Satire-Aktion in Eisenach FDP-Politiker will "Titanic" verklagen

Das neueste Opfer der Satire-Zeitschrift "Titanic" ist der Vorsitzende des FDP-Kreisverbands Eisenach-Stadt. Der Lokalpolitiker posierte lächelnd vor antisemitischen Plakaten. Jetzt will er sich mit juristischen Mitteln zur Wehr setzen.

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Satire ohne pardon - scheinbar antisemitisches Wahlplakat aus der "Titanic"-Schmiede
Titanic

Satire ohne pardon - scheinbar antisemitisches Wahlplakat aus der "Titanic"-Schmiede

Eisenach – Eigentlich hatte der Mann gegen die Satire-Profis aus Frankfurt von vornherein keine Chance. Am Donnerstagnachmittag erhielt Klaus Schneider - Vorsitzender des FDP-Kreisverbandes Eisenach-Stadt - einen Anruf eines gewissen Herrn Gärtner von der Berliner FDP (alias Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn), der ihn bat, für ein kurzes Gespräch zu einem FDP-Infostand in die Karlsstraße zu kommen. Schneider machte sich auf den Weg, und das Drama nahm seinen Lauf.

"Ich sagte mein Kommen zu und fand neben dem Infostand ein Infomobil und eine Reihe weiterer Mitstreiter (alle und alles in blau-gelb) – völlig unverfänglich vor", erläuterte der Kreisvorsitzende in einem Schreiben an die FDP-Bundesgeschäftsstelle. Die antisemitischen und sexistischen Plakate, vor denen er später mit Gärtner alias Sonneborn zum Shakehands posierte, habe er überhaupt nicht gesehen, beteuert Schneider. "Heutzutage können dubiose Leute einfach Dinge in die Welt setzen, und man wird öffentlich demontiert", empörte sich Schneider.

Satire-Plakat der "Titanic" - den Lokalpolitikern ist nichts aufgefallen
Titanic

Satire-Plakat der "Titanic" - den Lokalpolitikern ist nichts aufgefallen

Auf einem der Plakate hieß es: "Deutsche wehrt euch! Wählt FDP!", auf einem anderen war der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, mit einen rotem Kreuz (Aufschrift: "Gib endlich Friedman!") über dem Mund abgebildet; die unverhohlen antisemitische Parole lautete: "FDP - Judenfrei und Spaß dabei!". Ein drittes Plakat zeigte den ehemaligen Porno-Darsteller und derzeitigen Bundestags-Kandidaten Peter Bond in einer Fotomontage in eindeutiger Stellung mit einer nackten Cornelia Pieper - darunter der Slogan: "FDP - Die (liberale) SpaSSpartei!"

Das Frankfurter Satire-Team befragte zudem Passanten, ob sie der Forderung zustimmen würden, Friedman in seine Heimat zurückzuschicken. Die Auswertung der Fragebögen habe ergeben, dass rund 50 Prozent der Befragten dafür gewesen seien, sagte Sonneborn gegenüber SPIEGEL ONLINE. Auf den Fragebögen seien Begründungen zu lesen gewesen wie "die haben doch jetzt einen Staat da unten", oder "zurück in die Türkei!". Selbst diejenigen, die sich gegen eine Ausweisung Friedmans aussprachen, lieferten nicht eben beruhigende Begründungen: Wenn der Mann sich nun mal hier eingelebt habe, solle er eben da bleiben.

Die Kulisse war beeindruckend: Die "Titanic"-Mannschaft hatte als angebliche Liberale vor einem als "Guidomobil" getarnten VW-Golf einen FDP-Stand aufgebaut und den Passanten unter anderem Eierlikör ("18 plus x Prozent") serviert. Die Redakteure trugen alle gelbe Hemden und blaue Krawatten, eine Redakteurin eine blaue Bluse und ein gelbes Halstuch.

Die Satire-Guerilla der Frankfurter "Titanic"-Redaktion im Einsatz: Chefredakteur Martin Sonneborn schüttelt dem FDP-Kreisvorsitzenden Klaus Schneider am "Infostand" die Hand.
www.titanic-magazin.de

Die Satire-Guerilla der Frankfurter "Titanic"-Redaktion im Einsatz: Chefredakteur Martin Sonneborn schüttelt dem FDP-Kreisvorsitzenden Klaus Schneider am "Infostand" die Hand.

"Wissen Sie, das ging ja alles so schnell", sagte Schneider am Montag auf Nachfrage gegenüber SPIEGEL ONLINE, "das Plakat mit der Nackten habe ich gar nicht wahrgenommen". Er kündigte zudem juristische Schritte an. "Eine gute Bekannte von mir ist Richterin, mit der werde ich mich heute Nachmittag beraten und dann will ich die Angelegenheit in dieser Woche noch auf den Weg bringen", sagt Schneider. Als Lachnummer will er das Ganze nicht verbuchen: "Das hat mit Humor nichts mehr zu tun, das ist eine ausgemachte Sauerei", sagte der FDP-Mann noch immer außer sich vor Wut, "ich bin krachsauer!"

Besonders verärgert ist Schneider darüber, dass er mit antisemitischen Sprüchen geleimt wurde. Im Schreiben an die FDP-Parteioberen erklärt er denn auch: "In einem kurzen Gespräch mit Herrn Gärtner wurde mir mitgeteilt, dass der Grund des Einsatzes darin bestünde, die Meinung der Bevölkerung zu den jüngsten Äußerungen von Herrn Möllemann und der Parteibasis zu erkunden. Nach meiner Meinung befragt, äußerte ich mich in der Form: 'dass es sich hierbei um ein sehr sensibles Thema handelt, da die Wunden, welche die Deutschen dem jüdischen Volk mit dem Zweiten Weltkrieg zugefügt haben, noch lange nicht verheilt sind und auch ein Herr Möllemann gut beraten sei, dieses Thema mit der gebotenen Zurückhaltung zu behandeln, selbst, wenn seiner – und mitunter auch meiner – Auffassung nach Herr Friedman in seinen Sendungen (wie zum Beispiel Vorsicht Friedman) nicht immer den richtigen Ton trifft."

"Alle und alles in blau-gelb": der Brief des FDP-Kreisvorsitzenden an die FDP-Zentrale.

"Alle und alles in blau-gelb": der Brief des FDP-Kreisvorsitzenden an die FDP-Zentrale.

"Titanic"-Chefredakteur Sonneborn sieht einer möglichen gerichtlichen Auseinandersetzung gelassen entgegen. Sonneborn, nach eigenen Angaben seit fünf Jahren Mitglied im FDP-Kreisverband Berlin Mitte ("Wir haben dort immer in der Gaststätte Klops getagt") findet, dass es sich "einfach um verschiedene Strömungen innerhalb meiner Partei" handelt. "Ich bin einfach nicht dafür, dass jetzt parteiinterne Streitigkeiten in der Öffentlichkeit ausgetragen werden", sagte er. "Wir müssen ein geschlossenes Bild abgeben, sonst sinken unsere Wahlchancen rapide. Ich denke da bin ich mit Westerwelle völlig einer Meinung."



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