besonders verbunden, hier sitzt er auch im Stadtrat. Das ist ihm wichtig, auch um zu wissen, wie die Leute so ticken. Als die FDP in den Neunzigern aus dem Landtag flog, war die Verankerung an der Basis ihre Rettung. "Wo haben wir überlebt? In den Kommunen", sagt Zastrow. Bei den letzten Kommunalwahlen im Mai erhielt die FDP über fünf Prozent. Das ist für ihn ein Zeichen, dass das "Wunder von Sachsen", wie er es nennt, doch noch gelingen kann. Bei den Kommunalwahlen habe man zwar auch in Sachsen verloren, "aber wir sind nicht aufgeschlagen."

Zastrow reizt hoch. "Sachsen ist nicht Berlin", hat die Landes-FDP plakatieren lassen, wirbt dezidiert für Schwarz-Gelb. Die Botschaft richtet sich in erster Linie gegen die Große Koalition in Berlin, aber sie ist auch als Absetzbewegung von der Bundes-FDP zu verstehen. Nein, Holger Zastrow und Christian Lindner, der Hoffnungsträger der Bundes-FDP, sind beileibe kein Harmoniegespann. Waren es noch nie, werden es wohl auch nie. Zastrow kann holzen, wenn es darauf ankommt, Lindner tut es ungern.

Mit "Säbel und Florett" hat Zastrow den Unterschied mal umschrieben. Nach der verlorenen Bundestagswahl gab er seinen Rückzug als Bundes-Vize bekannt, konzentrierte sich ganz auf den Freistaat. Mit einer Kolonne von Motorradfahrern, allesamt FDP-Mitglieder, tourt er jetzt im Endspurt durch den Freistaat. Das passt zu ihm - schon zu DDR-Zeiten hatte er ein Motorrad, eine MZ 250er. Jetzt ist es eine BMW GS 1200 Adventure, ein schweres Gerät.

Ost-Karte ausspielen

Sein robuster Wahlkampf wirkt wie das Gegenprogramm zur Mehr-Themen-Partei Lindners. Die Kampagne ist auf Wirtschaftsthemen zugeschnitten, den Klassiker der FDP. Zastrow ist strikt gegen den Mindestlohn, niedrigere Löhne seien einer der wenigen Wettbewerbsvorteile des Ostens, sagt er. Dass er damit nicht gerade die Massen erreicht - ihn stört es nicht. "Man muss auch mal Haltung zeigen", das werde von den Wählern belohnt, glaubt er. Das hat er oft an der Bundes-FDP vermisst.

Zastrow ist einer, der polarisiert, der auch gerne in diesen Wochen, da an 25 Jahre Mauerfall erinnert wird, die Ost-Karte ausspielt. "Die Energiewende, das ist Planwirtschaft ohne Plan, das hat noch nicht einmal die DDR geschafft." Wenn er im Westen sei, sage er immer: "Sie glauben gar nicht, wie viel DDR in der lieben Bundesrepublik ist."

Nach der Bundestagswahl machte Zastrow klar, dass er den Landtagswahlkampf weitestgehend ohne Bundesprominenz machen will. FDP-Chef Lindner war zweimal in Sachsen, das war es auch schon. In der FDP wissen sie natürlich: Auch wenn Zastrow sich noch so sehr absetzt, am Ende wird eine Niederlage die gesamte Partei treffen - und damit auch Lindner, dessen eigentliches Ziel die Rückkehr in den Bundestag 2017 ist.

Umgekehrt gilt aber auch: Gewinnt Zastrow, profitiert auch Lindner davon. Spätestens am Sonntagabend werden sie wissen, woran sie sind, Zastrow und Lindner. "Das wird", ahnt der Sachse, "eine ganz knappe Kiste."

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Seite 1
Kaffee Wien 29.08.2014
1. Auch dieser Sonntagabend soll wieder schön werden...
... und die Splitter- und Ellebogenpartei FDPaus einem weiteren Parlament entfernen! Wie plakatierte doch schon diese Splitterpartei selbst: Keine Sau braucht die FDP! Richtig! Und nochwas: Ich möchte am Wahlabend nicht wieder den Brüllaffen und Haupthaarverpflanzer Lindner in irgendeiner unseligen Talkrunde irgendeines zwangssubventionierten TV-Senders sehen, ja?! Diskussionen gerne mit den dann im Landtag vertretenen Parteien (und zwar allen!), aber nicht mit abgewählten Ellenbogen, die, aus welchen Gründen auch immer (wahrscheinlich, weil sie in irgendwelchen öffentlich-rechtlichen Gremien sitzen) von den zwangweise am Leben gehaltenen TV-Sendern weiterhin hofiert werden! Danke!
t.h.wolff 29.08.2014
2.
Diese Partei hat es aber auch schwer! Viele Bundesbürger empfinden ja bereits ein diffuses Unbehagen, wenn sie nur ein PDF-file öffnen müssen.
Tante_Frieda 29.08.2014
3. Logisch
Logisch,dass Herr Zastrow strikt gegen einen Mindestlohn ist.Wer als Gering- oder auch als Normalverdiener die Partei wählt,die möglichst alles und damit auch die Lebensrisiken privatisieren möchte,damit sie einem lieb und vor allem teuer sind (ich erwähne nur die private Krankenversicherung im Alter),dem ist nicht mehr zu helfen...
irreal 29.08.2014
4. Die FDP scheiterte an der Kanzlerin
und genauso wird es als nächstes der SPD gehen. Deutschland wird regiert von der Kanzlerin und sie ist die Regierung. Ich glaube mitlerweile, sie ist die intelligenteste Regentin die die Welt bis dato gesehen hat.
cafe_kehse 29.08.2014
5. Die FDP hat die Talsohle durchschritten
Das Volk merkt, dass es die Liberalen braucht. Seit den Bundestagswahlen vor fast einem Jah gibt es bereits Entzugserscheinungen des Bürgers nach der FDP. Die FDP wird der Garant einer freiheitlichen Politik sein, zunächst in Sachsen und dann wieder in allen Parlamenten. Die Rösler, Westerwelles und die Brüderles sind weg, was jetzt kommt, sind wahre Weltmeister. Der Weltmeister-Bonus von Löws Buben kommt der FDP politisch zugute und niemand anderem.
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