Sarrazin-Auftritt Thilo Normalbürger

Zu viel Adrenalin, zu wenig Schlaf: Thilo Sarrazin bekommt der Rummel um seine Person nicht besonders gut. Deshalb hat er sich eine Mediensperre auferlegt und geht pflichtbewusst zur Arbeit. Einen Auftritt am Montag nutzte er, um die hitzige Debatte herunterzukochen.

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Berlin - So langsam packt auch ihn wieder der Alltag. Es ist Montagmorgen, Thilo Sarrazin erklimmt die Treppen des Berliner "dbb-Forums". Er trägt einen Trenchcoat und einen großen Rucksack, nickt kurz in die Runde und entschwindet nochmal schnell in die Kantine. Kaffee trinken.

Der "Behördenspiegel", das Fachblatt der deutschen Beamtenschaft, hat den Bundesbanker zur Integrationsdiskussion geladen, rund 500 überwiegend administrativ gekleidete Zuhörer sind gekommen. Sarrazin passt da gut hinein, er kennt sich aus mit Behörden - und zum Thema Integration hat er auch etwas zu sagen, jedenfalls entfachte sein Buch "Deutschland schafft sich ab" eine hysterische Debatte.

Hysterisch ist im "dbb-Forum" weiß Gott nichts, und vielleicht ist das ja mal ganz gut.

Für Sarrazin allemal. Er sehnt sich nach ruhigeren Fahrwassern, wenn man seine Äußerungen vom Wochenende denn richtig deutet. Zwei, drei Stunden Schlaf - mehr sei momentan nicht drin. Das Adrenalin jage durch seinen Körper, verriet er dem SPIEGEL.

So geht es nicht weiter, deshalb hat er sich eine Mediensperre auferlegt. Deshalb sitzt er weiter an seinem Schreibtisch bei der Bundesbank, obwohl die längst seinen Rausschmiss aus dem Vorstand beantragt hat. Der Mann, der die Provokation so liebt, will wieder Thilo Normalbürger sein. Aber klappt das?

Sarrazin gibt sich brav

Der Ton der Debatte hat an ihm genagt, das wird beim "Behördenspiegel" offensichtlich. 60 Minuten sitzt Sarrazin mit vier weiteren Gästen auf dem Podium, darunter die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, die allerdings nicht weiter auffällt, bis sie immerhin den Satz sagt, man solle doch integrationspolitisch jetzt bitte "den Worten Taten folgen" lassen.

Sarrazins Auftritt ist ebenfalls merkwürdig, er spricht über Migrantenquoten und Gastarbeiter, über türkische Schulabbrecher und den Fachkräftemangel. Doch er wirkt fahrig, unbeholfen, kein Satz sitzt. Seine Polemik gegen muslimische Migranten erneuert er, wenn überhaupt, nur in homöopathischen Dosen, stattdessen geht er an diesem Tag überraschend pfleglich mit Minderheiten um und überrascht mit der Aussage, 70 Prozent der Migranten würden "ihre Sache ganz ordentlich machen". Die Thesen zur vererbten Intelligenz lässt er aus dem Spiel - wie eigentlich sein gesamtes Buch. Auch zur Bundesbank äußert er sich nicht, ebenso wenig zum Ausschlussverfahren, das seine SPD gegen ihn angestrengt hat.

Laut wird Sarrazin nur einmal. Und zwar in Richtung Sevim Dagdelen von der Linkspartei. Die Bundestagsabgeordnete beschwert sich, dass man den Gastarbeitern schwer vorwerfen könne, sich nicht integriert zu haben, wenn man von ihnen einst nicht einmal Sprachkurse verlangt habe. "Vor 37 Jahren war der Gastarbeiterstopp", bricht es aus ihm heraus: "37 Jahre Zeit, Deutsch zu lernen!"

Dagdelen schaut ein wenig verdutzt und nimmt wenig später selbst Anstoß an Sarrazin, als der Bundesbanker erklärt, warum er Migrantenquoten für Unfug hält. Einen "strukturellen Rassismus" diagnostiziert die Linke-Abgeordnete daraufhin in der deutschen Gesellschaft - das Publikum ergeht sich in lauten Stöhngeräuschen. Sarrazin scheint zufrieden.

"Die Rache heißt heute Sarrazin"

Entsprechend brav gibt er sich den Rest der Stunde. Er erläutert, warum man aufhören solle, in Schulen alle Kinder gleich zu behandeln, warum anonymisierte Bewerbungen nach hinten losgehen könnten und warum das deutsche Bildungssystem einmalig gut sei. Ist das wirklich der Mann, der das Land so verschreckt hat mit seinen Thesen?

