Linke Sammlungsbewegung Wagenknecht zieht sich aus Spitze bei "Aufstehen" zurück

Vor knapp einem halben Jahr stellte Sahra Wagenknecht ihre "Aufstehen"-Bewegung vor. Zuletzt wurde es ruhig um das linke Projekt - für Schlagzeilen sorgt nun ausgerechnet die Initiatorin selbst.

Sahra Wagenknecht
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Sahra Wagenknecht


Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht will sich einem Medienbericht zufolge aus der Führung der von ihr initiierten linken Sammlungsbewegung "Aufstehen" zurückziehen. "Wir brauchen eine Neuaufstellung an der Spitze von 'Aufstehen'", sagte Wagenknecht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS).

"Die Parteipolitiker sollten sich zurücknehmen, das betrifft auch mich selbst. Sie waren mit ihren Erfahrungen anfangs notwendig. Aber jetzt ist es richtig, Verantwortung abzugeben." Die Bewegung könne "besser leben, wenn sie denen übergeben wird, die sie an der Basis ohnehin tragen", sagte Wagenknecht.

Wagenknecht hatte das Projekt mit ihrem Mann Oskar Lafontaine Anfang September initiiert. Es gebe eine "handfeste Krise der Demokratie", sagt Wagenknecht im vergangenen Herbst bei der Vorstellung. Wenn jetzt nicht gegengesteuert werde, "wird dieses Land in fünf bis zehn Jahren nicht wiederzuerkennen sein".

"Aufstehen" , so erklärte es die Linken-Fraktionschefin im vergangenen Herbst, verstehe ich dabei nicht als neue Partei, sondern als Bündnis, das neue Mehrheiten in Deutschland erreichen will. "Ich möchte nicht auf Dauer Oppositionspolitik machen", sagte Wagenknecht damals. Das mittelfristige Ziel: Weichen stellen für eine linksgerichtete Bundesregierung.

Stress als ein Grund für Rückzug

Wagenknecht sagte nun der FAS, sie werde die Bewegung weiter unterstützen, etwa durch öffentliche Auftritte. "Aber ich muss auch sehen, welches Arbeitspensum ich schaffe. Dass ich jetzt zwei Monate krankheitsbedingt ausgefallen bin, hatte auch mit dem extremen Stress der letzten Jahre zu tun. Da muss ich eine neue Balance finden."

Die Linken-Fraktionschefin gestand auch Fehleinschätzungen ein. "Die Parteien, die wir ansprechen wollten, haben sich eingemauert", sagte sie. Für viele ihrer Forderungen habe es keine Mehrheiten im Bundestag gegeben - aus dieser Sackgasse habe sie mit der Sammlungsbewegung herauskommen wollen. "Aber die Parteiführungen von SPD und Linker fühlen sich in der Sackgasse offenkundig so wohl, dass sie die Chance, die "Aufstehen" mit seiner großen Resonanz bedeutet hat, ausgeschlagen haben."

Oskar Lafontaine
Oliver Dietze/ SPIEGEL ONLINE

Oskar Lafontaine

Wagenknecht und ihre Mitstreiter feierten anfänglich die Zahl der Anmeldungen auf ihrer Webseite. Vier Wochen nach ihrer Gründung hatte die Bewegung bereits etwa 100.000 Unterstützer gemeldet. Anders als bei politischen Parteien muss man dafür keinen Mitgliedsbeitrag zahlen und kann sich einfach im Internet anmelden. 170.000 sollen es inzwischen sein. Doch zuletzt wurde es zunehmend ruhiger um "Aufstehen".

Die Linke wusste ebenfalls nicht so recht, wie sie mit der politischen Initiative umgehen sollte, die von einer Spitzenkraft aus den eigenen Reihen ins Leben gerufen wurde. Die Parteiführung distanzierte sich schließlich deutlich von der Sammlungsbewegung. "Die Initiative 'Aufstehen' ist kein Projekt der Partei Die Linke, sondern ein Projekt von Sahra Wagenknecht, Oskar Lafontaine und weiteren Einzelpersonen", heißt es in einem Beschluss des Parteivorstands. Neben der eigenen Partei reagierten auch die Spitzen von SPD und Grünen skeptisch auf die Bewegung.



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mho/dpa



insgesamt 71 Beiträge
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nanonaut 09.03.2019
1. Hinsetzen
Wer glaubte, dass 170 tsd. unverbindliche E-Mail-Anmeldungen politisch irgendeine Bedeutung haben, ist jetzt vielleicht enttäuscht. Wenn "Aufstehen" sich jetzt wieder lautlos setzt, entsteht absolut kein Schaden. Außer vielleicht am Ego von S. Wagenknecht.
HeikoTheHemd 09.03.2019
2. Schön dass sie weg ist,
dann können ja die Medien mit dem restlichem Fussvolk das gleiche machen wie einst bei der Pegida und sie zu abgehängten braunen rechtspopulisten erklären wenn sie es wagen sollten gegen die Regierung auf die Strasse zu gehen
interessierter Laie 09.03.2019
3. Ist das geil...
da zettelt sie unter der Bezeichnung Sammelbewegung in der eigenen Partei eine Spaltung an, sucht Unterstützung für die Spaltung von zwei weiteren Parteien und als das nicht klappt macht sie den Farage. Der hat es aber wenigstens geschafft UK zu spalten...
h.hass 09.03.2019
4.
Es war doch von Anfang an klar, dass "Aufstehen" ein reiner Ego-Trip von Wagenknecht war, die sich ihre eigene Partei zusammenschustern wollte, bei der sie die unangefochtene Chefin ist. Mittlerweile ist klar, dass das nicht geklappt hat. Vermutlich bewegt sich die Zahl der aktiven Unterstützer im drei- oder vierstelligen Bereich. Im öffentlichen politischen Diskurs spielte und spielt "Aufstehen" keine Rolle. Für eine Selbstdarstellerin wie Wagenknecht bietet ein derart sektiererisches Projekt keine Grundlage, um sich medial profilieren zu können. Kein Wunder, dass sie sich jetzt wieder absetzt. "Aufstehen" ist damit endgültig tot. Bei Den Linken dürfte sie sich mit ihrem Ego-Trip und ihrer Illoyalität dauerhaft entscheidende Sympathien verscherzt haben, auch bei einstigen Unterstützern. Da dürfte demnächst die spektakuläre Gründung der SWP (Sarah Wagenkecht Partei) anstehen.
Henk-van-Dijk 09.03.2019
5. Mit Ansage!
So eine gesellschaftliche Bewegung von unten muss auch nativ "von unten" kommen, beruhend auf einer breiten Basis, die tatsächlich getrieben ist vom Willen zu Veränderung oder politischer Mitgestaltung. Letztlich war das ganze nur künstlich produziert von Wagenknecht & Co. 170.000 Unterstützer, die sich irgendwann mal per Kontaktformular angemeldet haben, sind sicher keine stabile Grundlage.
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