Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sauf-Tourismus in Berlin: Wodka, Wodka, Würgereiz

Von Franziska Badenschier

Flatrate-Trinken als Touristen-Highlight: In Berlin starten jeden Abend zwei Sauftouren - englischsprachige Reiseleitung inklusive. Amerikaner, Australier, Briten und Iren erweisen sich als am trinkwütigsten. Ein Erfahrungsbericht.

Berlin- Hackescher Markt im Osten Berlins, ein Touristen-Treffpunkt. Etwa 20 Menschen stehen kurz nach 20 Uhr beisammen, zwischen ihnen eine Kiste Bier. Auf dem Flyer steht: "free shots all night - 7 nights a week". Während die Republik in diesen Tagen über das Koma-Trinken von Jugendlichen diskutiert, in einem Berliner Krankenhaus noch immer ein 16-Jähriger nach einem Trinkgelage bewusstlos ist, ist hier das Trinken ein einziges Abendprogramm. Auch wenn der Veranstalt das ganz anders sieht. "Wir bieten kein Saufen unlimited", bremst eine der drei Reiseleiterinnen. Doch was ist dann der Sinn von "Pub Crawls"? Touristen treffen sich, werden durch die Stadt geführt und besaufen sich dabei - so preist es doch der Veranstalter an, so zeigt es das Fernsehen. "Wir wollen nicht, dass die Leute in der zweiten Kneipe kotzen", sagt die deutsche Reiseleiterin.

Ein paar Meter weiter bietet ein andere Agentur ebenfalls eine Trinktour an. Berlin, so scheint es, ist für manche Ausländer, was für deutsche Trinker das Ballermann von Mallorca ist: ein Trinkerparadies. Vor allem junge Frauen und Männer aus den USA, Großbritannien und Australien finden sich ein. Vor allem die niedrigen Preise locken - in kaum einer Großstadt Europas kann man so billig dauertrinken wie in Berlin. Ich mache den Test - und schließe mich mit drei Freundinnen dem zweiten Anbieter an.

20.47 Uhr
Treffpunkt ist die Oranienburger Straße. Vor der Kneipe "Silberfisch" gibt es Warm-Up-Beer, frisch gezapft vom Reiseleiter James*.

21.15 Uhr
Im "Silberfisch" wird es eng. Die Touristen, fast alle englischsprachig, bestellen Bier, dazu gibt es Apfelschnaps for free. Jeder hütet sein Schnapsglas - das Heiligtum des Abends.

21.25 Uhr
"Let"s go", brüllt James. Seine Eltern sind Briten, aber er ist in Australien geboren und hat dort Journalismus studiert. Drei oder vier Mal pro Woche scheucht er Touristen durch Berlin und macht sie betrunken. Einen anderen Job hat er nicht. Er kann kein Deutsch. Dann hält James eine Ansprache. "Welcome! Lets have fun tonight …" Die rund 60 Leute fordern lautstark Alkohol. "Let"s drink!", ruft James schließlich und zückt die erste Flasche mit Wodka-Orangensaft. Auch seine Kollegin Melanie*, eine Deutsche, die in Berlin Schauspiel studiert, wird von Sauf-Lüsternen bedrängt. Erste Kostprobe: Das Wodka-Saft-Verhältnis ist eins zu zwei. Heftig, aber bei 20-Milliliter-Becherchen statt 200-Milliliter-Gläsern auf jeden Fall nötig, um betrunken zu werden.

21.30 Uhr
Jamie und Laura - Schotten, er, 23, im Kilt mit Cowboystiefeln, sie, 27, mit lilafarbener Krawatte - haben den Anschluss verloren. "Hurry up!", rufen sie.

21.45 Uhr
Ankunft in der "Verkehrsberuhigten Ostzone" am Hackeschen Markt. Karl-Liebknecht-Straßenschild, FDJ-Fahne, ein Plakat für Freiberger Bier: Willkommen in der DDR. Der Geschichtsunterricht fällt jedoch aus. Alkohol und Leute-Kennenlernen sind jetzt wichtiger. Und die Toilette - die Damen stehen an. Mad steht belustigt daneben. "Uns war langweilig, also machen wir den Pub Crawl", erzählt der 23-jährige Neuseeländer, der mit einem Freund gerade durch Europa reist.

21.10 Uhr
Während sich die Meute in der stylish eingerichteten Bar niederlässt, bezirzen Anna*, Lena* und Marie*, die einzigen Deutschen unter den Sauftouristen, den Herrscher über den Wodka-Saft. Acht Flaschen habe er in seinem Rucksack, behauptet James. Die drei gierigen Wahl-Berlinerinnen haben Erfolg: Er rückt den Stoff raus.

22.16 Uhr
Zwischenbilanz nach zwei Stunden: Jeder quatscht jeden an, der Alkoholpegel ist gestiegen, die Stimmung ausgelassen. "Verarsche", meint hingegen Anna. Geworben wurde mit zehn Euro inklusive unlimited free shots. Tatsächlich sieht es profaner aus: In den meisten Bars muss man selber zahlen für ein paar Tropfen mehr Hochprozentiges. Doch die meisten in der Gruppe stört das nicht.

