Holocaust-Überlebender Friedländer im Bundestag Vom Unfassbaren erzählen

Er überlebte, weil seine Eltern ihn in einem katholischen Internat versteckten: Im Bundestag erinnert der Historiker Saul Friedländer an das Unfassbare - und ruft die Deutschen zum Kampf für die "wahre Demokratie" auf.

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Nach einer guten Stunde ist an diesem kalten Januarmorgen schon wieder alles vorbei. Mit Parlamentspräsident Wolfgang Schäuble an der Spitze verlassen die höchsten Repräsentanten des Landes das Plenum des Bundestags, darunter Kanzlerin Angela Merkel und Staatsoberhaupt Frank-Walter Steinmeier. Die Stühle, auf denen sie eben noch vor den Abgeordnetenreihen saßen, werden von den Saaldienern weggeräumt, genau wie der weiße Blumenschmuck vom Pult der Stenografen.

Wenige Minuten später wird der Bundestag mit dem ersten Punkt der normalen Tagesordnung für diesen Donnerstag beginnen, ab 10.35 Uhr geht es um den Jahreswirtschaftsbericht 2019.

Aber business as usual ist an diesem 31. Januar fürs Erste nicht möglich. Nicht nach der Rede, die Bundestagspräsident Schäuble zuvor gehalten hat. Vor allem aber nicht nach dem Auftritt von Saul Friedländer.

Friedländer, 86, ist ein rüstiger Herr mit schlohweißem Haar, er hat das Plenum an der Seite des Bundespräsidenten verlassen. Aber seine Rede hallt hier noch lange nach.

Vor 23 Jahren war der 27. Januar, an dem 1945 das Konzentrationslager Auschwitz von sowjetischen Soldaten befreit wurde, zum deutschen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erklärt worden. Seit 1996 gibt es also im Bundestag eine entsprechende Gedenkstunde rund um dieses Datum, diesmal hat man Saul Friedländer als Redner eingeladen.

Friedländer wurde 1932 als Sohn einer jüdischen Familie in Prag geboren. Er überlebte den Holocaust, weil seine inzwischen nach Frankreich geflohenen Eltern ihn dort in einem katholischen Internat unter anderer Identität unterbrachten, Vater und Mutter wurden später in Auschwitz ermordet. Er wanderte nach Palästina aus, kämpfte 1948 im israelischen Unabhängigkeitskrieg, studierte und wurde schließlich ein bedeutender Historiker. Forschungsschwerpunkt: die Geschichte des Nationalsozialismus, vor allem des Holocaust.

Aber an diesem Tag spricht hier weniger der Wissenschaftler, der zu erklären versucht, was auch bald 74 Jahre nach Ende des Dritten Reichs noch so unbegreiflich wirkt, sondern der Betroffene. Der Überlebende.

Dass Friedländer an diesem Tag auf Deutsch spricht, für das er sich, obgleich perfekt, anfangs entschuldigt, macht seine Schilderungen noch eindrücklicher: Die Eltern, erzählt Friedländer, sprachen seinerzeit in Prag zu Hause fast ausschließlich in dieser Sprache, "die ich über viele Jahre vergessen hatte, die ich später - jedoch nicht in der Schule - zurückerwarb und derer ich mich nur sehr selten bediene". (Lesen Sie hier die Rede im Wortlaut).

"Primärgefühl der Fassungslosigkeit bewahren"

In seinem Werk hat Friedländer dafür plädiert, das "Primärgefühl der Fassungslosigkeit zu bewahren". Und genau das transportiert er an diesem Morgen ins deutsche Parlament. Oben auf den Tribünen sitzen weitere Überlebende unter den Ehrengästen, aber auch viele Schüler hat man eingeladen.

Seine Eltern konnten sich nicht vorstellen, dass sie wie Millionen weiterer Juden von Deutschen ermordet werden würden. Warum denn auch? "Ich hatt' einen Kameraden" war das erste Lied, das er auf dem Klavier spielen konnte, erzählt Friedländer.

Überlebender Friedländer
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Überlebender Friedländer

Aber dass Adolf Hitler spätestens ab 1939 öffentlich und dann immer wieder über seine Pläne sprach, die Juden auszulöschen, das betont Friedländer ebenfalls. Die Betroffenen wollten es bloß oft nicht glauben, bis es zu spät war - und die meisten Deutschen wollten anschließend nichts gewusst haben.

Je länger zurückliegt, was damals geschah, umso größer wird im Grunde genommen trotz aller Forschung und Erklärungsversuche die Fassungslosigkeit. Und gleichzeitig, darauf hat Bundestagspräsident Schäuble zuvor verwiesen, bestimmt der Holocaust nach wie vor das deutsche Selbstverständnis mit.

"Keine Nation kann sich ihre Geschichte aussuchen oder sie abstreifen", sagt der CDU-Politiker. "Geschichte ist die Voraussetzung der Gegenwart, und der Umgang mit ihr ist die Grundlage der Zukunft jedes Landes." Schäuble betont: "Aus der deutschen Schuld erwächst unsere Verantwortung, nicht vergessen zu wollen."

