Anschlag bei Hameln Brandsatz mitten ins Idyll

Salzhemmendorf ist ein Ort der Ruhe und des Friedens, dachten die Einwohner. Hier geht man herzlich mit Flüchtlingen um. Dann flog ein Brandsatz, Kinder entkamen nur knapp dem Tod. Nun ist alles anders.

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Aus Salzhemmendorf berichtet


Als Heino Geers über die Flüchtlingskinder sprechen will, bringt er die Worte nicht mehr über die Lippen. Er fährt sich durch den blonden Bart, Tränen steigen ihm in die Augen, der Blick wandert zur anderen Straßenseite: auf das gelb gestrichene Haus. Auf das offene Fenster im Erdgeschoss, das nur zum Teil von einer Holzplatte abgedeckt ist. Auf den verrußten Tisch, wo das Löschwasser kleine Pfützen gebildet hat. Geers wohnt ganz in der Nähe. "Das ist alles so furchtbar", schluchzt der 66-Jährige. Dann atmet er einmal tief durch. "Wir haben Angst. Aber wir sind hierhergekommen, um zu zeigen, dass wir so etwas nicht wollen."

Salzhemmendorf in Niedersachsen. Etwa 9400 Einwohner leben in der Gemeinde, umgeben von Hügeln und Feldern - nur wenige Kilometer von Hameln entfernt. Es gibt eine Freilichtbühne, ein Bergwerksmuseum, einen Posaunenchor. Um kurz nach 2 Uhr am Freitagmorgen zerreißt ein Feuer die Idylle.

Unbekannte werfen einen Molotowcocktail in das ehemalige Schulhaus am Ortsende, in dem seit Jahren Flüchtlinge untergebracht werden. Der Brandsatz landet im Wohnzimmer einer Familie aus Simbabwe. Die Frau mit ihren drei kleinen Kindern schläft im Nebenraum. Anwohner bemerken das Feuer, schlagen Alarm, niemand wird verletzt - körperlich. Seit der Tat befindet sich die Familie in Obhut der Gemeinde, muss psychologisch betreut werden.

Immer wieder hat es in Deutschland in den vergangenen Wochen und Monaten Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte gegeben. Meist trafen sie jedoch Einrichtungen, in denen noch keine Asylbewerber eingezogen waren. Dieser Anschlag ist anders, Menschen hätten sterben können. 31 Flüchtlinge leben mit neun Deutschen in dem Gebäude an der Hauptstraße. Ungewöhnlich schnell äußert sich die Polizei zu den Motiven der Täter, spricht von möglichen "staatsschutzrelevanten Hintergründen". "Dass der Brandsatz durch genau dieses Fenster geworfen wurde, war doch kein Zufall", sagt Kriminaldirektor Ralf Leopold.

Ein Wagen fährt vor, Stephan Weil steigt aus, SPD-Politiker und Ministerpräsident in Niedersachsen. Den Vorwurf, er habe sich zu spät gezeigt - etwa wie sein sächsischer Amtskollege Stanislaw Tillich (CDU) nach den Ausschreitungen in Heidenau - soll man ihm nicht machen können.

Ministerpräsident Weil: "Das war versuchter Mord"
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Ministerpräsident Weil: "Das war versuchter Mord"

Und Weil spricht Klartext: "Das war versuchter Mord", sagt er. Jemand habe in Kauf genommen, dass Männer, Frauen und Kinder verbrennen. Dass einer Familie, die aus ihrem Heimatland vor der Gewalt geflohen sei, so etwas in Deutschland widerfahre, sei "tief beschämend". Rechte Gewalt in Salzhemmendorf? Kriminaldirektor Leopold schüttelt den Kopf. "So etwas gab es seit Jahren nicht, in der gesamten Region nicht."

"Ich bin fassungslos"

Am Vormittag versammeln sich immer mehr Menschen vor dem Wohnhaus: Politiker und Journalisten - aber auch viele Anwohner. Das sind keine rechten Randalierer, keine Wutbürger - sondern Menschen, die Anteil nehmen. Viele schweigen, blicken ins Leere: Salzhemmendorf steht unter Schock.

Den Bürgern in der Gemeinde ist der Anschlag persönlich peinlich. "Ich bin fassungslos", sagt ein Mann im blau-weißen Trainingsanzug des örtlichen Fußballklubs: "Dass so etwas ausgerechnet in unserem Dorf passiert." Ein anderer berichtet von den vielen Aktionen, die es hier für Flüchtlinge gebe: Kleider würden gesammelt, Freiwillige werkelten mit Asylbewerbern in einer Fahrradwerkstatt. "Wir haben hier eigentlich eine gute Willkommenskultur." Am späten Nachmittag soll es eine spontane Demonstration gegen die Gewalt geben.

Ein dritter Mann hat Kuchen mitgebracht: Florian Marhenke, 33, kommt aus einem Nachbardorf. "Als ich die Nachricht von dem Angriff gehört habe, war ich völlig geschockt", sagt er. "Ich dachte mir, irgendwie muss ich den Flüchtlingen zeigen, dass nicht alle Menschen hier so sind."

Anwohner Marhenke: Kuchen als Zeichen der Solidarität
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Anwohner Marhenke: Kuchen als Zeichen der Solidarität

Als eine Irakerin mit ihrem Sohn an der Hand aus dem Nachbarhaus tritt, in dem ebenfalls Flüchtlinge leben, drückt Marhenke ihr das Gebäck in die Hand. Die Frau lächelt schüchtern. "Ich fürchte mich sehr", sagt sie später.

Von dem Lärm in der Nacht war sie aufgewacht. Seitdem hat sie nicht mehr geschlafen. Bisher sei hier immer alles gut gewesen, der Umgang der Bewohner im Salzhemmendorf sehr nett, erzählt sie. Aber jetzt...

Eine Stunde später in Hameln: Der Landkreis hat eilig zu einer Pressekonferenz geladen: Ermittler sind da, Vertreter der Staatsanwaltschaft, der Politik. Eine 30-köpfige Sonderkommission fahndet nun nach den Tätern. Erste Hinweise gebe es, heißt es. Mehr sagen die Ermittler nicht.

Am späten Freitagabend fasst die Polizei schließlich drei Tatverdächtige, wie die Nachrichtenagentur dpa meldet: zwei Männer im Alter von 24 und 30 Jahren aus der Gemeinde im Kreis Hameln-Pyrmont sowie eine 23 Jahre alte Frau aus der Region Hannover. "Es gibt auch Geständnisse sagte Niedersachsens Ministerpräsident Stefan Weil (SPD) dem NDR.

Ermittler bei der Spurensicherung: Noch keinen Hinweis auf Täter
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Ermittler bei der Spurensicherung: Noch keinen Hinweis auf Täter

Clemens Pommerening, parteiloser Bürgermeister von Salzhemmendorf, ein hochaufgeschossener, schlanker Mann, hatte zuvor noch einmal den Anschlag verurteilt: "Die Tat war ein feiges Verbrechen", sagte er. Aber auch ein Einzelfall, denn auf sein Dorf lässt er nichts kommen: "Salzhemmendorf steht hinter den Flüchtlingen."

Im Video: Fünf Fakten gegen Flüchtlingshass

DER SPIEGEL
Übergriffe in Deutschland 2015
Mehrere Vorkommnisse
Brandanschläge
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Weitere Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte
Quelle: Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl / Polizei / eigene Recherchen / dpa
Stand: 7. Januar 2016
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