22.20 Uhr
"Du musst mir in die Augen schauen und 'Prost' sagen", erklärt eine kleine junge Frau auf Englisch einem Jungen die deutsche Anstoß-Tradition. Ceonie kommt aus Irland, war gerade für ein Semester in Bonn. Dann lässt sie die deutschen Mädchen mit dem Jungen stehen. Wieder das Prozedere wie beim Speed-Dating: Wie heißt du? Wie alt bist du? Woher kommst du? Was machst du in Deutschland, was in Berlin? Die Antwort: Chris, 19 Jahre, aus den USA, Austauschschüler in Stuttgart, am Montag mit drei Freunden nach Berlin zum Konzert von Dave Matthews Band ("Damn, niemand kennt ihn") gefahren - und jetzt aus Lust am Saufen beim Pub Crawl dabei.

22.26 Uhr
Fußmarsch zur Straßenbahn-Haltestelle um die Ecke: Die Bahn kommt. "Get in!" 60 Menschen mit einem Alkoholpegel von leicht angeheitert bis sturzbetrunken drängen sich in den Wagen. Reiseleiter James kippt einem Kerl Wodka-O in den Mund, Schnapsgläser werden herumgereicht, die Leute stolpern, brabbeln. Zwei junge Berlinerinnen schmunzeln, eine ältere Frau schaut abschätzig. Ob es nicht mal Probleme mit dem Tram-Fahrer gab? James schüttelt den Kopf.

23.10 Uhr
Im "Fire", einer Mischung aus Kneipe und Club, angekommen. Der Türsteher erwartet die Meute. "Wir haben extra eine Stunde früher aufgemacht." Eine Irin ganz in Schwarz gekleidet, wird schlecht. Sie übergibt sich, die lange Perlenkette baumelt am Hals.

00.00 Uhr
Es geht weiter. Die zwei Philippinerinnen in der Truppe sind erstaunlich fit: Sie torkeln nicht, sie lallen nicht. Sie leben in New York, arbeiten als Programmierinnen, sind um die 30, erzählen sie. Und dass sie gern trinken. Entweder sind sie hart im Nehmen - oder sie nehmen nicht viel.

00.20 Uhr
20 Minuten Fußmarsch zurück zum Hackeschen Markt. Viele trödeln, Chris und Ceonie knutschen. Am Sammelpunkt lallt Molly, ein 19-jähriges Chicago-Girl mit weißer Sonnenbrille, immer wieder: "I want to get drunk." Sie kann sich kaum noch auf den Beinen halten.

00.42 Uhr
50 Meter vor dem Club, der Endstation der Sauftour. James steht vorm Eingang, drei Mädchen betteln nach Wodka. Doch es gibt nichts mehr. Der Türsteher guckt finster. Er lässt trotzdem jeden rein. Dabei sehen längst nicht alle volljährig aus. Den ganzen Abend schient niemand nach einem Ausweis gefragt zu haben - keiner von den Pub Crawl-Leuten, kein Barkeeper, kein Türsteher.

01.10 Uhr
Die Tanzfläche ist nicht gerade voll. Fast alle Besucher sind Sauftouristen. Partystimmung - außer auf der Damentoilette. Eine hängt über der Kloschüssel, eine andere hat es nicht bis dahin geschafft. Wie war das mit dem Gaststättengesetz? Betrunkene dürfen keinen Alkohol mehr bekommen? Das scheint den ganzen Abend niemanden zu interessieren. Die Sauftouristen selbst haben nicht mitgezählt. Die aktuelle Debatte um Koma-Saufen und ein Alkoholverbot für Jugendliche schert sie nicht.

01.28 Uhr
Ceonie sieht unglücklich aus. Chris ist nicht mehr bei ihr, sie wischt sich Tränen aus dem Gesicht.

01.40 Uhr
Bessere Musik - endlich kein Brian Adams-Oasis-House-Mix mehr. Das schottische Pärchen strahlt. Abend gelungen? "Oh yeah! Let"s dance, dance, dance", schreit Jamie. "Endlich Feierabend", sagt indes Reiseleiterin Melanie müde. Sie winkt sich und ihrem Kollegen ein Taxi herbei. Morgen geht es wieder hinaus in die Nacht - "free shots all night".

* Namen von der Redaktion geändert.

Korrektur:
In der Bar "Silberfisch" gab es beim Kauf eines alkoholischen Getränks einen Schuss Apfelschnaps umsonst dazu und nicht, wie hier zunächst beschrieben wurde, Wodka. Der Veranstalter verweist darauf, dass das Verhältnis von Wodka zu Orangensaft in dem von den Reiseleitern ausgeteilten Getränk nicht - wie hier zunächst behauptet - eins zu eins ist, sondern niemals stärker als eins zu zwei. Außerdem verlautet der Veranstalter - entgegen der Beobachtung der Autorin -, dass jeder Tour-Teilnehmer, der jünger als 22 Jahre alt aussieht, kontrolliert wird. Wir bitten, diese Fehler zu entschuldigen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: