Linkspartei-Politikerin: Was will Wagenknecht?

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Für den Chefposten der kriselnden Linken stehen bereits mehrere Kandidaten fest - aber die Aufmerksamkeit richtet sich in der Partei auf eine Frau, die sich bedeckt hält: Sahra Wagenknecht. Sie könnte auf dem Parteitag Anfang Juni für eine Überraschung sorgen.

Sahra Wagenknecht: Die linke Linke Fotos
dapd

Hamburg - Auf ihrer Terminliste im Internet steht derzeit lediglich ein Datum: "2.6., 10 Uhr, Göttingen - Parteitag der Linken". Sahra Wagenknecht wird wieder eine der Delegierten sein, die am häufigsten von den TV-Kameras eingefangen werden wird. Das war bereits bei den vergangenen Treffen so - und dieses Mal gilt das wohl umso mehr.

Eine Ikone und Hoffnungsträgerin des Linksaußen-Flügels ist sie schon lange, eines der bekanntesten Gesichter der Partei sowieso. Aber dieses Mal kommt noch etwas hinzu: Wagenknecht ist die Lebensgefährtin des Mannes, der zuletzt nach wochenlangem Gezerre seine Pläne für den Chefposten in der kriselnden Linken aufgegeben hat. Er ziehe sein Angebot zurück, um einen "Neuanfang zu ermöglichen", hatte Oskar Lafontaine am Dienstag erklärt. In der Partei wird jetzt gerätselt, ob Lafontaine an die 42-jährige Jenaerin dachte, als er vom Neuanfang sprach.

Wagenknecht ist ein Profi: Auf Fragen zu ihren Ambitionen für den Chefposten gibt es kein Ja und kein Nein. "Wir brauchen Menschen an der Spitze, die angriffslustig, pointiert und mit Biss unsere Positionen vertreten", hatte sie zuletzt im SPIEGEL-ONLINE-Interview gesagt. Klar, dass sie diese Kriterien erfüllen würde - besser als manch anderer in der Linken. Sie ist mehrfache Buchautorin, gefragter Talkshow-Gast, ihre Positionen vertritt sie selbstbewusst.

In der Linken gilt als ausgemacht, dass sich die stellvertretende Partei- und Fraktionsvorsitzende nicht um den Chefposten reißt. Viel lieber würde sie wohl weiter in der Fraktion aufsteigen. Und dennoch gibt es den Ruf mehrerer Parteifreunde. Parteivize Heinz Bierbaum sprach sich zuletzt für eine "zentrale Rolle von Sahra Wagenknecht in der künftigen Parteiführung" aus. Noch deutlicher wurde der amtierende Linken-Chef Klaus Ernst: "Sie hat Ausstrahlung weit über die Partei hinaus. Ich halte sie für besonders geeignet als Vorsitzende", sagte Ernst der "Süddeutschen Zeitung".

Wagenknecht lässt sich nicht in die Karten schauen

"Ich hoffe, dass diese Variante nicht notwendig sein wird, und wir trotzdem eine gute Lösung finden", sagt Sahra Wagenknecht dazu. Sie lässt sich nicht in ihre Karten schauen.

Als "gute Lösung", das dürfte klar sein, wird Wagenknecht nicht unbedingt die Doppelspitze verstehen, die sich jetzt zur Wahl stellen will: Am Mittwoch hatten Parteivize Katja Kipping und NRW-Landeschefin Katharina Schwabedissen ihre Kandidatur angekündigt. Die 34-jährige Kipping wirbt für ein bedingungsloses Grundeinkommen und stößt damit vor allem beim Gewerkschaftsflügel auf Widerstand - die Gewerkschafter in der Linken wiederum sind stark mit dem Lafontaine-Lager verbunden, und damit auch mit Wagenknecht.

Noch weniger allerdings ist Wagenknecht an einer anderen Variante gelegen: am Aufstieg von Dietmar Bartsch zum neuen Chef der Linken. Der 54-jährige Stralsunder, der zehn Jahre lang als Bundesgeschäftsführer für die PDS und die Linke arbeitete, ist neben Lafontaine die zweite Schlüsselfigur im zähen Machtkampf. 2010 hatte sich Bartsch, der für eine Öffnung seiner Partei zur SPD wirbt, von seinem Posten zurückgezogen. Der Vorwurf gegen ihn: Illoyalität gegenüber dem damaligen Parteichef Lafontaine. Dieser hatte zuletzt eine klare Bedingung für seine mögliche Rückkehr auf den Chefposten: Lafontaine forderte den Rückzug der Kandidatur von Bartsch, die dieser bereits im vergangenen November erklärt hatte.

