Sachsens neuer Ministerpräsident Man spricht Sorbisch

Souverän, sympathisch, sorbisch - Sachsens CDU sieht in Stanislaw Tillich einen neuen Hoffnungsträger: Der Milbradt-Nachfolger hat reichlich politische Erfahrung. Andererseits fehlt ihm Rückhalt an der Basis - weshalb er seinen bisherigen Konkurrenten Steffen Flath einbinden musste.

Von , Dresden


Dresden - "Sorbische Zeitung", sagt der Kollege am Akkreditierungsstand. Die Presse-Dame hinter der Theke nickt freundlich, der Redakteur bekommt seinen Ausweis und bedankt sich. Später ist er viel gefragt - wie war das noch, was hat der neue Ministerpräsident am Ende seiner Vereidigung im Landtag gesagt, wollen die versammelten Journalisten von ihm wissen? "Z Božej pomocu" schreibt er also in die Notizblöcke und übersetzt dazu: "Mit Gottes Hilfe".

Ministerpräsident Tillich: Vereidigung mit Gottes Segen
DDP

Ministerpräsident Tillich: Vereidigung mit Gottes Segen

Natürlich hat Stanislaw Tillich, wie es sich für einen Politiker der Christdemokraten gehört - in diesem Fall zudem einen gläubigen Katholiken -, seine Vereidigung mit Gottes Segen beendet. Aber er hat es dann wiederholt, mit seiner tiefen, sonoren Stimme - auf Sorbisch.

Tillich, 49, ist seit diesem Mittwoch nicht nur der erste sächsische Ministerpräsident des Freistaats, nach den West-Importen Kurt Biedenkopf und Georg Milbradt. Mit dem CDU-Politiker übernimmt auch zum ersten Mal ein Vertreter der sorbischen Minderheit, die neben dem östlichen Sachsen auch in Brandenburg zuhause ist, ein wichtiges politisches Amt in Deutschland. Auf der Ehrentribüne sitzt eine Frau in Tracht aus Tillichs Wohnort Panschwitz-Kuckau (Pancicy-Kukow auf Sorbisch), später, in der Lobby, werden ihm einige ähnlich herausgeputzte Nachbarskinder zum neuen Amt gratulieren.

Es sind viele Hoffnungen, die auf Tillich ruhen.

Die Sorben hoffen, dass er ihre Interessen lautstark und effektiv vertreten wird. In der CDU hofft man, nach den Pleiten der vergangenen Monate, vor allem wegen des Niedergangs der Landesbank, auf einen Schub für die anstehende Kommunal- und die Landtagswahl im kommenden Jahr. Und selbst die Opposition im sächsischen Landtag setzt Hoffnungen auf den Neuen: "Mehr Respekt für das Parlament" wünscht sich Grünen-Fraktionschefin Antje Hermenau, "einen faireren Umgang" der Vorsitzende der Linken im Landtag, André Hahn.

Kann er all das schaffen? Leise Zweifel gibt es bei den denen, die ihn seit langem beobachten. "Er muss jetzt zeigen, dass er nicht nur nett sein kann", sagt ein sorbischer Journalist, der Tillich schon als Kind kannte. "Er muss Härte zeigen."

Die Kanzler lässt Milbradt danken - für seine Hartnäckigkeit

Denn wenn man seinem vielgescholtenen Vorgänger eines nicht vorwerfen konnte, dann war es mangelnde Härte. So schlecht Georg Milbradt seine Ideen kommunizieren konnte, so gut vermochte er sie durchzusetzen. Gegen die Landespartei, gegen den Koalitionspartner SPD, zur Not auch gegen die Kanzlerin. Zur Strafe - jedenfalls hatten den Eindruck nicht wenige - schickte Angela Merkel am Abend zuvor Generalsekretär Ronald Pofalla zur Verabschiedung Milbradts in die Staatskanzlei. Dessen genäselte Würdigung für den scheidenden Regierungschef: Er wolle sich für die "Hartnäckigkeit Milbradts bedanken".

Dennoch wurde es später eine schöne Feier. Am Ende schien der Westfale Milbradt, oft so schroff im Ton, sogar ein bisschen gerührt, als die Bergmannsmusikanten aus Freiberg im Fackelschein vor der Staatskanzlei das Steiger-Lied anstimmten und die Elbe friedlich dahin floss.

