Linke nach Wagenknecht-Rückzug Unter Schock

Jahrelang hatten sich Sahra Wagenknecht und ihre Gegner bekriegt, jetzt gibt die Fraktionschefin auf. Unter ihren Kontrahenten kommt aber keine Freude auf.

Sahra Wagenknecht
DPA

Sahra Wagenknecht

Von und


Der Saal ist zum Bersten voll. Rote Herzchen sind auf die Fahnen gedruckt, darüber die Aufschrift "linke Sammlungsbewegung". Es ist der erste öffentliche Auftritt von Sahra Wagenknecht nach ihrem angekündigten Rückzug aus der Spitzenpolitik.

Wagenknecht erscheint im blauen Kostüm mit glitzernden Ohrringen. Fünf Diskutanten sitzen am Donnerstagabend auf der Bühne in der Hamburger "Fabrik", doch Wagenknecht dominiert die Runde. Sie spricht über Miethaie, fehlende Solidarität und die zerstörerische Kraft des Kapitalismus. Das Publikum applaudiert begeistert.

Eigentlich ist alles wie immer.

"Sie holt doch nur mal Luft", sagt eine ältere Dame. "Sie nimmt Anlauf", verbessert ihr Ehemann. "Jeder braucht mal eine Pause", sagt eine andere Frau. "Ich habe das nicht so wahrgenommen, dass sie sich zurückzieht." Als habe es die Ereignisse der vergangenen Tage gar nicht gegeben.

"Ich war ziemlich ausgebrannt"

Jahrelang war Sahra Wagenknecht in der Linkspartei stets beides: Superstar für die einen, Störfaktor für die anderen. Der Machtkampf zwischen der Fraktionschefin und der Parteispitze um Katja Kipping und Bernd Riexinger lähmte die Partei. Als Wagenknecht mit migrationspolitischen Alleingängen oder ihrer Sammlungsbewegung "Aufstehen" provozierte, trieb das ihre Kritiker stets zur Weißglut. Zuletzt gab es sogar Überlegungen, Wagenknecht aus dem Amt zu putschen.

Jetzt will sie selbst hinschmeißen. Sie werde, so hatte es Wagenknecht am Montag gesagt, nicht mehr für den Fraktionsvorstand kandidieren. Aus gesundheitlichen Gründen - zwei Monate musste Wagenknecht zuletzt aussetzen.

"Ich war ziemlich ausgebrannt" sagte sie dem SPIEGEL. Stress und Überlastung hätten sie krank gemacht. Es ist klar, dass sie damit auch den ständigen Ärger in der eigenen Partei meint. Wagenknecht spricht von negativem Stress: "Unterstellungen, Lügen, Häme."

Fotostrecke

7  Bilder
Rückzug von Sahra Wagenknecht: Zurück bleibt eine gespaltene Partei

Mit ihrer Rückzugsankündigung hat Wagenknecht auch ihre eigenen Anhänger kalt erwischt. Noch am Montagabend trafen sich etwa 30 Mitstreiter in Berlin zur Krisensitzung. Viele seien geschockt gewesen, berichten Teilnehmer. "Das hat schon reingehauen", sagt einer.

Für die Parteilinken ist der Abschied ihrer berühmten Anführerin eine Katastrophe. Zumal auch deren prominente Stellvertreterin Sevim Dagdelen nicht mehr weitermachen will. "Das Lager ist definitiv geschwächt", sagt eine Genossin, die Wagenknecht politisch nahesteht.

Parteiflügel sind zersplittert

Einst war der linke Flügel eine Macht - damals, als die Partei noch klar zwischen radikaleren Linken und pragmatischen Reformern aufgeteilt war. Doch die beiden alten Pole der Partei sind längst zersplittert. Ein Teil der Parteilinken sagte sich von Wagenknecht aus Protest gegen deren Kurs los und unterstützt seither Parteichefin Kipping. Die Verbliebenen kämpfen nun gegen den weiteren Zerfall.

Öffentlich schlagen jetzt einige Wagenknecht-Fans wütend um sich. Der Bundestagsabgeordnete Alexander Ullrich griff die Parteispitze an. Wagenknecht sei "mit Dauermobbing und Intrigen zur Aufgabe gezwungen worden", schimpfte er. In einem offenen Brief flehten wiederum etwa 30 "Systemkritiker*innen" ihr Idol an: "Lass es bitte nicht dein letztes Wort sein!" Und: "Mach weiter!"

Es könnte die Stunde von Wagenknechts Gegnern sein. Doch von Freude kann auch hier keine Rede sein. Auch die Kritiker der Fraktionschefin traf deren Schritt völlig unvorbereitet. Als diese am Sonntag zunächst ihren Ausstieg aus der "Aufstehen"-Spitze erklärte, ging man im Umfeld von Kipping noch davon aus, die politisch geschwächte Wagenknecht versuche lediglich, ihren Posten an der Fraktionsspitze zu retten.

Als klar war, was Wagenknecht wirklich im Sinn hat, meldete sich Kipping öffentlich nur einmal kurz auf Twitter zu Wort. Ansonsten schwieg sie zu dem Thema.

Auch für jene, die sich mit Wagenknecht stets bekriegt haben, ist ihr Abgang eine Gefahr. Die Parteispitze muss sich des Vorwurfs erwehren, sie habe die vor allem an der Basis beliebte Wagenknecht aus dem Amt geekelt - und das ausgerechnet in einem Jahr, in dem die Linke vor wichtigen Wahlen steht. Gerade im Osten.

