Debatte über Rechte in Sachsen Ist mal gut jetzt

Sachsen ist und bleibt braune Zone - da hilft auch kein Tillich-Rücktritt. Das war der Kern eines Textes von Janko Tietz auf SPIEGEL ONLINE. Wenn sich aber im Land etwas ändern soll, muss sich die Debatte ändern.

Dresdner Altstadt
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Ein Debattenbeitrag von


Zum Autor
  • Uwe Mann
    Sascha Aurich, Jahrgang 1973, ist Ressortleiter Newsdesk und Mitglied der Chefredaktion bei der "Freien Presse" aus Chemnitz.

Wir sind verloren, hier in Sachsen. Die Zukunft im kaputten Freistaat: Eine Mischung aus "Blade Runner"-Kulisse und Neonazi-Zoo, aus sicherer Entfernung per Drohne begaffbar. Selbstverständlich ist die vom Rest der Republik geforderte Mauer längst gebaut worden - kurz nachdem klar war, dass auch Michael Kretschmer, Stanislaw Tillichs Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten, den Kampf gegen rechts nicht gewinnen würde. Tätowierte Dumpfbacken in Thor-Steinar-Klamotten ziehen marodierend durch die Straßen, selbst Frauke Petry hat inzwischen das Weite gesucht.

Und trotzdem harren hier immer noch ein paar Irre aus, die ein ganz normales Leben führen wollen. Verrückt, oder? Ja, man könnte verrückt werden hier in Sachsen - wenn das so weitergeht mit Texten wie jenem von Janko Tietz auf SPIEGEL ONLINE. Das Gefühl, das sich bei der Lektüre von "Rechts auf der Karte" einstellt: bitte nicht schon wieder. Nichts gegen seine Beobachtungen, alles schon selbst gesehen und erlebt. Und Schlimmeres.

Aber was Janko Tietz beschreibt, ist weder neu noch überraschend und schon gar nicht bringt es einen irgendwie weiter. Das Gegenteil ist der Fall. Denn: Die Sensibilität, mit der solche Zeilen in Sachsen aufgenommen werden, ist groß, vermutlich viel größer, als man sich das gemeinhin vorstellt. Diese aus meiner Sicht harten, verallgemeinernden, trostlosen Texte treiben auch Menschen in die Schmollecke, die dort nicht hingehören. Und sie sorgen für Zwist unter denen, die dringend zusammenhalten sollten.

Eines der größten Probleme, die Sachsen hat, ist der Mangel an ehrlicher, differenzierter Auseinandersetzung. Und damit ist nicht nur die CDU gemeint, die zweifelsohne die politische Verantwortung dafür trägt, dass hier Fremdenfeindlichkeit und "Deutschtümelei", wie Janko Tietz es fast verniedlichend nennt, gesellschaftlich tief verwurzelt sind. Abseits der Parteipolitik hat sich ein Schema der Auseinandersetzung etabliert, das kaum noch Raum für Bewegung lässt. Es gibt viele Rechte, es gibt ein paar Linke - der Rest hält zunehmend die Klappe. Die Gruppe der Verstummten ist die größte - eine verheerende Entwicklung. Niemand weiß mehr, wie die Mehrheit denkt.

Es ist Zeit für den nächsten Schritt

Zudem ist bei manchen Sachsen, die sich links verorten, so etwas wie intellektuelle Selbstgeißelung zu beobachten. Bösartige Bemerkungen, hämische Kommentare oder schlichter Unsinn zum Zustand Sachsens werden nicht mehr hinterfragt oder gar zurückgewiesen, sondern als eine Art gerechte Strafe angenommen. Da kann es schon mal passieren, dass man in einer Twitter- oder Facebook-Debatte zu pauschalisierendem Quatsch über "den ostdeutschen Mann" regelrecht dazu gedrängt wird, doch endlich anzuerkennen, dass der Osten zu Recht kritisiert wird. Natürlich wird er das. Aber muss man deshalb jeden Unfug klaglos hinnehmen?

