Salafisten: Junge Deutsch-Türken finden Koran-Aktion gut

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Eine repräsentative Studie zu Deutsch-Türken bringt ein überraschendes Ergebnis: Unter jungen Migranten befürworten fast zwei Drittel die umstrittene Koranverteilaktion von Salafisten in Fußgängerzonen. Viele zeigen sich bereit, die Islamisten mit Spenden zu unterstützen.

Umfrage unter Deutsch-Türken: Meinungen zu Salafisten-Aktion und deutsche Parteien Fotos
Getty Images

Berlin - Junge Migranten in Deutschland, die aus der Türkei stammen, fühlen sich offenbar von der Koran-Verteilaktion radikal-islamischer Salafisten in deutschen Fußgängerzonen angezogen. Das geht aus einer neuen repräsentativen Studie des Umfrageinstituts Info GmbH hervor, für die 1011 aus der Türkei stammende Personen über 15 Jahren telefonisch befragt wurden. Die komplette Studie mit dem Titel "Deutsch-Türkische Lebens - und Wertewelten" wird am Freitag in Berlin vorgestellt, Teilergebnisse liegen SPIEGEL ONLINE bereits vor.

Auf die Frage: "Seit einiger Zeit verteilen Salafisten unter dem Motto 'Lies' in Deutschland kostenlos deutschsprachige Korane. Wie finden Sie das?" antworteten 20 Prozent der 15 bis 29-Jährigen mit "sehr gut", 43 Prozent mit "eher gut". (Siehe Grafik in der Fotostrecke). In dieser Altergruppe gaben 34 Prozent an, sie würden "wahrscheinlich" oder "ganz sicher" für die Aktion spenden, zwei Prozent hatten die Salafisten bereits finanziell unterstützt. Bei älteren Deutsch-Türken hingegen wird die Aktion der Salafisten überwiegend abgelehnt. Unter den 30 bis 49 Jahre alten Befragten finden 54 Prozent die Koran-Kampagne "eher schlecht" oder "sehr schlecht". Bei den über 50-Jährigen lehnen mehr als zwei Drittel die Aktion ab.

Große Unterschiede gibt es bei der Frage bezüglich der Staatsbürgerschaft: Von Befragten mit deutschem Pass lehnen zwei Drittel die Aktion ab, unter den Personen mit türkischer Nationalität nur etwas mehr als die Hälfte. Auffällig ist, dass unter den Befragten, die keinen oder einen niedrigen Schulabschluss haben, die Zustimmung zu der Koranverteilung am niedrigsten ist. Insgesamt stimmen Männer der Aktion eher zu als Frauen.

Die hohe Zustimmung unter den jungen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund könne "auf eine verstärkte Rückbesinnung gerade der jungen Generation auf religiöse Werte der Heimat ihrer Eltern zurückzuführen sein - ohne dass sich daraus bereits ein unmittelbarer Trend zum politischen Islamismus ableiten" ließe, so Holger Liljeberg, Geschäftsführer der Info GmbH. "Bei den älteren Türken in Deutschland, die ja überwiegend selbst eingewandert und daher politisch von Laizismus und Kemalismus in der Türkei geprägt sind, stößt die Aktion 'Lies!' dagegen überwiegend auf Ablehnung", so Liljeberg.

Migranten unzufrieden mit deutschen Parteien

Im Frühjahr dieses Jahres hatten Salafisten in Dutzenden deutschen Städten Tausende deutschsprachige Koran-Exemplareunter das Volk gebracht. Hinter der Aktion steckt das Netzwerk "Die wahre Religion" des radikalen Predigers Ibrahim Abou-Nagie.

Auch politische Präferenzen wurden bei der Umfrage erhoben - traditionell ist die SPD in den vergangenen Jahrzehnten unter türkischen Zuwanderern immer die stärkste Partei gewesen. "Die SPD dürfte sich am meisten freuen, wenn die Türken in Deutschland zur Wahl gehen könnten. Denn ob mit oder ohne deutsche Staatsangehörigkeit, die Sozialdemokraten sind die mit weitem Abstand beliebteste Partei der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund", so Liljeberg.

Aber diese eindeutige Präferenz für die SPD scheint langsam abzunehmen. Von den über 50-Jährigen würden zwar, wären an diesem Wochenende Bundestagswahlen, laut Umfrage noch 48 Prozent ihr Kreuz bei den Sozialdemokraten machen - bei 15 bis 50-Jährigen liegt die Zustimmung hingegen deutlich niedriger.

Insgesamt sind die jungen aus der Türkei stammenden Migranten offenbar weniger zufrieden mit den deutschen Parteien - oder unpolitischer: Von den 15 bis 29-Jährigen sagten 16 Prozent, sie würden keine Partei wählen, bei den 30 bis 49-Jährigen waren es sogar 18 Prozent. Deutlich geringer fällt diese Zahl in der älteren Generation aus. Für die Union ist die Anhängerschaft am größten unter den Deutsch-Türken, die keinen oder nur einen niedrigen Schulabschluss haben.

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