Sexismus-Debatte in Berlin "Tragen Sie doch eine Burka"

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli wirft einem Ex-Botschafter Sexismus vor. Auf Facebook erntet sie dafür antimuslimische Kommentare. Die Debatte zeigt, wie eng Sexismus und Rassismus heute verbunden sind.

Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli
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Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli

Ein Gastbeitrag von Ferda Ataman


Zur Autorin
  • Thomas Lobenwein
    Ferda Ataman, Jahrgang 1979, ist Journalistin und Mitgründerin der "Neuen deutschen Medienmacher" und Sprecherin der "Neuen Deutschen Organisationen", einem Netzwerk von mehr als 100 Vereinen und Initiativen, die sich bundesweit für die Akzeptanz von Vielfalt und gleichberechtigte Teilhabe einsetzen. Sie lebt in Berlin.

Während Hollywood über sexuelle Übergriffe des Filmproduzenten Harvey Weinstein diskutiert, durchlebt Berlin gerade seine ganz eigene Sexismus-Debatte. Die 39-jährige Staatssekretärin und frühere Sprecherin des Auswärtigen Amtes Sawsan Chebli hat vergangenes Wochenende an einer Veranstaltung teilgenommen und sollte ein Grußwort halten. Einer der Gastgeber, ein deutscher Botschafter a. D., erkennt sie nicht und sagt überrascht: "Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind sie auch so schön." Chebli greift das in ihrer Rede kurz auf, sagt, es sei schön, "am Morgen mit so vielen Komplimenten behäuft zu werden". Doch sie ärgert sich. Kurz darauf postet sie auf ihrer Facebook-Seite, was sie erlebt hat. "Unter Schock - Sexismus" steht darüber. "Klar, ich erlebe immer wieder Sexismus", schließt sie ihre Schilderungen ab. "Aber so etwas habe ich auch noch nicht erlebt."

Über 2.500 Likes und rund drei Tausend Kommentare finden sich inzwischen unter ihrem Post. Auch Politiker und Medien befassen sich mit dem Thema. Immer geht es um die Frage, ob es legitim ist, ein freundlich gemeintes Kompliment sexistisch zu finden und ob ihr Kommentar nicht "echten Sexismus" verharmlose. Ein Kollege vom "Tagesspiegel" wirft Chebli beispielsweise vor, die "Weinsteins dieser Welt" zu "verzwergen". Ich wundere mich, dass darüber ernsthaft diskutiert wird, denn die Antwort liegt eigentlich auf der Hand: Natürlich ist das Sexismus. Und in Hollywood geht es nicht um Sexismus, sondern um sexuelle Übergriffe. Das sind zwei verschiedene Dinge, auch wenn in beiden das Wort Sex vorkommt und meistens Frauen betroffen sind.

Das setzt allerdings voraus, dass man weiß, was Sexismus ist. Laut Definition sind das Stereotype und Verhaltensweisen, die dazu führen, dass Männer und Frauen "einen ungleichen sozialen Status" haben. Das Synonym dafür lautet: "Geschlechtervorurteil". Es muss also keine Handgreiflichkeit stattfinden, kein Fummeln, Kneifen oder Grapschen, es reichen ein paar "nette Worte", die zeigen, wie sexistisch eine Ansicht ist. Zu glauben, eine junge und schöne Frau kann keine höchste Beamtin in einem Ministerium sein, ist Sexismus par excellence.

Auf bestimmte Posten kommt man nicht als junge Frau

Der Fall Chebli zeigt, dass Deutschland in Sachen Sexismus noch viel nachholen muss. Unwissen überall. Das gilt für Männer und Frauen übrigens gleichermaßen. Chebli wurde in einem waschechten Shitstorm unter ihrem Post nicht nur von empörten Männern, sondern auch von vielen Geschlechtsgenossinnen angegriffen.

Die Verteidiger des Ex-Diplomaten erklären, er hätte doch nur ein Kompliment gemacht. Aber ist das so? Der überraschte Mann hat nicht gesagt, Chebli sei jung und schön, er sagte, sie sei "so jung" und "so schön" - mit anderen Worten: zu jung und zu schön für Staatsminister. Ob nett gemeint oder nicht: die Aussage, wie sie gefallen ist, und die Reaktionen darauf zeigen, wie stark Diskriminierung aufgrund des Alters und Geschlechts gesellschaftlich verankert ist. Wir leben in einem Land, in dem das Senioritätsprinzip gilt: auf bestimmte Posten kommt man erst ab einem bestimmten Alter. Und eher, wenn man ein Mann ist. Und schon gar nicht, wenn man eine junge, schöne Frau ist. Leistung als reines Aufstiegskriterium ist eine Mär.