Kühle Antwort auf Bartschs Angebot

Bartsch widersetzte sich - und will in Göttingen antreten. Der Mann aus Mecklenburg-Vorpommern wäre sogar zu einer gemeinsamen Kandidatur mit Wagenknecht bereit gewesen. "Wir haben in vielen Fragen Übereinstimmungen, auch wenn es in anderen Punkten Differenzen gibt", sagte er in einem Interview.

Wagenknecht reagierte äußerst kühl: "Ich bin immer beeindruckt über das Selbstbewusstsein von so manchen", sagte sie.

Die beiden verbindet eine lange Geschichte in der PDS. Schon dort waren die beiden eher Gegner als Partner: Als langjährige Wortführerin der Kommunistischen Plattform, eines parteiinternen Zusammenschlusses fundamentalistischer Linker, galt Wagenknecht lange Zeit auch bei Bartsch als unangenehme Querdenkerin.

Aber Wagenknecht hat eine bemerkenswerte Wandlung vollzogen: Ihre Mitgliedschaft in der Kommunistischen Plattform ruht, seitdem sie 2010 zur stellvertretenden Parteichefin aufstieg, in der Partei steht sie längst nicht mehr am Rand. Vom Europaparlament gelang ihr der Wechsel in den Bundestag, dort avancierte sie zur wirtschaftspolitischen Sprecherin ihrer Fraktion, wenn sie sich äußert, hat das Gewicht in der Linken.

Genau wie Lafontaine wirbt Wagenknecht für einen scharfen Kurs der Linken gegen die SPD. Man dürfe die Linke "nicht denen überlassen, die aus ihr eine Light-Version machen wollen", sagte sie zuletzt. Auch dies war eine Spitze gegen Bartsch. Und eine klare Botschaft: Der soll es nicht werden.

Lafontaine, Wagenknecht und ihre Unterstützer werden beobachten, wie sich die Kräfte in der Linken in den nächsten Tagen formieren. Zeit für eine Reaktion bleibt bis zum 2. Juni, auch die Stimmung auf dem Parteitag kann den Ausschlag geben. Wie SPIEGEL ONLINE aus dem Umfeld Lafontaines erfuhr, ist selbst eine spontane Kandidatur Wagenknechts denkbar. Wenn Wagenknecht spüre, dass die Partei sie unbedingt an der Spitze wolle, könnte sie zu diesem Schritt bereit sein, heißt es: "Ein Mannheim bei der Linken ist nicht ausgeschlossen - dieses Mal mit anderen Akteuren." Es ist eine Anspielung auf den SPD-Parteitag von 1995. Damals hielt Lafontaine eine begeisternde Rede und stürzte mit einer Kampfkandidatur SPD-Chef Rudolf Scharping. Göttingen könnte also zu einem großen Auftritt Wagenknechts werden.

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1. Na was wohl, ...
E_SE 24.05.2012
... Sie möchte den Oskar für die Rolle als beste Trojanerin der Linken Parteiführung.
2. Was Wagenknecht will?
reznikoff2 24.05.2012
Zitat von sysopdapdFür den Chefposten der kriselnden Linken stehen bereits mehrere Kandidaten fest - aber die Aufmerksamkeit richtet sich in der Partei auf eine Frau, die sich bedeckt hält: Sahra Wagenknecht. Sie könnte auf dem Parteitag Anfang Juni für eine Überraschung sorgen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,834939,00.html
Sie sagen es ja selbst: Aufmerksamkeit. Wie jede Frau.
3. Diese Frau Wagenknecht ...
santaponsa 24.05.2012
... ist wirklich clever! ... wenn, ja wenn sie CDU-Mitglied wäre, würde ich ihr - nach Merkel - sogar die Kanzlerschaft zutrauen!
4. Irgendwie total egal
gldek 24.05.2012
Vollkommen überflüssig eine demnächst 3 % - Partei so in den Mittelpunkt zu stellen.
5. Sahra
Woody.Woodpecker 24.05.2012
Lasst sie doch einfach mal machen: Schlimmer als die Parteivorsitzendenvorschläge von gestern kann eine Sahra Wagenknecht nicht sein.
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