Gegendemonstranten zur "Pegida"-Kundgebung in Dresden
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Gegendemonstranten zur "Pegida"-Kundgebung in Dresden

Es ist Zeit für den nächsten Schritt. Die Lehren. Und das Nachdenken darüber, wie es besser werden kann. Frank Kupfer, der CDU-Fraktionsvorsitzende im sächsischen Landtag, hat nach Tillichs Rücktrittsankündigung in einem Interview gefordert, seine Partei müsse "Politik für die Menschen" machen. Klingt banal bis lächerlich. Für wen sonst? Aber: Würde die CDU in Sachsen danach handeln, wäre das eine geradezu bahnbrechende Neuerung. Und man würde rasch merken: "Menschen" sind auch in Sachsen nicht automatisch solche, die einen Rechtsruck wollen. Aber dazu müsste man erst einmal zu ihnen hin.

Die Diskussion darüber, was Sachsen ist, muss enden. Die Frage ist doch längst, wie Sachsen wieder anders werden könnte. Ja, der Blick auf den Osten ist in den vergangenen Jahren genauer geworden. Nicht mehr jedes Problem wird damit erklärt, dass es die DDR gab. Bei vielen professionellen Beobachtern ist echtes Interesse zu spüren, auch echte Sorge.

Aber für unsere Probleme sind wir selbst verantwortlich. Und es würde enorm helfen, wenn nicht ständig jemand um die Ecke kommt, der noch mal sagt, wie schrecklich alles ist. Und dass es ja bestimmt nicht besser wird, niemals.

Grüße aus dem Tal der Hoffnungslosen!

insgesamt 164 Beiträge
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Seite 1
fisschfreund 22.10.2017
1. Überschrift
Die ganze ostzone wieder einzäunen und gut ist. Anders fühlen die sich ja offensichtlich nicht wohl.
vaikl 22.10.2017
2. Lieber ein paar Sachsen mehr in der Schmollecke...
...als braun-relativierender Tendenzjournalismus, bei dem man die Oberflächlichkeit seiner demokratischen Nullbasis 1000 Meilen gegen den Wind riecht. Nicht wir, nicht die Diskussionen müssen sich ändern, sondern zuerst diese sächsische Einfaltspinselei und das Einigeln in Naivität.
desertking 22.10.2017
3. Ach Sensibilität...
Wenn es um die Wahrheit geht, wird der Sachse also plötzlich sensibel. Nicht die Debatte muss sich ändern, sondern diese Wehleidigkeit und Mimosenhaftigkeit im Osten. Immer sind die Anderen schuld, nie man selbst. So lange auch nicht rechtsextreme Ostdeutsche so massiv jedwede Diskussion schlicht und ergreifend verweigern, weil sie unangenehm sein könnte, wird das nix. Und wer schert sich eigentlich um meine Sensibilität? Jahrzehntelang hält man den Osten aus und renoviert ihn und was ist dann der Dank dafür? Weite Teile der ostdeutschen Gesellschaft sind undankbar. Ganz einfach.
demiurg666 22.10.2017
4. super Kommentar
Also, wenn man die Missstände nicht benennt dann gehen sie von alleine weg. Tolle Idee, da hat sich das Studium aber gelohnt, wenn man so tolle Lehren aus der Tasche ziehen kann.
swedish72 22.10.2017
5. Danke!
... für diesen Artikel und das sage ich als Berliner -traditionell nicht die ersten Sachsen-Verbündeten! Es ist manchmal schon beschämend wie hier immer wieder Leute, die mehrheitlich nie einen Fuß in das schöne Land Sachsen gesetzt haben und aus schmucken Büros in hippen Gegenden schreiben, sich anmaßen über alle dort Lebenden zu urteilen. Dem Mainstream folgen und immer noch eins draufsetzen weil es ja Spaß macht einen gefunden zu haben auf den man schlagen kann und dafür sich des Beifalls sicher sein kann von denjenigen, die ebenso schlicht gestrickt sind. Daher nochmal.. Danke für diesen Artikel!
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