Muslimin über Salafisten in Deutschland "Herr Augstein, Sie irren"

Ist die Aufregung um die Scharia-Polizei übertrieben? Das sagt Kolumnist Jakob Augstein. Ihm widerspricht die muslimische Journalistin Sounia Siahi: Sie schildert ihre Erfahrungen mit Salafisten - und fürchtet um ihre deutsche Heimat.

Scharia-"Polizei" in Wuppertal: Patrouille auf nächtlichen Straßen
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Scharia-"Polizei" in Wuppertal: Patrouille auf nächtlichen Straßen


In seiner aktuellen Kolumne auf SPIEGEL ONLINE warnt Jakob Augstein vor übertriebener Hysterie ob der Patrouille sogenannter Scharia-Polizisten in Wuppertal. "Je dümmer die Provokation, desto eher fallen wir darauf herein", so sein Urteil. Auf diesen Text hat die marokkanisch-deutsche Journalistin Sounia Siahi mit einer besorgten Zuschrift reagiert. Ihren Beitrag - und Augsteins Replik - dokumentieren wir hier im Wortlaut.


Zur Person
  • Sounia Siahi, 1977 als Tochter marokkanischer Gastarbeiter in Neuss auf die Welt gekommen. Studium der Germanistik und Politikwissenschaften, diverse Praktika und Hospitanzen bei Zeitungen, Radio und Fernsehen. Seit März 2000 als freie Autorin beim ZDF, seit April 2005 zudem beim WDR.
"Hallo Herr Augstein,

ich bewundere Sie als Journalisten sehr. Ob im SPIEGEL, beim Schlagabtausch mit Ihrem Kollegen Nikolaus Blome oder bei anderen Medienauftritten: Überall äußern Sie sich intelligent, reflektiert und sehr menschenfreundlich.

Doch jetzt bin ich wegen Ihrer Kolumne zwiegespalten:

Im weitesten Sinne bin ich Ihre Kollegin: Ich arbeite als freie TV-Journalistin für den WDR und das ZDF. An sich nichts Spektakuläres, wenn man außer Acht lässt, dass ich aus einem sehr strengen muslimischen Haushalt komme. Und mein Leben lang musste ich als muslimische Frau gegen solche, mit Verlaub, Vollidioten ankämpfen.

Es ist schon immer so gewesen, dass ich mich als Marokkanerin in meinem Heimatland anders kleiden und verhalten muss, um nicht angespuckt, angefasst oder vergewaltigt zu werden. In Deutschland trage ich normale europäische Kleidung, aber in Marokko verlasse ich das Haus nicht ohne einen dünnen Sommermantel und oft auch nicht ohne Kopftuch. Je nachdem, wo ich mich gerade aufhalte.

Sie müssen den Code verstehen, nach dem gelebt und der von der Gesellschaft gefordert und erkannt wird. Es ist, als würde sich über die arabische Welt, die Sie als europäischer Mann wahrnehmen, ein Schleier legen oder eine Parallel-Welt öffnen, die nur wir muslimischen Frauen wahrnehmen: Es sind Blicke, Gesichtszüge, Bewegungsabläufe und Zuflüsterungen die Ihnen komplett entgehen. Das führt dazu, dass ich mich unwohl fühle und mich oft nur verkrampft durch die Stadt bewege.

Ich liebe meine Heimat, aber ich kann dort nicht leben, weil ich dort nicht frei bin. Diese Welt akzeptiere ich so, wie sie ist, und lasse sie dort, wo ich nichts dagegen ausrichten kann: in Nordafrika, hinter dem Mittelmeer.

Jetzt aber greifen diese Anmaßungen, Bedrängungen und Nötigungen aus Ländern, die ich meinte, hinter mir gelassen zu haben, in mein wunderbares Deutschland.

Herr Augstein, Sie irren, wenn Sie von ein paar Leuten in Wuppertal sprechen: Diese Jungs sind auch in Düsseldorf angekommen. Genauer gesagt: in Düsseldorf-Oberbilk. Ich persönlich wurde von dreien von Ihnen angesprochen mit den Worten: "Schwester, worauf wartest du? Warum trägst du kein Kopftuch? Du bist doch auch Muslimin. Schämst du dich nicht so herumzulaufen?"

