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Sauerland-Abstimmung: Duisburg wählt sich frei

Von , Duisburg

Es ist ein Sieg für die direkte Demokratie. Eine deutliche Mehrheit der Duisburger hat den unbeliebten Oberbürgermeister Adolf Sauerland abgesetzt. Dessen Strategie, sein Fehlverhalten nach der Love-Parade-Katastrophe zu kaschieren und auf die Politikverdrossenheit der Bürger zu vertrauen, ging nicht auf.

Duisburgs OB Sauerland: Klare Mehrheit für die Abwahl Fotos
REUTERS

Vor dem himmelblauen Logo der Stadt Duisburg steht ein gut gebräunter Mann mit silbernen Haaren. Es ist der Stadtdirektor, ein Grüner, der am Sonntagabend verkünden muss, wie es um die politische Zukunft des Oberbürgermeisters Adolf Sauerland bestellt sein wird. Für einen Augenblick ist es ganz still im ersten Stock des Rathauses, dann sagt Peter Greulich: "Das Quorum wurde erreicht. Mit Ja stimmten einhundertneunundzwanzigtausend…"

Den Rest verschluckt der Jubel.

Sie grölen, johlen, klatschen, sie liegen sich in den Armen und einige Mitglieder der Bürgerinitiative, die anderthalb Jahre lang für die Absetzung des Stadtoberhaupts gekämpft hat, weinen auch. Genau 129.833 Duisburger, und damit deutlich mehr als die notwendigen 91.228, haben sich gegen Sauerland ausgesprochen. Für eine Kommune mit traditionell niedriger Wahlbeteiligung, in der alle mit einem knappen Ergebnis gerechnet hatten, ist das eine Sensation. "Wahnsinn", ruft einer.

Der Sprecher der Bürgerinitiative "Neuanfang für Duisburg", Theo Steegmann, ist ein bulliger Mann. Er trägt Pulli und Jeans und die Zufriedenheit über die erfolgreiche Abwahl ist ihm durchaus anzusehen: "Damit kehrt der politische Frieden zurück", sagt der gelernte Stahlkocher staatstragend. "Die Stadt kann wieder ein bisschen stolz auf sich sein." Sein Kompagnon Werner Hüsken triumphiert unverhohlener: "Großartig, klasse, ein wunderbares Ergebnis."

"Gott schütze die Stadt Duisburg"

Der Auftritt des Verlierers hingegen kündigt sich mit Pfiffen und Buhrufen an. Es ist kurz nach 20 Uhr, als Adolf Sauerland, 56, sich den Weg in das Gebäude bahnt, das sieben Jahre lang "sein" Rathaus war. Er hätte das nicht tun müssen, er hätte auch zu Hause im Stadtteil Walsum bleiben und eine Presseerklärung versenden lassen können, doch er wählt den schweren Weg und sagt: "Ich akzeptiere das Votum."

Er werde seinen Schreibtisch Mitte der Woche "verwaist übergeben", so Sauerland, in der Hoffnung, dass ein Nachfolger schnell gewählt werde. Das Ergebnis des Plebiszits bedauere er, denn er sei gerne Oberbürgermeister von Duisburg gewesen, "mit Herzblut und Leidenschaft". In seiner Amtszeit hätten viele positive Erlebnisse gelegen, "aber eben auch die Love Parade". Und seine letzten öffentlichen Worte wählt der Berufsschullehrer mit Bedacht. "Gott schütze die Stadt Duisburg."

Sauerlands Strategie der Krisenbewältigung ist, das kann man nun sagen, zu keiner Zeit aufgegangen. Während er anfänglich darauf zu setzen schien, dass ihn das politische Phlegma der Duisburger vor einer Abwahl bewahren würde, und also nichts tat, wurde er auf den letzten Metern noch übereifrig. Seine CDU brach eine deftige Rote-Socken-Kampagne vom Zaun und versuchte, das überparteiliche Abwahlbündnis als trojanisches Pferd der SPD zu brandmarken. Ganz offenbar ging das am Empfinden der Bürger weit vorbei.

Einen Rücktritt aus freien Stücken hatte der 56-Jährige stets abgelehnt - unter anderem mit dem Hinweis, nicht er habe die Love Parade formal genehmigt, sondern die ihm unterstellten Beamten. Bei der Riesenfeier, die zur gigantischen Katastrophe geriet, waren im Juli 2010 insgesamt 21 Menschen gestorben und 541 verletzt worden. Wenn ein Gericht einen dieser Beamten schuldig spräche, so Sauerland einmal in einem Interview, dann ginge er, aber nur dann.

Noch immer mühen sich Polizei und Staatsanwaltschaft, die Verantwortung der Beteiligten zu klären. Ein Ende der Ermittlungen gegen 17 Beschuldigte, darunter sind elf Mitarbeiter der Stadtverwaltung, ist noch immer nicht abzusehen. Bislang haben die Beamten 3370 Zeugen zu den Geschehnissen vernommen. Die Akten, 27.600 Seiten waren es zuletzt, füllen inzwischen 56 Ordner.

Adolf Sauerland, gegen den nicht ermittelt wird, war gleichwohl seit mehr als anderthalb Jahren die umstrittenste Person der Stadt. Er wurde angefeindet, beschimpft, bedroht und mit Ketchup bespritzt. Polizisten mussten ihn beschützen und wenn er öffentlich auftrat, konnte es immer sein, dass sogleich ein gellendes Pfeifkonzert ertönte. Der Bundespräsident Christian Wulff sagte über ihn: "Unabhängig von konkreter persönlicher Schuld gibt es auch eine politische Verantwortung. Das alles wird der Oberbürgermeister genau abwägen müssen."