Außerdem zeigt der Fall Chebli eine fatale Verquickung von Sexismus und Rassismus. Ihr Post brachte die unter der Oberfläche brodelnde starke Ablehnung von Muslimen ans Tageslicht. Fast alle negativen Kommentare drehen sich um Cheblis palästinensische Herkunft und Religion. Chebli wird vorgehalten, sie sei eigentlich eine erzkonservative Islamistin und für die Einführung der Scharia. Häufiger fällt der Satz, sie solle doch eine Burka tragen, wenn sie so empfindlich sei. Und überhaupt: In ihrer "Herkunftsethnie" sei der Sexismus doch "an der Tagesordnung", was sie sich aufregt. Ein anderer versteht es genau deswegen: "Für muslimische Verhältnisse mag ja solch ein Kompliment schon als Sexismus empfunden werden."

Wir grapschen doch nicht!

Die Haltung, die in der Debatte zutage tritt, sieht etwa so aus: Da kommt eine Muslimin aus einer Flüchtlingsfamilie und beschimpft einen Deutschen als Sexisten, bloß weil der ihr sagt, sie sei jung und schön. Dabei sollte sie dankbar sein, dass sie Staatssekretärin in Berlin sein darf. Zu Hause könnte sie das nicht!

Mal Hand aufs Herz: Diese Haltung findet sich nicht nur in Hasskommentaren im Internet. Sie findet sich auch in breiten Teilen der Gesellschaft. Es will für viele einfach nicht ins eigene Bild passen: Wir Deutschen sind doch für die Gleichstellung der Frau. Wir grapschen nicht, würdigen Frauen nicht herab und erlauben ihnen sexuelle Freiheit. Hier paart sich eine problematische Vorstellung von abstammungsbezogener und moralischer Reinheit.

Christliche Deutsche sind für Demokratie, Gleichberechtigung, Frieden. Muslimische Einwanderer stehen dagegen für totalitäre Systeme, die Unterdrückung der Frau und potenzielle Gefahr.

Der Botschafter a. D. hat sich übrigens inzwischen bei Sawsan Chebli per E-Mail entschuldigt. Das zeugt von Größe. Es kann einem etwas herausrutschen, das bei näherer Betrachtung nicht hätte gesagt werden dürfen. Die Sexismus-Argumente sind offenbar bei ihm angekommen. Bei vielen anderen nicht. Sie sehen hier immer noch eine muslimische Frau als infame Angreiferin und einen älteren, weißen Mann als Opfer. Ich bin sehr gespannt, wann sich die AfD auf das Thema setzt.



insgesamt 656 Beiträge
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anti-empath 21.10.2017
1. überflüssig
Haben diese Aktivistinnen keine richtigen Aufgaben im Leben? Ich wünsche Ihnen mal echte Probleme, um etwas zu schaffen und zu lösen
Esib 21.10.2017
2. Albern
Das Übelste an der Sache bleibt, dass die völlig harmlose Bemerkung dieses Botschafters als "Sexismus" deklariert wird. Da braucht sich niemand wundern, wenn sich Männer mit dem Finger an die Stirn tippen und aus der Diskussion verabschieden.
bausa 21.10.2017
3. Einfach banal
das Ganze.Es scheint nichts wichtegeres zu geben, als sich über Sexismus auszulassen. Zukünftig wird schon das Anschauen von Frauen unter Strafe gestellt.
demokritos2016 21.10.2017
4. wohl nicht ganz so
Wie man der Morgenpost entnehmen konnte, weicht Frau Cheblis Darstellung von der einer indischen Podiumsteilnehmerin doch ganz erheblich ab: 1. Behauptete Frau Chebli, auf dem Podium hätten nur Männer gesessen – die Dame übersah sie; ist das nicht auch Sexismus? 2. Kam sie zu spät und setzte sich eben nicht auf den für sie reservierten Platz. 3. Hat der Botschafter a. D. sich wohl anders, deutlich charmanter ausgedrückt. 4. Hielt sie ihre Rede nicht, wie sie behauptete, frei, sondern las sie ab. Wer ihre Auftritte als Pressesprecherin des Auswärtigen Amtes bei youtube ansieht, wird bei ihr wahrlich keine freie Rede vermuten. Könnte es nicht vielmehr sein, dass sie verschnupft war, weil sie nicht öffentlich sofort wahrgenommen wurde und deshalb bei Facebook mit Entrüstung reagierte?
fvaderno 21.10.2017
5. Da sehe ich mit der Autorin fat keine Übereinstimmuing
Deutet ein Kompliment auf Sexismus hin? Die Aussage beinhaltet 2 Komplimente: Sie wird für schön gehalten und sie wird bewundert, dass sie es im Vergleich zu anderen schnell in diese Position aufgestiegen ist. Solche Aussagen waren in unserem Kulturkreis nie für sexistisch gehalten worden! Ich kann mir die Empörung der betroffenen Frau aus zwei Gründen erklären: Sie zählt zu für meine Begriffe zu extremen Feministen oder dies ist religiös motiviert. Extremismus verurteile ich in fast allen Fällen! (Akzeptabel ist etwa eine extrem hohe Motivation eines Sportlers.)
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