Islamismus in Deutschland Salafisten werben im Web um Konvertiten

Die Salafisten in Deutschland verzeichnen wachsenden Zulauf, Sicherheitsbehörden sind alarmiert. Bei der Anhänger-Werbung setzen die Islamisten vor allem auf das Internet. Viele Videos wirken zwar unfreiwillig komisch - doch Experten warnen davor, die Gefahr zu unterschätzen.

Konvertit Hans (rechts) in Werbevideo: Propagandisten jetzt auch auf Deutsch

Konvertit Hans (rechts) in Werbevideo: Propagandisten jetzt auch auf Deutsch

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Hans ist 80 Jahre alt, Rheinländer und seit April Muslim. Warum er zum Islam übergetreten ist? "Das hat sich so ergeben", sagt Hans lakonisch im Singsang-Dialekt seiner Heimat. Hans ist die Hauptfigur eines der unzähligen Videos, mit denen Salafisten im Internet für ihre Sache werben.

Pierre Vogel, einer der bekanntesten Anführer dieser fundamentalistischen Bewegung in Deutschland, hat das Video auf seine Webseite gestellt. 15 Minuten lang soll Hans im Interview mit einem Salafisten Auskunft über seinen Weg zum Islam geben. Konkret sieht das so aus, dass der Fragende Suggestivfrage an Suggestivfrage reiht, die Hans meist nur mit einem kurzen "Ja" beantwortet. Dazwischen spricht Hans das islamische Glaubensbekenntnis, das dem alten Mann nur zögerlich über die Lippen geht.

Quintessenz des Gesprächs: Bei Hans im Haus lebt seit mehreren Jahren eine muslimische Familie, deren Oberhaupt Timor ihn schließlich vom Übertritt überzeugt habe. "Das war eine Überraschung auf Gegenseitigkeit", erzählt Hans, "man hatte sich kennengelernt, und ich kann nur Positives über die Leute sagen."

Kevin der "super held"

Glaubt man den Salafisten, dann hat Hans großes Glück gehabt. Denn ihrer Ansicht nach kann nur der Übertritt zum Islam ihn und alle anderen Menschen im Diesseits vor dem Weg ins Verderben retten, und ihnen im Jenseits einen Platz im Paradies sichern.

Um möglichst viele Menschen vor der ewigen Verdammnis zu bewahren, wollen die Salafisten die "Kuffar", wie sie die "Ungläubigen" nach einem Ausdruck aus dem Koran nennen, zu ihrer Auslegung des Islams bekehren. Wichtiger Teil ihrer Strategie sind Menschen wie Hans, die in Videos ihren Übertritt zur "einzig wahren Religion" erklären. Hunderte dieser kurzen Filme haben salafistische Aktivisten in den vergangenen Jahren ins Netz gestellt.

Darunter ist auch ein Video über den taubstummen Kevin, der schriftlich seinen Übertritt erklärt und dazu schreibt: "ich fühle mich so berfreit als ob ich ein super held wäre".

Doch dabei belassen es die Salafisten nicht: In Predigten und Lehrvideos machen ihre Führungsfiguren andere Glaubensrichtungen und Religionen verächtlich. Auf der Seite der Frankfurter Salafistengruppe "Dawa FFM" doziert der Prediger Abdellatif Rouali in der Rubrik "Sekten" über den Irrglauben, dem schiitische Muslime, Angehörige der Ahmadiyya-Gemeinschaft und Christen angeblich folgen.

In langatmigen Vorträgen will der Marokkaner die anderen Religionen widerlegen. Bei seiner Predigt gegen das Christentum nimmt er Anleihen bei Hans Küng ("Wie kann ein Papst unfehlbar sein?"), anti-christlichen Polemikern ("Wie kann Gott ein Kind kriegen?") und anti-semitischen Hetzern ("Die Juden haben die Christen richtig kaputt gemacht.").

Über das Internet erreichen diese Botschaften Tausende potentielle Anhänger. Sie verbreiten ihre Hetze auf Deutsch und sind daher für den inneren Frieden der Bundesrepublik weitaus gefährlicher als die arabischen Videos, die bis vor wenigen Jahren den Großteil der salafistischen Propaganda ausmachten. Die Sicherheitsbehörden sind angesichts dieser Entwicklung äußerst besorgt. Denn sie droht ein Phänomen zu beschleunigen, das Islamismusexperten mit Sorge beobachten: Junge Muslime, die sich aufgestachelt durch Propagandavideos im Netz, im Schnelldurchlauf radikalisieren und schließlich sogar zur Waffe greifen.

Drastischstes Beispiel hierfür ist bislang der Kosovare Arid Uka, der sich aufgehetzt durch ein Internetvideo, binnen weniger Wochen radikalisierte, sich auf dem Schwarzmarkt eine Pistole besorgte und im Frühjahr 2011 auf dem Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschoss.

Salafisten betrachten sich als Medienopfer

Konkrete Gewaltaufrufe vermeiden die salafistischen Prediger zwar in ihren Internetvideos. Aber die deutsche Regierung müsse auch verstehen, wenn sich die Muslime gegen Provokationen verteidigten, erklären sie. Außerdem: Es lebten doch auch deutsche Staatsbürger unbehelligt in Tunesien und Ägypten. Ob Frau Merkel wirklich wolle, dass denen etwas passiere, fragt etwa ein gewisser Abu Abdullah in einem zornigen Videoauftritt. Es ist jedoch keine echte Besorgnis, die aus seinen Worten spricht, als vielmehr eine kaum verhüllte Drohung.

Am wohlsten fühlen sich die Internet-Salafisten aber in ihrer Opferrolle. Sie stilisieren sich selbst zu Bürgern zweiter Klasse, deren Rechte vom deutschen Staat mit Füßen getreten würden. Abu Adam, ein Islamkonvertit aus dem Umfeld von Pierre Vogel, beklagt sich etwa, dass an den im Grundgesetz verankerten Grundsatz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" der Zusatz angefügt werden müsse: "...außer die Würde der Muslime". Schließlich lasse es der deutsche Staat zu, dass Muslime durch die öffentliche Zurschaustellung der Mohammed-Karikaturen beleidigt und in ihrer Ehre und Würde verletzt würden.

Auch von den Medien fühlen sich die Salafisten verfolgt und verunglimpft. Die deutschen Zeitungen und Fernsehsender zeigten angeblich ein völlig falsches Bild ihrer eigentlich so friedlichen Bewegung und würden die Mehrheitsgesellschaft gegen die Muslime aufhetzen. Selbst vor Drohungen gegen kritische Journalisten machen die Radikalen nicht halt. Der Kölner Salafist Sabri Ben Abda drohte vor wenigen Wochen in einem Video mit dem Titel "Operation Schweinebacke" mehreren Reportern, die kritisch über die kostenlose Koran-Verteilung der Salafisten berichtet hatten. Auch auf den jüngsten Demonstrationen in Nordrhein-Westfalen ging Ben Abda anwesende Journalisten an.

Dabei sind nicht die Medien Schuld am unvorteilhaften Bild der Salafisten. Für ihre Internetauftritte sind die Radikalen schließlich selbst verantwortlich.

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