Zu meinem Outfit: Ich trug dunkelblaue Chinos, ein buntes Shirt, darüber einen langärmligen, langen Cardigan und Ballerinas. Außerdem kamen mir die Männer körperlich sehr nah: Ich wurde regelrecht umzingelt. Wissen Sie, was das für eine normale muslimische Frau bedeutet? Es ist in Worte nicht zu fassen: Es bedeutet das fundamentale Angreifen meiner Person. Physisch und psychisch. Denn die Salafisten gehen mit uns arabischen Frauen ganz anders um, als mit einer deutschen Frau.

Natürlich gibt es solche und solche Muslime. Und natürlich darf man nicht alle über einen Kamm scheren. Schließlich bin ich ja selber Muslimin und habe persönlich und beruflich sehr viel mit Muslimen zu tun. Aber vielleicht bin ich damit für diese "Zeichen" einfach anfälliger und sensibler.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich freue mich darüber, dass Sie eine mögliche Hysterie verurteilen. Aber darin steckt auch ein dickes Körnchen Wahrheit.

Ich selbst bin, wie angesprochen, zwiegespalten: Natürlich ist diese Aktion eine bewusste Provokation. Aber wo ziehen Sie die Grenze? Nach den ersten Schlägen oder Steinigungen?

Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen sagen, dass man mit diesen Leuten nicht reden kann. Sind sie erst mal auf dem "einzigen richtigen Pfad zu Allah", können sie nichts mehr tun.

Herr Augstein, ich will mich hier in meinem deutschen Zuhause nicht wie in einem arabischen Land bewegen müssen.

Ich fühle mich hier frei, beschützt und in jeder Hinsicht gesegnet. Und dieses Gefühl möchte ich mir um nichts in der Welt nehmen lassen.

Wenn der deutsche Staat dafür tut, was er tun muss, kann ich es verstehen.

Herzliche Grüße,

Sounia Siahi"


Auf die Anmerkungen der jungen Journalistin reagierte Jakob Augstein mit dieser Antwort:

"Liebe Sounia Siahi,

haben Sie herzlichen Dank für Ihre Zeilen. Mich beunruhigt die Zuspitzung des Anti-Islamismus in Deutschland. Ebenso wie der Import des islamisch-westlichen Konflikts aus dem Nahen Osten. Ich möchte nicht, dass wir alle gezwungen werden können, Seiten zu beziehen. Das ist der Weg in die Unfreiheit.

Ich möchte auch nicht, dass jede Szene, die sich in einer deutschen Stadt abspielt - und es gibt viele Städte, wie Sie sagen, wo sich solche Szenen abspielen können - als Signal dafür gewertet wird, es gehe wieder einmal um alles. Es ist sehr gefährlich, wenn man den Leuten immerzu sagt, dass es um alles geht.

"Islamischer Staat"? Es geht um alles. Ukraine? Es geht um alles? Wuppertal? Es geht schon wieder um alles.

Das ist nicht gut.

Aber Sie haben natürlich recht: Für wen schreibe ich das und von welchem Standpunkt aus. "Check your privilege", sagt man im Amerikanischen. Ich schreibe natürlich für eine autochthone, hauptsächlich weiße, bürgerliche Leserschaft, die sich darüber Gedanken machen muss, wie sie die offene Gesellschaft am Leben erhält. Und das eigene Ressentiment, die Vorurteile gegen Ausländer, gegen andere Religionen sind ein alter Feind der offenen Gesellschaft.

Sie kennen andere Feinde - weil Ihr Hintergrund ein anderer ist, Ihr Blickfeld ist anders.

Das bedeutet, Sie sehen mich gegen die Gegner vorgehen, die ich kenne und beklage, und dass ich denen, die Sie kennen, dabei den Rücken zukehre.

So ist das aber, wenn man in einem Gefecht ist, wo die Feinde von zwei Seiten kommen können - wenn ich das mal so militärisch sagen darf.

Was ist die Lösung? Ich weiß es nicht.

Viele Grüße, Ihr Jakob Augstein"



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