Schlag gegen Salafistenvereine "Wir trocknen diese Szene aus"

Jugendliche wurden mit Lockangeboten geködert: Der Hassprediger Ibrahim Abou Nagie pries seit Jahren die Scharia und wetterte gegen die Demokratie. Jetzt haben die Behörden seine Vereine verboten.

Polizisten bei Razzia gegen Islamisten-Netzwerk (in Berlin)
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Polizisten bei Razzia gegen Islamisten-Netzwerk (in Berlin)

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"Du möchtest zum Islam konvertieren. Jedoch weißt du nicht, wie und wo du dich informieren kannst?", fragte der salafistische Verein "Die wahre Religion" bislang auf YouTube. Die Islamisten versprachen in bester Verkaufskanal-Manier jedem Interessenten ein "Starterpaket", wie es hieß, samt Gebetsteppich, DVD, Koran-Übersetzung und - "das Beste" - eine Urkunde, "die dir bestätigt, dass du Muslim oder Muslima geworden bist. Das alles schicken wir dir kostenlos", lockte das Netzwerk. Der Einstieg in die Szene sollte ganz leicht sein.

Doch der Preis, den die derart Interessierten am Ende für ihre Neugier zahlten, war oft höher als ein paar Euro. Viele derjenigen, die an den Infoständen der "Wahren Religion" oder ihrer "Lies"-Kampagne in den Innenstädten Deutschlands geworben wurden, zogen nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes später als vermeintliche Gotteskrieger nach Syrien. Zahlreiche ließen dort ihr Leben. Die Sicherheitsbehörden erkannten schon im Herbst 2014, dass der Verein des salafistischen Hasspredigers Ibrahim Abou Nagie ein wichtiger Baustein in den Radikalisierungskarrieren vieler Dschihadisten war.

Jetzt hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) nach über einem Jahr Vorbereitung den islamistischen Verein verboten. Am Morgen vollstreckten Hunderte Polizisten in zehn Bundesländern die bereits am 25. Oktober ergangene Verbotsverfügung. Knapp 200 Moscheen, Wohnungen, Büros und Lagerhallen wurden durchsucht. Schwerpunkte der vom Düsseldorfer Landeskriminalamt geführten Großrazzia lagen in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Hamburg.

Bekannt durch die "Lies"-Kampagne

"Mit der Koranübersetzung in der Hand werden Hassbotschaften und verfassungsfeindliche Ideologien verbreitet und Jugendliche mit Verschwörungstheorien radikalisiert", sagte de Maizière. Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) sprach von einem erfolgreichen Schlag gegen radikale Islamisten: "Wir trocknen diese Szene aus."

Sehen Sie hier de Maizières Statement im Video:

Die Organisation des Salafisten Abou Nagie ist vor allem wegen ihrer seit Jahren durchgeführten "Lies"-Kampagne bekannt geworden. Dabei verteilten Extremisten an Infoständen in ganz Deutschland kostenlos Korane.

Nach Überzeugung der Sicherheitsbehörden richtet sich "Die wahre Religion" jedoch gegen die verfassungsmäßige Ordnung und den Gedanken der Völkerverständigung. Sie vertrete einen totalitären Anspruch, heißt es in der Verbotsverfügung. Die Vereinigung befürwortet demnach "den bewaffneten Dschihad und stellt ein bundesweit einzigartiges Rekrutierungs- und Sammelbecken für dschihadistische Islamisten sowie für solche Personen dar, die aus dschihadistisch-islamistischer Motivation nach Syrien beziehungsweise in den Irak ausreisen wollen".

"Lies"-Kampagne
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"Lies"-Kampagne

Das Bundesinnenministerium rechnet dem Verein mehr als 500 Personen zu, unterteilt in sechzig örtliche "Lies"-Initiativen. Führungsfigur des von ihm 2005 gegründeten Netzwerks ist Ibrahim Abou Nagie aus Köln, ein Deutscher palästinensischer Herkunft, der sich im vergangenen Jahr wegen gewerbsmäßigen Sozialbetrugs vor Gericht hatte verantworten müssen. Der verheiratete Langzeitarbeitslose, Vater von drei Kindern, soll binnen zwei Jahren staatliche Unterstützungen in Höhe von knapp 54.000 Euro kassiert haben, obschon er über genügend Geld verfügte. Am Ende verurteilte ihn das Landgericht zu einer Bewährungsstrafe.

SPIEGEL TV Magazin (12.4.2015)

Die Ermittlungen der Kölner Staatsanwaltschaft gaben seinerzeit einen Eindruck davon, wie professionell Abou Nagie sein "Unternehmen Hass" aufgezogen hat. Über sein Konto bei der Sparkasse Köln/Bonn liefen innerhalb von zwei Jahren Zahlungen in einer Höhe von 272.000 Euro. Laut Anklage ließ er alleine für circa 135.000 Euro Bücher und Broschüren drucken, knapp 10.000 Euro kosteten die mehr als 40 Internetdomains, die sich Abou Nagie bei dem Anbieter 1&1 gesichert hatte.

Ibrahim Abou Nagie
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Ibrahim Abou Nagie

Den Rest des Geldes, das wohl von Tausenden Privatpersonen gespendet worden war, verwandte Abou Nagie laut Anklage für sich. Etwa 86.000 Euro gab er demnach für seine Zwecke aus, leaste einen schwarzen C-Klasse-Mercedes, tankte, kaufte ein, aß in Restaurants, übernachtete in Hotels. Seine Kontobewegungen kündeten vom Leben eines umherreisenden Handelsvertreters, der den Manipulierbaren im ganzen Land keine Wurzelbürsten, sondern ebenso einfache wie extreme Botschaften andrehte.

"Die Demokratie ist das Gegenteil des Islam"

In einer Videoansprache mit dem Titel "Die Irreleitung der Demokratie" geiferte Abou Nagie einmal: "Die Demokratie ist gegen den Islam. Und das Gegenteil des Islam." Im selben Video empört sich der Prediger über die "Kuffar", die Ungläubigen: "Die versuchen aus uns Kuffar zu machen. Wenn wir die Scharia leugnen, dann sind wir Kuffar. Wenn wir die Demokratie akzeptieren, dann sind wir auch Kuffar."

Und die Botschaften des Hetzers verfingen: So erwähnt das Bundesinnenministerium in seinem Verbot etwa Bilal Gümüs, der bis zu einem Zerwürfnis mit Abou Nagie im Frühjahr der regionale "Lies"-Verantwortliche im Raum Frankfurt war. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Frankfurt soll Gümüs im Jahr 2013 dem 16-jährigen Enes Ü. bei seiner Ausreise nach Syrien geholfen haben - was Gümüs bestreitet. Enes Ü. hatte Gümüs im Rahmen der "Lies"- Kampagne kennengelernt. Ermittlungen zufolge buchte Gümüs dem Teenager das Flugticket in die Türkei. Kurze Zeit nach seiner Ankunft in Syrien war der Junge tot.

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