Mit einem Mal buhlen nun auch wieder solche Genossen um Wagenknecht, die in der Vergangenheit nicht gerade zu ihren besten Freunden gehörten. Er gehe davon aus, dass sie als Fraktionschefin "auch in die Wahlkämpfe im Osten eingreifen könne", sagte der sächsische Landeschef Rico Gebhardt. Auch der Bundestagsabgeordnete Thomas Lutze meldete sich zu Wort, ein Reformer, den mit Wagenknechts Ehemann Oskar Lafontaine seit Jahren eine innige Feindschaft verbindet. "Für eine linke Partei war der Umgang mit Sahra Wagenknecht ein unwürdiges Schauspiel", teilte Lutze mit.

Wagenknecht habe mit ihren Querschüssen der Partei geschadet, davon sind viele Linke überzeugt. Zugleich fürchten die Genossen, ohne sie könnte die Partei Wählerstimmen verlieren.

Wer führt künftig die Fraktion?

Viel hängt nun von der Frage ab, wie sich die Linksfraktion künftig aufstellt. Offiziell soll der neue Vorstand im Herbst gewählt werden. Die klassischen Reformer und die geschwächten Wagenknecht-Linken favorisieren diese Lösung: Dietmar Bartsch, bislang Ko-Fraktionschef, soll alleine weitermachen. Zu ihm habe man zumindest Vertrauen, heißt es aus Wagenknechts Umfeld.

Denkbar wäre auch, dass Bartsch eine Art Juniorpartnerin - es sollte eine linke Frau aus dem Westen sein - an seine Seite holen will. Doch die Hürde ist hoch, schließlich tritt man in die Fußstapfen der bekanntesten Politikerin der Linken.

Besonders schwierig ist die Lage nun für Wagenknecht-Kontrahentin Kipping, der - zumindest von ihren Kritikern - immer wieder eigene Ambitionen auf den Fraktionsvorsitz nachgesagt wurden. Kipping hat dies stets bestritten. Doch so oder so: In der derzeitigen Lage könnte sie kaum auf eine Mehrheit hoffen.

Möglich wäre deshalb, dass die Parteispitze auf eine andere Kandidatin setzt. In Fraktionskreisen fällt nun öfter der Name Nicola Gohlke. Die Abgeordnete aus Bayern, die dem trotzkistischen Netzwerk Marx21 nahesteht, ist allerdings ebenfalls umstritten.

Zumindest so viel ist klar: Mit ihrer Entscheidung zum Rückzug hat Wagenknecht wieder einmal maximalen Aufruhr erzeugt. So gesehen war ihr Schritt auch vollkommen typisch.



Sie wollen die Sonntagsfrage für den Bund beantworten? Stimmen Sie hier ab:


Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Sie dienen allein dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden.

Wer steckt hinter Civey? An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Das Start-up arbeitet mit unterschiedlichen Partnern zusammen, darunter sind neben SPIEGEL ONLINE auch der "Tagesspiegel", "Cicero", der "Freitag" und Change.org. Civey wird durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.



insgesamt 51 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vox veritas 15.03.2019
1. Traurig
"Mit einem Mal buhlen nun auch wieder solche Genossen um Wagenknecht, die in der Vergangenheit nicht gerade zu ihren besten Freunden gehörten." Opportunisten wohin man sieht und keine Partei is davon ausgenommen.
heinrich.busch 15.03.2019
2. Ohne sara
wird es nichts mehr Frau Kipping und Herr Rixinger. Schade ich habe sie und den Gysi gemocht, auch inhaltlich.
brathbrandt 15.03.2019
3. Hoffentlich sind Wagenknechts Gegner so ehrlich, ...
und gestehen sich ein, dass die Hälfte der Linke-Wähler, die Partei wegen Gysi und Wagenknecht wählte. Ohne diese Fraktion wird man wieder nahe an der 5%-Hürde sein. - Gescheitert ist Frau Wagenknecht an der Unmöglichkeit der dogmatischen Linken verständlich zu machen, dass Massenmigration begrenzt werden muss. Eigentlich eine Trivialität. Die Unmöglichkeit dieses Unterfangens muss ganz Europa beunruhigen: Es gibt bei uns Menschen, die ein permanentes 2015 wünschen. - Die große Frage ist nun, auf welche Weise Frau Wagenknecht wieder in der Politik auftauchen wird. Sie wird es, sie kann nicht ohne. Wie ihr Mann. Linke und SPD sind aus dem Rennen, um das Glück, diese scharf denkende junge Frau in den eigenen Reihen haben zu dürfen. Eine ideale Partnerin wäre Frauke Petri gewesen, aber die ist im Moment ebenfalls abwesend.
KURT E.Schewe 15.03.2019
4. so geht Politik
gesunder Menschenverstand ist nicht gefragt, ist suspekt und sicher auch rechts - schade. Ich wünsche Frau Wagenknecht baldige Gesundung bzw mal einen richtigen Urlaub
grünbeck,harald 15.03.2019
5. Wagenknecht kommt zurück
Wagenknecht kommt zurück, dafür geht Kipping und Co. Nur mit Wagenknecht überlebt die Linke und deswegen wünsche ich ihr alles Gute und eine erfolgreiche "Auferstehung". Ich finde es beschämend, daß Kipping und Co. mit Ihren Mopping gegen Wagenknecht noch Zustimmung in der Linken hat. Nur eine klare Einstellung, wie sie Wagenknecht vertritt, bringt die Linke voran. Ich hoffe das die Wähler zur Stange halten, aber auch ein Aufräumen in der Führungsspitze fordern. Nur mit den Niveau einer FRau Wagenknecht hat die Linke eine Überlebenschancs.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.