Schlappe in Sachsen NPD schmäht eigene Wählerklientel

Der NPD fehlten nur wenige Stimmen bei der Landtagswahl in Sachsen. Jetzt haben die Rechtsextremisten einen ersten Schuldigen für das Debakel ausgemacht: ihre treulose Wählerklientel.

Flugzeug mit NPD-Banner (im August in Dresden): "Auf den Leim gegangen"
DPA

Flugzeug mit NPD-Banner (im August in Dresden): "Auf den Leim gegangen"


Berlin/Dresden - Das Resultat war extrem knapp: Um einige Hundert Stimmen verpasste die sächsische NPD am vergangenen Sonntag den Sprung über die Fünfprozenthürde. Am Ende reichte es für die Rechtsextremen - laut vorläufigem amtlichen Ergebnis - mit 4,9 Prozent nicht zum Wiedereinzug in den Dresdner Landtag.

Das Aus nach zehn Jahren im Parlament sorgte bei der NPD für Entsetzen. Reflexartig witterte die Partei ein Betrugskomplott. Die "angeblich fehlende Stimmenzahl", so teilte der sächsische Landesverband am Montag mit, sei "lächerlich gering"; es gebe Hinweise auf "zahlreiche Unregelmäßigkeiten" in den "großstädtischen Wahllokalen". Deshalb wolle man eine "Wahlanfechtung" prüfen und die "Neuauszählung aller Stimmzettel erzwingen".

Die Erfolgsaussichten dieses Unterfangens werden jedoch selbst in den eigenen Führungskreisen als äußerst gering eingeschätzt. So wie es aussieht, muss die abgewählte NPD-Fraktion schon zum Monatsende ihre Büros im sächsischen Landtag räumen. Acht Abgeordnete und mehrere Dutzend Mitarbeiter, die bislang vom Steuerzahler alimentiert wurden, stehen vor einer beruflichen Neuorientierung.

"Der Scheinalternative AfD auf den Leim gegangen"

Der Frust unter den Rechtsextremen ist entsprechend groß - und ihr Wunsch, einen Schuldigen für die Misere zu finden, offenbar brennend. Am Mittwochabend präsentierte der sächsische NPD-Sprecher Jürgen Gansel dann erste Ergebnisse: In einer über das Internet verbreiteten Presseerklärung machte der NPD-Chefideologe vor allem die treulose Wählerklientel seiner Partei für die Schlappe verantwortlich: "Unser Unverständnis gilt jenen früheren 13.000 NPD-Wählern, die laut Wahlanalysen der Scheinalternative AfD auf den Leim gegangen sind und damit die konsequente Oppositionsarbeit der NPD-Landtagsfraktion für deutsche Interessen nicht honoriert haben", so Gansel. Die Abtrünnigen hätten stattdessen lieber für die "AfD als Wurmfortsatz der Altparteien gestimmt".

Doch nicht nur die verhasste AfD-Konkurrenz habe die NPD kostbare Stimmen gekostet: Auch die rechtsextreme Stammkundschaft, so Gansel, sei wahlfaul gewesen. Eingeschnappt konstatierte er, "dass 10.000 frühere NPD-Wähler" der Landtagswahl ferngeblieben seien - "offenbar aus Bequemlichkeit oder anderen nichtigen Gründen". Dabei hätten sie durch die Meinungsumfragen wissen müssen, dass für die NPD "jede Stimme zählen würde".

Der Schmähung des Wahlvolks ließ Gansel die Ankündigung folgen, im Jahr 2019 "wieder an die Türen des sächsischen Landtags klopfen" zu wollen.

Selbstkritische Töne sucht man in der Analyse des Chefideologen vergeblich. Unerwähnt blieb etwa die parteiinterne Schlammschlacht um den früheren NPD-Chef und Vorsitzenden der sächsischen Landtagsfraktion Holger Apfel, der kurz vor Beginn des Wahljahrs entnervt seine Partei verließ. Mittlerweile betreibt er ein Lokal auf Mallorca.

mba/srö

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