"Ein Neuanfang und ein guter Tag für die Demokratie"

Diese Abwägung haben nun die Bürger übernommen, was wiederum erst ein neues Gesetz möglich gemacht hatte. Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD), der ebenfalls aus Duisburg stammt und am späten Nachmittag samt Entourage ins Rathaus einzieht, sieht deswegen die Abstimmung auch als Bewährungsprobe für dieses "wichtige Recht". Und bezogen auf das Ergebnis sagt er: "Es ist ein Neuanfang und ein guter Tag für die Demokratie."

Vor der Tür versammeln sich am Abend Dutzende Menschen, die Fahnen schwenken und ein Feuerwerk entzünden. Wie so viele Bürger dieser Stadt träumen auch sie davon, mit diesem Tag ein Trauma überwunden zu haben. Doch wird der symbolische Akt der Oberbürgermeister-Abwahl dazu ausreichen?

Formell bleibt Sauerland noch bis Mittwoch im Amt. Dann stellt der Wahlausschuss seine Niederlage und damit das Ende der Dienstzeit fest. Duisburg wird in diesem Augenblick vorübergehend eine Doppelspitze bekommen. Die repräsentativen Aufgaben des Oberbürgermeisters übernimmt der Erste Bürgermeister Benno Lensdorf (CDU), Verwaltungschef wird Stadtdirektor Greulich. Ein Nachfolger für Sauerland muss binnen sechs Monaten gewählt werden.

Als Problem könnte sich dabei erweisen, dass eine überparteiliche Integrationsfigur bisher nicht in Sicht ist. So einig sich Bürger, Parteien, Gewerkschaften und Verbände in ihrer Gegnerschaft zu Sauerland waren, so uneinig sind sie nun in der Frage, wer ihm nachfolgen sollte. Allerhand Namen prominenter Duisburger werden inzwischen gehandelt, darunter sind Landtagsabgeordnete, Berliner Parlamentarier und sogar der Vorsitzende einer Polizeigewerkschaft.

"Im Grunde sind wir in den letzten eineinhalb Jahren nicht regiert worden", sagt eine Duisburgerin am Nachmittag, als sie ihren Stimmzettel abgibt. Daran aber wird sich wohl auch in naher Zukunft nichts Wesentliches ändern. Peter Greulich jedenfalls sagt, er werde die Zeit als geschäftsführendes Stadtoberhaupt nicht dazu nutzen können, um eigene politische Akzente zu setzen. In Duisburg wird also weiterhin verwaltet, statt gestaltet.

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1.
wrdlprnpfd 12.02.2012
Zitat von sysopREUTERSTriumph der direkten Demokratie: Eine deutliche Mehrheit der Duisburger hat den unbeliebten Oberbürgermeister Adolf Sauerland abgesetzt. Dessen Strategie, sein Fehlverhalten nach der Love-Parade-Katastrophe zu kaschieren und auf die Politikverdrossenheit der Bürger zu vertrauen, ging nicht auf. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,814838,00.html
Da muß man ja nichts mehr schreiben, wenn der sysop in der Anmoderation die Meinung schon vorwegnimmt??
2. Jetzt droht er auch noch mit Gott
huberwin 12.02.2012
Heißt sinngemäß ihr habt einen unschuldigen aus dem Amt vertrieben dafür werdet ihr von Gott bestraft. Na toll! Dieser Mann wird es nie kapieren.
3.
vrdeutschland 12.02.2012
Zitat von sysopREUTERSTriumph der direkten Demokratie: Eine deutliche Mehrheit der Duisburger hat den unbeliebten Oberbürgermeister Adolf Sauerland abgesetzt. Dessen Strategie, sein Fehlverhalten nach der Love-Parade-Katastrophe zu kaschieren und auf die Politikverdrossenheit der Bürger zu vertrauen, ging nicht auf. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,814838,00.html
Das nenne ich mal echte Politiksatire: "Unabhängig von konkreter persönlicher Schuld gibt es auch eine politische Verantwortung" Sagt WER zu WEM ?
4. Ab...
vincent1958 12.02.2012
Zitat von sysopREUTERSTriumph der direkten Demokratie: Eine deutliche Mehrheit der Duisburger hat den unbeliebten Oberbürgermeister Adolf Sauerland abgesetzt. Dessen Strategie, sein Fehlverhalten nach der Love-Parade-Katastrophe zu kaschieren und auf die Politikverdrossenheit der Bürger zu vertrauen, ging nicht auf. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,814838,00.html
...heute kann ich wieder offen zugeben,dass ich in Duisburg wohne.Endlich sind wir von diesem peinlichen Menschen befreit!!
5. Wählt die Sauerlands der Politik ab
Tottiso 12.02.2012
Dieses großartige und vollkommen lobenswerte, weil gerechte, Beispiel von Demokratie soll Schule machen. Wir wollen keine selbstgerechten, selbstverliebten und maßlos arroganten Politiker. Sauerland ist kein Politiker. Sauerland steht für eine Klasse Mensch, sogenannter Politiker, die nichts anderes verkörpern als Selbstverherrlichung. Das kann eine Demokratie nicht gebrauchen.Politiker wie diese sollte zu 100% Ihre Bezüge zurück zahlen, wegen nicht erbrachter, bzw. schädigender Leistung. Belohnt sie, wenn sie gut sind, lasst sie bezahlen, wenn sie schlecht sind. Ganz einfach. Herr Wulff, Sie haben keinen Cent verdient, von allen die Sie als Politiker kassiert haben. Sie machen Kasse, aber sonst leisten Sie gar nichts.
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