Die Lage in der sächsischen CDU - in der Koalition noch weniger - ist dagegen alles andere als friedlich. Zwar ist man froh, den Übergang von Milbradt zu Tillich so positiv dargestellt zu haben, dass selbst der gerne ketzerische Ex-Innenminister Heinz Eggert von einem "beispiellosen Machtwechsel" spricht. Aber mehr als eine schöne Hülle ist die neue Machtformation mit Tillich - seit dem Wochenende auch Milbradts Nachfolger als sächsischer CDU-Chef Chef - an der Spitze bisher nicht. Kultusminister Steffen Flath, noch vor Monaten ein viel wahrscheinlicherer Ministerpräsidentenerbe, wird nun CDU-Fraktionschef im Landtag. Ein kluger Schachzug Tillichs heißt es zwar, weil er dadurch Flath einbinde - aber gleichzeitig gibt er dem Erzgebirgler dadurch eine große Machtbasis.

Zudem gibt es wegen der Verwaltungsreform einiges Rumoren in manchen Kreisverbänden der sächsischen CDU, andere fühlen sich in Dresden unterrepräsentiert. Tillich will mit einer kleinen Kabinettsumbildung reagieren. "Zu viel kann er aber auch nicht verändern", sagt ein Insider. Und dann gibt es da ja auch noch die stille Reserve in Berlin, den Kanzleramtschef und Merkel-Vertrauten Thomas de Maizière. Der ist zwar kein gebürtiger Sachse - galt aber neben Flath lange Zeit als ernsthafter Milbradt-Nachfolger.

Sorbisch spricht Tillich, außerdem Polnisch und Tschechisch

"Nach dem Spiel ist vor dem Spiel", sagte Regierungssprecher Peter Zimmermann, als Milbradt nach dem Staatskanzlei-Abend samt Gattin mit der Amts-Limousine verschwunden war. "Einen Spitzenspieler, keinen Schwalbenstar", hatte Milbradt den Nachfolger in seiner Abschiedsrede genannt. "Ich war früher Libero", sagt Tillich zu dieser Fußballanalogie und lacht.

Immerhin bringt er genügend politische Erfahrungen für den sächsischen Premium-Politikerposten mit. Europa-Abgeordneter, Europaminister, Staatskanzleichef, dann Umwelt- und schließlich Finanzminister. "Er kann sich schnell einarbeiten und ist sehr fleißig", hört man über Tillich. Und weil er neben Sorbisch auch fließend Polnisch und Tschechisch spricht, sei der neue Ministerpräsident für die Kommunikation nach Osten ebenfalls bestens gerüstet.

Sogar SPD-Mann Karl Nolle, der mit seiner Hartnäckigkeit in der Landesbank-Affäre wohl keinen geringen Anteil am Abgang Milbradts hatte, gibt Tillich einen Vertrauensvorschuss: "Ich hoffe, dass er aus Milbradts Fehlern gelernt hat", sagt der Landtagsabgeordnete. Und: "Der Übergang zeigt, dass die sächsische Demokratie lernfähig ist."

Allerdings hat die sächsische Demokratie auch unter dem neuen Ministerpräsidenten weiter darunter zu leiden, dass sie eine Fraktion der NPD im Landtags tolerieren muss. Tillichs Wahl bietet den Rechtsextremen sogar die Gelegenheit, wieder einmal für Verwirrung zu sorgen: Der NPD-Kandidat für das Ministerpräsidentenamt erhält elf Stimmen - dabei verfügt die Fraktion nur noch über acht Abgeordnete. Vier ehemalige Fraktionsmitglieder sitzen allerdings noch hinter den Reihen ihrer Ex-Kollegen. Von wem also kamen die drei zusätzlichen Stimmen? Und warum erhielt der neue Regierungschef eine Stimme weniger als die Mehrheit von CDU und SPD? "In der CDU gibt es den einen oder anderen Frustrierten", sagt ein kundiger sächsischer Journalist, "denen ist alles zuzutrauen."

In jedem Fall also eine Menge Arbeit für Stanislaw Tillich. Und nur-nett wird dafür genauso wenig genügen, wie sorbisch-sächsisch zu sein.



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