Mag sein, dass seine Zurückhaltung Strategie ist. Er weiß, wenn er jetzt weiter Öl ins Debattenfeuer gießt, kann er nichts gewinnen. Gibt er sich vorsichtig, macht er jenen, die ihm das Leben schwermachen wollen, selbst das Leben schwer. Den Sozialdemokraten zum Beispiel, in deren Reihen das Ausschlussverfahren ohnehin umstritten ist. Während die SPD-Spitze ihn unbedingt loswerden will, will Hamburgs Ex-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, ebenfalls Genosse, ihn unbedingt vor der Schiedskommission verteidigen.

Eines hat Sarrazin ja schon erreicht: Das Land debattiert, wenn auch wahrlich nicht zum ersten Mal, über Integration.

Auch Leute wie Klaus Bade sind da wieder gefragt, der im "dbb-Forum" zwei Stühle neben Sarrazin sitzt. Bade ist ein kluger Migrationsforscher, auch er hat ein wichtiges Buch zum Thema geschrieben, das allerdings nicht ganz so viel Beachtung fand wie jenes von Sarrazin. Das macht nichts, Bade scheint sich zu freuen, dass jetzt mal wieder seine Zeit gekommen ist. Seit 30 Jahren versuche er das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen, sagt er und merkt ironisch an: "Die Rache heißt heute Sarrazin."

Der Angesprochene sitzt da und schmunzelt.

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Tsyngtaoone 04.09.2010
1. Sollte der Bundespräsident Thilo Sarrazin aus dem Vorstand der Bundesbank entlassen?
Selbstverständlich NEIN. Wir haben in Deutschland immer noch die Meinungsfreiheit, diese kann auch Herr Sarrazin für sich in Anspruch nehmen. Herr Sarrazin soll seinen Ämtern enthoben und mundtot gemacht werden, weil er politisch unbequem ist und mit seinen Äußerungen explizit auf die seit Jahrzehnten vollkommen verfehlte Integrationspolitik, praktisch aller etablierten Parteien hingewiesen hat.
DrHossa(adrian) 04.09.2010
2.
Herr Wulff hat sich, gerade als Bundespräsident,nicht in Personalangelegenheiten einzumischen! Er muss eine neutrale Position widerspiegeln und genau das tut er nicht. Zumal er erst laut blökt und dann nicht denn Mut hat selbst eine Personalentscheidung zu treffen. Wirklich ein klassisches Beispiel für einen deutschen Politiker. keine Ahnung, keinen Mut und keinen Anstand
christian.stuermer 04.09.2010
3. Natürlich
Der Bundespräsident hat sich dazu doch schon bereits im Vorfeld geäußert. Alles andere als eine Entlassung würde gegen das Kontinuitätsgebots der deutschen Politik verstoßen und unserem Land schaden.
fintenklecks 04.09.2010
4. Anforderung an das Amt
Zitat von sysopGleich zu Beginn seiner Amtszeit steht Bundespräsident Wulff vor einer wichtigen Entscheidung: Soll er nach den Kontroversen um Thilo Sarrazin und sein Amt den streitbaren Bundesbanker aus seinem Vorstands-Amt entlassen?
Respekt vor Sarrazins Offenheit. Entsetzen über seine Meinung. Die Frage, die Wulff sich stellen muss ist, inwiefern Sarrazin durch sein Amt einen Schaden für unser Land bedeudet. Keine leichte Aufgabe. Hat seine Meinung eine Relevanz für sein Amt? Welche Anforderung an die Person hat das Vorstands-Amt?
sorentoraser 04.09.2010
5. ein ganz klares NEIN !
die ganze Ausländerpolitik ist in den letzten Jahren so vollkommen daneben geraten, daß wir nun endlich mal jemanden gebrauchen der mal die Finger in die Wunde legt, nur das tut den meisten sehr weh, das ist das Problem der Politiker. Was bitte wäre denn, wenn Sarrazin eine eigene Partei gründen würde? Ich könnte mir vorstellen, diese neue Partei bekommt viele viele Stimmen. Die Statistiken über straffällige Ausländer sprechen doch eine ganz eindeutige Sprache. Ich würde gerne diese Politiker mal mit auf die Wache nehmen, die Sarrazin so verteufeln, dann werden sie endlich mal den Alltag auf der Straße hautnah erleben.
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