Weil das aber immer schwerer wird, die Zeit des Nationalsozialismus für die nachwachsenden deutschen Generationen immer abstrakter wirkt, sind Menschen wie Saul Friedländer so wichtig. Weil er als vom Unfassbaren Betroffener zumindest erzählen kann. Und weil er die gigantischen Zahlen, die Millionen ermordeter Juden, Homosexueller, Sinti und Roma, Kriegsgefangener und weiterer Naziopfer, greifbar macht.

Gauland hört aufmerksam zu - und klatscht

Während Friedländer spricht, sitzt nur ein paar Meter entfernt, in der ersten Reihe der AfD-Abgeordneten, Alexander Gauland. Der Fraktionschef hat das "Dritte Reich" als "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte bezeichnet, der Verfassungsschutz wirft der Partei in Teilen die Relativierung des Nationalsozialismus vor. Nun hört Gauland - so sieht es zumindest aus - sehr aufmerksam zu. Er applaudiert an den zentralen Stellen, so wie die meisten seiner Kollegen, am Ende erhebt sich die komplette Fraktion.

Vor acht Tagen hatte bei einer Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Bayerischen Landtag ein Großteil der dortigen AfD-Fraktion den Plenarsaal verlassen, als die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch, die AfD in ihrer Rede direkt angegriffen hatte.

Deutschland als "Bollwerk" gegen Nationalismus

Friedländer verzichtet am Donnerstag auf solche expliziten Attacken. Die Wirkung seiner Rede schmälert das nicht. Besonders ergreifend ist es, wenn er schildert, wie Tod oder Überleben von der Willkür anderer abhängig waren: Seine Eltern wollten die Flucht durch die Alpen hinüber in die Schweiz nicht mit dem kleinen Saul wagen, deshalb ließen sie ihn in dem Internat zurück. Als sie von der Schweizer Grenzpolizei im September 1942 gefasst wurden, stellte sich heraus, so erzählt es Friedländer, dass just in dieser Woche jüdische Flüchtlinge mit kleinen Kindern bleiben durften - seine Eltern dagegen wurden zurück nach Frankreich geschickt.

Die Lebensgeschichte von Saul Friedländer ist ein Wunder. Ein Wunder ist es auch, dass er den Glauben an Deutschland nicht verloren hat - heute ist das Land der Mörder seiner Eltern für ihn "wie viele Menschen weltweit" sogar eines der "starken Bollwerke" gegen Nationalismus, Extremismus und Autoritarismus. Sein Appell: "Wir alle hoffen, dass Sie die moralische Standfestigkeit besitzen, weiterhin für Toleranz und Inklusivität, Menschlichkeit und Freiheit, kurzum, für die wahre Demokratie zu kämpfen."

Anständige Menschen gab es aus Friedländers Sicht natürlich schon immer in Deutschland. Am Ende seiner Rede erinnert er an Hans von Dohnanyi, der noch im April 1945 hingerichtet wurde, weil er Juden zur Flucht verholfen hatte. Warum er das im Wissen der drohenden Todesstrafe getan hatte? "Es war einfach der zwangsläufige Gang eines anständigen Menschen", so zitiert ihn Friedländer.

Wenn man Saul Friedländer richtig versteht, sind für ihn heute die anständigen Menschen in der großen Überzahl in Deutschland. Und er wünscht sich, dass es so bleibt.

insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
graf koks 31.01.2019
1. Wahre Demokratie
Wahre Demokratie, was ist das? Von Linken bis AfD reklamieren alle für sich, wahre Demokratie zu wollen.
melnibone 31.01.2019
2. Zum nicht Vergessen ...
Nachschauen. ´Die guten Feinde - Mein, Vater die Rote Kapelle und ich´. Nicht vergessen in den ´Vogelschissverklärungszeiten´ ... ist eminent wichtig. Herr Gauland hat sich für immer verewigt. Die BRD zeigt nicht erst seit es die AfD gibt, eine seltsame Sicht auf ihre Vorgängerversion.
Peter M. A. Lublewski 31.01.2019
3. Solange in Deutschland solches
"....und ruft die Deutschen zum Kampf für die "wahre Demokratie auf" Zeug wie die AfD oder noch weiter rechts Orientierte ihr Gift verspritzen, könnte Herr Friedländer auch vor eine Wand reden.
madameping 31.01.2019
4. @ graf koks Heute, 17:04 1. Wahre Demokratie
Die Begrifflichkeit der "wahren Demokratie", die Sie hier hinterfragen, sollte als Metapher für Anstand und Menschlichkeit betrachtet werden - ich denke, dass ist es, was Herr Friedländer damit gemeint hat.
Uwe, Agentin der Liebe 31.01.2019
5. Ach, der Anstand
Aber sind es nicht immer auch die anständigen Menschen, die es in ihrem Anstand zulassen, dass das Unfassbare immer so sehr an Boden gewinnen kann, weil es ja jedem Anstand widerspricht. Weil es ja einfach nicht wahr sein kann. Die anständigen Menschen müssen daher heute die wachsamen Menschen sein. Das Schreckliche ist doch, das überall auf der Welt in unterschiedlichen Stufen der Anstand verschwindet. Im Namen von Religionen und ihren Substituten wie jenen der Ökonomie, des gesunden Menschenverstandes, des Pragmatismus, der Effizienz, der Technik etc. In einer Digitaldiktatur braucht sich niemand mehr zu verstecken.
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